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  Online gegen Print - Das ist Brutalität

Letztes Beispiel Easongate.com: Wie Weblogs am Monopol der Glaubwürdigkeit von Print-Produkten nagen.

Nicholas Negroponte prognostizierte in seinem Buch "Being Digital" 1995: "Je mehr Bits und je weniger Atome wir transportieren, desto unwichtiger wird der Besitz von Druckereien. Auch die Bedeutung eines weltweiten Reporternetzes wird schwinden, sobald talentierte Freelancer ihren elektronischen Weg direkt in die Wohnzimmer gefunden haben."

"Sandalenträger statt Massenmedien"
Der Publizist Peter Huber, damals wie Negroponte am MIT in Cambridge tätig, schrieb bereits 1992: "Die Massenmedien werden durch das Internet dramatisch ihre politische Macht verlieren. Sie wird übergehen in Gemeinschaften von Ladenbesitzern, Hausfrauen, Fruchtsafttrinkern, Nudisten, Sandalenträgern, Pazifisten u.a."

Diese und ähnliche Prophezeiungen sammelt das “PEW Internet & American Life“ Projekt. Mitte Jänner wurden die Ergebnisse einer Befragung zur Zukunft des Internet aus heutiger Sicht veröffentlicht. Eine Vorhersage: "Im Zeitalter der Weblogs werden sich die radikalsten Änderungen der Gesellschaft im Nachrichten- und Verlagswesen abspielen."

Reichweite von Tageszeitungen sinkt
Nun könnte man anhand der Prognosen aus den 90er Jahren sagen: Angekündigte Revolutionen finden selten statt. Noch haben die Druckereien ihre Bedeutung nicht verloren und auch die Nudisten sind noch immer nicht an der Macht.

Dass die Vorhersagen aber auf beobachtbaren Tendenzen beruhen, ist nicht zu übersehen. Wie Peter Glotz in seinem Buch "Online gegen Print" (2004) schreibt, ist etwa die Reichweite des Mediums "Tageszeitung" bei den 14- bis 29-Jährigen in den letzten 25 Jahren von 72 auf 50 Prozent gesunken.

Finanzielle Schwierigkeiten der Verlage
Geht der größte Teil des Verlusts auf das Konto des Fernsehens, so kam mit dem Internet in den vergangenen zehn Jahren ein neuer Konkurrent hinzu. Noch dramatischer sieht es auf Seiten der Anzeigemärkte aus: Das Internet hat vor allem bei den Rubrikenanzeigen starke Veränderungen gebracht, entsprechende Portale bieten den gleichen Content weit aktueller und bedienungsfreundlicher an.

Bei vielen Verlagen, die sich bis zu 30 % aus diesen Anzeigenmärkten finanzierten, hat dies bereits Folgen gezeigt. Die FAZ-Gruppe, Süddeutscher Verlag oder die NZZ-Gruppe schlossen das Geschäftsjahr 2002 etwa mit mehreren Millionen Euro Minus ab.

In dieser Situation wirtschaftlicher Schwierigkeiten auf der einen, Änderungen im Konsumverhalten auf der anderen Seite, scheint zumindest ein Monopol noch gewahrt: die journalistische Glaubwürdigkeit. Sollte auch sie noch verloren gehen, könnte die eingangs zitierte Prognose tatsächlich eintreffen.

Weblogs rütteln am Glaubwürdigkeitsmonopol
Anzeichen dafür gibt es. Einer der Kandidaten für ein Rütteln am Glaubwürdigkeitsmonopol sind Weblogs. Nach den Warblogs des Irak-Kriegs waren es zuletzt die Tsunami-Blogs, die zeigten, wie schnell, authentisch und "hautnah" sie auch im Sinne der journalistischen News-Produktion sein können. Dabei spricht der begleitende Diskurs bisher von einer Entgegensetzung von Journalismus und Weblogs.

Auf der einen Seite sind die JournalistInnen: Um eine/r zu werden gilt es, bestimmte Ausbildungen zu durchlaufen und tradierte Regeln zu befolgen. Wichtig ist die klassische Trennung von Fakten und Meinung. Auf der anderen Seite die Blogger: Jede/r kann eine/r werden, sie sind unabhängig, es gibt weder Chefredakteure noch Anzeigekunden. Wenn sie über ihre Erlebnisse berichten oder politisch Stellung beziehen, wägen sie nicht ab, sondern bleiben radikal subjektiv.

Oder wie es unlängst der Netzanalytiker Clay Shirky schrieb: Während Journalisten erst filtern und dann publizieren, publizieren Blogger zuerst und filtern danach.

"Erfolgsgeschichten": Rathergate und Easongate
Diese starre Entgegensetzung beginnt sich aufzulösen. Davon zeugen nicht nur die Praxen etablierter Medien, Starblogger als Online-Kolumnisten anzustellen. Das zeigt sich auch in der zunehmenden politischen Bedeutung mancher Blogs, die auf einer Aufwertung ihrer Glaubwürdigkeit beruht.

Ein Beispiel dafür sind die "Erfolgsgeschichten" investigativer Weblogs aus den USA: Rathergate.com trug zum Sturz des langjährigen CBS-Reporters Dan Rather bei, Easongate.com zu jenem des CNN-Nachrichtenchefs Eason Jordan erst vor wenigen Tagen. Beide hatten Kritik an der US-Regierung geübt und wurden u.a. von als "Grassroot-Journalisten" agierenden, konservativen Bloggern aus ihren Ämtern gejagt.


Das Glaubwürdigkeitsmonopol des Journalismus, oder zumindest sein Anspruch darauf, wird durch diese Rückbesinnung des Internets auf seine frühen Stärken dezentralen Info-Austausches einmal mehr ins Wanken gebracht. Darin ist viel utopisches Potenzial enthalten, Skepsis ist aber nicht nur hinsichtlich der erwähnten Beispiele angebracht. Und mögliche ökonomische Konsequenzen sind daraus noch nicht abzusehen.

Literatur:
Erik Möller. Die heimliche Medienrevolution, Heise Verlag 2005
Peter Glotz/Robin Meyer-Lucht (Hg.). Online gegen Print, UVK 2004
Hugh Hewitt. Blog: Understanding the Information Reformation That's Changing Your World. 2005

online seit 17.02.2005 14:35:56 (Printausgabe 25)
autorIn und feedback : wiesel


Links zum Artikel:
www.elon.edu/predictions/PEW Predictions
medienrevolution.dpunkt.de/Die heimliche Medienrevolution
www.nieman.harvard.eduNieman Reports: Weblogs and Journalism (pdf)
blogtalk.net/Blog Talk 2.0



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