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  Gute Gene, Schlechte Gene!

Good neighbourhood communications - behutsame Kommunikationsstrategien und "transgene Kunst" als PR-Spektakel der Biotechindustrie.

Dass kritische Kunst eine wichtige Rolle im Legitimationsdiskurs von (gen-technologischen Entwicklungen spielt ist bekannt. BioTech-Industrien treten entsprechend schon seit längerem als Sponsoren von zentralen Kunstausstellungen zu Bio- und Gentechnologie auf (z.B. Ars Electronica). Das Berliner MedienaktivistInnenkollektiv "hybrid video tracks" beschäftigt sich seit längerer Zeit mit den Kommunikations- und PR- Strategien der Gen-LobbyistInnen und untersuchte mit Projekten wie "Biotechcitylimits" die Mechanismen dieser vermeintlich erfolgreichen Branche. Derzeit arbeiten Sie an einer Fernsehsoap mit dem Titel Gute Gene, schlechte Gene , das in einem BioTech-Start-Up Unternehmen spielt, sowie an der Realisierung der Ausstellung "Put On Your Blue Genes", eine Kritik der BioTechArt.

Euer Projekt "Biotechcitylimits" bestand aus einem Messestand bzw. einer mobilen Einheit , in der ihr Untersuchungen über Ökonomie, PR und Kommunikationsstrategien der Biotech-Branche angestellt habt. Was interessierte euch an dieser Thematik?

Als MedienaktivistInnen interessieren uns die Mechanismen, wie Öffentlichkeiten formiert werden. Wir haben uns vor einiger Zeit mit der Rolle der Medien im Krieg beschäftigt und haben hier die wachsende Bedeutung von privaten PR-Agenturen untersucht. Schon damals ist uns aufgefallen, dass auf privatwirtschaftlicher Seite die PR-Tätigkeiten für die Lobby-Verbände der BioTech-Branche ein Fallbeispiel par excellence sind, um die Bedeutung langfristiger, auf europäischer Ebene angelegter Kommunikationsstrategien aufzuzeigen. Zum zweiten haben wir uns gefragt, wo die Zentren einer neuen Wertschöpfungsdynamik liegen. Wir haben uns den neuen Aneignungsstrategien im Bereich der Ausweitung von Copyright- und Patent-Regelungen gewidmet und sind hier auch auf den Komplex der Biopatente, der weitgehend privaten Aneignung der natürlichen biologischen Ressourcen, gestoßen. Gleichzeitig ist uns aufgefallen, dass der mit der biotechnologischen Revolution gerne herbei geredete ökonomische Boom Augenwischerei ist. Die Branche ist in der Krise, Arbeitsplätze werden dort eher abgebaut, als neu geschaffen und man hofft in Deutschland, dass der Prozess der "Gesundschrumpfung" in einigen Jahren abgeschlossen ist. Wir fragen uns besorgt: Was soll mit all den BioTech-Parks geschehen, die derzeit in jeder mittelgroßen Stadt errichtet werden?

"Fortschritt für die Menschheit" und "Sieg über die Geißeln der Menschheit wie AIDS und Krebs" sind Allgemeinplätze aus dem PR-Programmen der Gentechnologie-Industrie. Die Erzeugung positiver Wahrnehmung ist nur eine Strategie mit dieser Thematik behutsam umzugehen. Auf welche weiteren Punkte der strategischen Meinungsbildung seit Ihr bei eure Recherche gestoßen?

Die Erzeugung positiver Wahrnehmung, die Personalisierung von vorgeblichen Erfolgsgeschichten, das Fernbleiben von den Themenfeldern, zu denen die Kritik offensichtlich die besseren Argumente in den Händen hält, all das sind eigentlich noch die klassischen Techniken der PR-Branche. Wirklich neu sind hingegen diese behutsamen Kommunikationsstrategien, die auf eine Einbindung der Kritik setzen. Die reine Mitteilungskommunikation gehört der Vergangenheit an, Transparenz und Dialogorientierung erhöhen die Glaubwürdigkeit, so die PR-Agentur Genius, die den Erprobungsanbau von genetisch verändertem Mais in Deutschland letztes Jahr begleitete und mit dem Webprojekt transgen.de Pro- und Contra-Argumente scheinbar ausgewogen in der Öffentlichkeit repräsentierte.

In dem vermeintlichen Lehrvideo "BioTech-Communications Starter Lehrgang" vermittelt Ihr die Essentials einer effizienten Kommunikationsstrategie in der Bio-Tech Branche und enthüllt dabei wesentliche Tricks der Gen-LobbyistInnen. Ihr bedient euch also des Vokabulars der Biotech- Wirtschaftsszene. Findet diese Umdeutung auch umgekehrt statt?

Natürlich. Der Risiko-Diskurs der BioTech-KritikerInnen wird bewusst aufgegriffen und umgedeutet, um einem "Risiko für Mensch und Umwelt" argumentativ ein "Risiko des Nicht-Handelns" (also: verpasste ökonomische Chancen, verpasste Chancen zur Heilung bestimmter Krankheiten etc.) entgegen stellen zu können. Auch mit ihren Namen, Logos und Schrifttypen kapert die BioTech-Branche Symbole und Begriffe der ehemaligen Alternativbewegung. So haben sich die lokalen BioTech-Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland zu "Bio-Regionen" und nicht etwa zu "BioTech-Regionen" zusammengeschlossen und ein Unternehmen wie "sungenes" führt natürlich eine Sonnenblume im Logo. Man muss sich in diesem Zusammenhang klar machen, dass in diesen PR-Unternehmen vielfach eben jene jungen, durchaus weltoffenen Kreativen sitzen, denen die Diskurse einer urbanen Linken oder die Symbolik der Alternativbewegung geläufig sind oder die selbst sogar von diesen Bewegungen geprägt wurden. Hey, there is no evil empire, but only corporate good neighborhood communications.

"Der Umgang mit gesellschaftlicher Empörung ist wichtiger als die Eindämmung der eigentlichen Umweltkatastrophe" entnehme ich Eurem Aufsatz "Informationskrieger". Ihr bezieht euch damit auf Aussagen von Thomas Buckmaster, Vorsitzenden der PR-Agentur von Exxon, in Bezug auf Lobby-Politik während der Exxon-Ölkatastrophe in Alaska. Wie schätzt Ihr den Einfluss der PR-Branche auf die öffentliche Debatte ein?

Es gibt tatsächlich diese offene, machiavellistische Tradition in der PR-Branche, in der deutlich zum Ausdruck gebracht wird, um was es geht. Aber das sind eigentlich schon Nestbeschmutzer, die dem positiven Image des neutralen Kommunikationsdienstleisters, das die PR-Branche lieber pflegt, entgegenstehen. Insgesamt ist der Einfluss der PR-Branche auf die öffentliche Debatte eher strukturell. Dadurch, dass PR-Unternehmen die Argumente ihrer Auftraggeber verstärken, werden insgesamt die großen Player, die sich diese Kommunikationsspezialisten finanziell leisten können, im Spektakel einer demokratischen Öffentlichkeit weiter gestärkt. Hier wird wirklich sehr genau analysiert, auf welche Teilöffentlichkeiten und relevanten Akteure mit welchen Maßnahmen und Inhalten wie eingewirkt werden muss. Die "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft" (INSM) ist beispielsweise eine riesige PR-Maschine des Bund Deutscher Industrieller, die seit 1999 mit einem jährlichen Budget von 10 Millionen Euro den Bürgern die Notwendigkeit des neoliberalen Sozialabbaus verklickern soll. Die Dauerkampagne beinhaltet Medienkooperationen mit der Financial Times, der FAZ und sogar mit dem Musiksender MTV und umfasst ein ganzes Heer prominenter Botschafter - vom Ex-Bundesbank-Präsidenten über Politiker der Grünen bis hin zum Fußball-Nationalmannschafts-Hilfstrainer Oliver Bierhoff.

Ihr organisiert im September 2005 eine Ausstellung in der NBGK Berlin (Neue Gesellschaft für Bildende Kunst) mit dem Titel "Put On Your Blue Genes" Es geht um Kunst bzw. Biotechart als affirmatives PR-Spektakel für Biotechfirmen und kritische Gegenmodelle dazu. Welche Rolle spielt Kunst im Legitimationsdiskurs von biotechnologischen Entwicklungen und welche kritischen künstlerischen Strategien werdet ihr präsentieren?

Diese BioTech-Art oder "transgenen Kunstwerke", also z.B. fluoreszierende Tiere, denen ein Quallen-Gen künstlich eingesetzt wurde, bilden nur die Spitze des Eisbergs eines von den BioTech-Industrien erwünschten Durchsetzungsspektakels im Bereich der Kunst. Auch viele von ihrem Grundanliegen kritisch gemeinte künstlerische Arbeiten funktionieren, solange sie nicht die sozialen und mikropolitischen Machteffekte thematisieren nur als Gewöhnung an den Schock. Schon 1999 trat der BioTech-Multi Novartis als Hauptsponsor der Ars Electronica auf, die sich ganz dem Thema Life Science widmete. Explizit sind bei solchen Großausstellungen natürlich auch kritische Beiträge zur Bio- und Gentechnologie erwünscht, denn auch die Kritik belegt letztendlich den Anspruch der Life Sciences Leitwissenschaft sein zu wollen.
Interessant finden wir hingegen Ansätze von Gruppen wie bürobert oder minimal club, die in den 90er Jahren die Durchsetzung eines genetischen Determinismus im Feld des Kulturellen untersuchten oder Gruppen wie das Critical Art Ensemble, die ein Konzept der "diffusen biologischen Sabotage" proklamieren.

Interview: Eva Egermann



hybrid video tracks "Put On Your Blue Genes" eine Kritik der BioTechArt
24. Sept. bis 23. Okt. 2005, NGBK, Oranienstraße 25, 10999 Berlin
Informationen unter: www.hybridvideotracks.org







online seit 14.02.2005 21:16:11 (Printausgabe 24)
autorIn und feedback : Eva Egermann




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