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Steal this book!

E-Books, kommerziell im Moment kein Thema, sind natürlich nicht ganz von der Bildfläche verschwunden.

Eine kleine, aber sehr engagierte Szene von Bookz-PiratInnen macht sich nur mit Scanner und Schrifterkennungssoftware bewaffnet daran, die Welt mit e.Bookz zu versorgen Von “Perry Rhodan” bis Gilles Deleuze, von “Harry Potter” bis “Empire”.

Niemand liest, niemand kauft, niemand investiert. Das war das nüchterne, aber kommerziell wohl zutreffende Fazit der “Big Topic”-Gespräche der letzten Frankfurter Buchmesse. Das Big Topic waren elektronische Bücher, also der Vertrieb von Büchern über Handhelds, wie das Rocket Book, oder auf anderen, durch Formatstreitigkeiten versperrten Wegen. Heißt es also aufatmen für die Verlage? Keine Gefahr durch raubkopierte Bücher, weil wir eh alle Kopfweh kriegen, wenn wir lange Texte am Bildschirm lesen müssen? Bleibt ihnen das aufreibende Schicksal der Film- und Musikindustrie erspart, ihre Produkte immer schon vor der Veröffentlichung im Netz finden zu müssen? Keineswegs! Seitdem der Martin-Walser-Roman “Tod eines Kritikers” schon vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin im Netz erhältlich war, sind Bookz, wie raubkopierte Bücher im CrackerInnenjargon heißen, auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Zwischen allen Stühlen
Die Verwendung des Begriffs Bookz in Anlehnung an den Begriff Warez (Raubkopiertes aller Art) weist auch schon den Weg zu den Ursprüngen einer durchaus lebendigen Szene, die zwischen allen Stühlen sitzt. Entwickelt hat sich die e.Bookz-Szene aus der Subkultur der CrackerInnen. CrackerInnen, das sind Menschen, die Spaß daran haben, alle möglichen Codes zu knacken und die so befreiten Informationen anderen zugänglich zu machen. Deshalb die Pseudonyme, deshalb die Detailverliebtheit mancher ProtagonistInnen. Die Vorgehensweise ist denkbar einfach.

Das Objekt der Begierde (in diesem Fall ein Buch) wird einfach in einen vernünftigen Scanner gelegt und Doppelseite für Doppelseite gescannt. Das Umblättern funktioniert natürlich per Hand. Schrifterkennungssoftware (z. B. Finereader) dient zur Weiterverarbeitung des gescannten Materials. Da man sich innerhalb der Szene, ganz im Gegensatz zur Industrie, längst auf das Speicherformat .pdf geeinigt hat, genügt ein gratis erhältlicher Acrobat Reader, um die vorher genau korrekturgelesenen Produkte für die Ewigkeit zu archivieren. Klingt mühsam? Dr. Gonzo, prominenter Aktivist der Bookz-PiratInnen, meinte dazu im “c’t”-Interview: “Ich will ja auf keinen Fall die Leistung abwerten, aber die Arbeit wird wohl oft überschätzt. Natürlich gibt es auch grafisch aufwendige Sachbücher, bei denen das Layout sehr viel Arbeit macht, wenn es sich um reinen Text handelt, ist die Arbeit zwar eintönig, geht aber meist recht flott vonstatten.”

Vertrieben werden die oft sehr ansprechend gestalteten Bücher über IRC Channels, per E-Mail, mittels FTP-Server, mit Peer-2-Peer-Diensten wie Gnutella oder über den Direkt-Download bei gratis Webspace-Providern. Durch inzwischen recht ausgeklügelte technische Vorgehensweisen ist die Gefahr, erwischt zu werden, nicht besonders groß, und wenn doch mal was passiert, zeigt man sich kooperativ. “Bisher bin ich von zwei Verlagen darauf hingewiesen worden, dass ich bestimmte Bücher entfernen soll. Da hab ich nicht lange diskutiert, sondern die Bookz aus dem Angebot genommen”, so Dr. Gonzo.

“Literatur muss ins Netz!”
Warum aber das ganze Scannen, Korrekturlesen, Katz-und-Maus-Spielen mit den Providern, damit die Downloads nicht entdeckt werden? Zap, ein anderer Aktivist der Szene, dazu: “Ob da etwas Politisches dahinter ist, das ist von Person zu Person verschieden. Grundsätzlich lautet die Devise: Literatur muss ins Netz. Außerdem macht es einfach Spaß!” Politisch ist das Ganze also eher auf der persönlichen Ebene. Dass Aktivitäten, die digitales Eigentum freigeben, immer auch eine politische Dimension haben, scheint nicht wahrgenommen zu werden. “Außerdem”, so Zap, “will niemand durch die Tür gehen, die er damit aufstoßen würde, wenn er eine Diskussion darüber startet.” Der Spaß am Werk und am Aufbau der Sammlung steht eindeutig im Vordergrund. Kein Wunder, dass von “Perry Rhodan”-Romanen bis zu philosophischen Standardwerken und sogar Comics alles erhältlich ist, solange man/frau nur weiß, wo.

e.Bookz und MP3
Warum die Szene, die in Deutschland mit etwa 50 festen AktivistInnen angegeben wird, nicht so groß ist wie die Gruppe der Leute, die MP3s tauschen, erklärt sich Zap damit, dass “man Mp3s ja nur laufen hat, das ist also durch und durch passiv, während Bücher natürlich aktiven Konsum erfordern”. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zur Musik-Piraterie liegt im Verhältnis der Bookz-PiratInnen zur Industrie. Der MP3-Markt war und ist viel größer, hat sich früher verselbstständigt und ist auch schon lange nicht mehr durch die Industrie kontrollierbar (wenn er es denn je war). Die Bookz-Szene konnte am Anfang aufgrund der mangelnden Initiative der E-Books-Hersteller nicht auf derart umfangreiches Datenmaterial zurückgreifen und musste sich erst eigene Tauschbibliotheken schaffen. Dass es wesentlich mühsamer ist, ein Buch zu scannen und korrekturzulesen, als MP3s zu konvertieren, liegt ja eigentlich auf der Hand.

Das schafft natürlich ein anderes Bewusstsein unter den AktivistInnen, als das bei Musik-Piraterie der Fall ist. John Wayne, User eines Messageboards, bringt es auf den Punkt, wenn er schreibt: “Der relativ kleine Kreis an selbstlosen Usern, die Freude daran haben, mit ihrem Computer produktiv und kreativ umzugehen, um ein nicht verfallfähiges digitales Werk nachzubilden, hätte sich mit oder ohne Zutun eines Angebotes der Medienindustrie gebildet.”
Überhaupt scheint es die Szene mit ethischen Codes recht genau zu nehmen. E-Books aus der Szene bei e-bay anzubieten, ist natürlich tabu, da laut Angabe von AktivistInnen keinerlei finanzielle Interessen hinter den Aktivitäten stecken. Auch der Vorwurf, schädigend für die Verlage oder gar die AutorInnen zu sein, wird zurückgewiesen. Erstens wird auf den einschlägigen Web Boards darauf hingewiesen, dass Neuerscheinungen 24 Monate Frist zu geben sind, bevor sie vervielfältigt werden, zweitens “soll es sogar Leute geben, die sich die Bücher richtig kaufen, nachdem sie erst mal reingelesen haben”, meint Dr. Gonzo. Und das sei jetzt nicht als Scherz gemeint.


online seit 10.11.2002 14:53:35
autorIn und feedback : Alexander Lippmann




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