menueleiste1
home archiv suche messageboard abo hier gibts malmoe feedback alltag verdienen regieren widersprechen funktionieren tanzen erlebnispark
Marx am Fabrikstor

Linke Interventionen in den deutschen Fabriken der 1970er Jahre

Nach ’68 verließen die Student_innen auch in Deutschland die Universität und gingen in die Fabriken, um die Einsichten Marx’ mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiter_innen und anderer Lohnabhängiger zu konfrontieren. Jan Ole Arps hat in seinem Buch „Frühschicht“ die linken Fabrikinterventionen der 1970er Jahre untersucht.

MALMOE: In deiner Studie untersuchst du die gesellschaftlichen und historischen Bedingungen, unter denen politische Aktivist_innen und Intellektuelle mit Marx, Lenin, Mao oder operaistischen Schriften im Gepäck vor dem Fabriktor, aber auch innerhalb der Fabrik versuchten zu agitieren. Du hast unter anderem Interviews mit ehemaligen Akti- vist_innen geführt. Was waren die Gründe für Linke nach ’68 in die Fabrik zu gehen?

Jan Ole Arps: Der Aufbruch von 1968 war für die Beteiligten eine existenzielle Erfahrung, die im Zeitraffer ganze Lebensentwürfe umkrempelte. Eben noch brave Studentin, jetzt schon auf der Barrikade. Mit dem Tempo, in dem sich die Leben der Einzelnen veränderten, hielten die gesellschaftlichen Entwicklungen aber nicht Schritt. Die politischen Erfolge der Bewegung waren bescheiden: Weder konnte sie die Notstandsgesetze verhindern, noch nach dem Attentat auf Rudi Dutschke auch nur für einen Tag die Auslieferung der Zeitungen des Springer-Konzerns verhindern. Das hinter- ließ ein Gefühl der Ohnmacht. Dagegen: Als im September 1969 Arbeiter_innen verschiedener Branchen wilde Streiks anzettelten, wurden ihre Forderungen meist nach wenigen Tagen erfüllt. Das machte Eindruck auf die Student_innen. Hinzu kommt, dass die Fabrik in den 1960ern noch von absolut zentraler Bedeutung war, fast die Hälfte der Erwerbstätigen arbeitete in der Produktion. Und in den Nachbarländern Italien, Frankreich, England wurde heftig gestreikt. Da lag der Gedanke nicht fern, dass das auch in Deutschland möglich sein müsste – wenn man etwas nachhilft. In die Betriebe oder zur Bevölkerung zu gehen, war der logische nächste Schritt für viele – und ein vielversprechendes Abenteuer.

An die Stelle der bloßen Befragung sollte also eine unmittelbare Beteiligung folgen. Man wollte nicht nur wie ethnographische Feldforscher oder mit dem Rüstzeug der teilnehmenden Beobachtung der klassischen Industrie- und Arbeitssoziologie den Arbeiter_innen begegnen, sondern auch agitieren und sich selbst proletarisieren?

Die verschiedenen Strömungen setzten unterschiedliche Schwerpunkte: Die Spontis begannen mit Untersuchungen, sie wollten die Bedingungen für politische Aktionen in der Fabrik ergründen und erste Aktionen zusammen mit Arbeiter_innen starten. Die Maoisten stellten zu Beginn die politische Agitation in den Vordergrund. Aber der Impuls war ähnlich: raus aus dem studentischen Milieu, rein in die Bevölkerung. Übrigens auch bei denen, die, wie die DKP, vor allem in den Gewerkschaften arbeiteten, oder, wie das Sozialistische Büro, über Bildungsarbeit im Proletariat nachdachten. Wie vielfältig die Versuche waren, ist heute kaum noch bekannt.

Inwiefern unterscheiden sich maoistische von spontaneistische oder operaistischen Fabrikinterventionen?

Zunächst mal von der Zahl der Teilnehmer_innen und von der Dauer ihrer Aktivitäten. Die Maoist_innen waren mehr, und sie blieben auch viel länger in den Betrieben, manche bis heute. Das hat natürlich auch mit den unterschiedlichen Konzepten zu tun. Manche Sponti-Gruppen planten ohnehin, nur ein Jahr in der Fabrik zu bleiben. Ihr Ziel war nicht, selbst zur Avantgarde des Proletariats zu werden, sondern Lage und Bewusstsein der Arbeiter_innen und rebellischer Prolet_innen kennenzulernen, mit denen man zusammen was starten konnte. Gruppen wie der „Revolutionäre Kampf“ aus Frankfurt haben sich eher als eine Art Starthilfekabel für die Selbstorganisierung der Arbeiter_innen verstanden. Außerdem bedeutet Vollzeit-Fabrikarbeit auch, dass nicht mehr viel Zeit für anderes bleibt. Wenn du morgens um halb fünf aufstehen musst, kannst du nicht bis nachts um zwei in der Kneipe oder in der WG-Küche sitzen. Die Fabrikarbeit war mit dem Sponti-Lebensstil schlecht zu vereinbaren. Auch deshalb verließen manche die Fabrik schnell wieder.

Bei den Maoisten oder K-Gruppen stand die fröhliche Entfaltung des Individuums nicht so im Vordergrund, da wog die Organisationsdisziplin schwerer. Deshalb sind viele Maoisten länger in der Fabrik geblieben. Mit den Jahren haben sich ihre Aktivitäten im Betrieb sehr verändert, sie haben sich der Realität in Richtung Interessenvertretung angepasst, viele von ihnen sind heute noch linke Gewerkschafter_innen, manche haben auch Karriere im Apparat gemacht. Die politische Agitation der K-Gruppen blieb davon lange unberührt, ein etwas bizarres Nebeneinander.

Sowohl die Septemberstreiks von 1969 als auch die Streikbewegung bis 1973 waren ja sehr stark von migrantischen Arbeiter_innen geprägt. Inwieweit wurde das von den Aktivist_innen reflektiert?

Die Spontis zielten, zumindest in der Theorie, sowieso auf den „multinationalen Massenarbeiter“, wie es damals hieß. Ihre Grundannahme war: Die deutschen Facharbeiter_innen sind gewerkschaftlich und durch die Arbeitsorganisation fest in die betriebliche Ordnung eingebunden. Kämpfe sind eher von denen zu erwarten, die unten in der Hierarchie stehen und die besonders unangenehme Arbeiten machen müssen: Angelernte, Arbeitsmigrant_innen, Jugendliche, auch Frauen. An die richteten sie sich auch vor allem. Was die Kämpfe der frühen 1970er anging, hatten sie also einen ganz guten Riecher.

Die Maoisten appellierten stärker an die Einheit der Arbeiterklasse gegen das Kapital und die „DGB-Bonzen“. Widersprüche wurden da nicht so gesehen. Aber in der Praxis hatten sie auch viel mit migrantischen Kolleg_innen zu tun, weil die wegen ihrer speziellen Benachteiligungen und politischer Ausschlüsse leichter ansprechbar waren. Das gilt für beide Lager. Und beide hatten auch viel mit politischen Organisationen der Migrant_innen zu tun.

Den Berichten der Aktivist_innen merkt man auch oft die Enttäuschung über eine gewisse Lethargie der deutschen Arbeiter_innen an. Warum standen denn – wenn man die Protokolle retrospektiv liest – die Aktivist_innen der Arbeiter_innenklasse (im Gegensatz zu Italien oder Frankreich) doch eher fremd gegenüber, waren gar isoliert? Handelt es sich nur um ein Vermittlungsproblem?

Diesen Eindruck der Fremdheit muss man vielleicht etwas relativieren; im Buch habe ich das vielleicht etwas zu sehr hervorgehoben. Für die, die nur kurz im Unternehmen waren, war es sicher so. Ich glaube, die Enttäuschung betrifft eher die schlechten Möglichkeiten für revolutionäre Aktivitäten. Viele, die in die Fabrik gingen, hatten ja eine ziemlich bewegte Zeit hinter sich: Demonstrationen, Aktionen, Uni-Besetzungen. Das lässt sich am Arbeitsplatz natürlich nicht ohne weiteres fortsetzen, da sind solche Situationen die Ausnahme. Die meiste Zeit wird gearbeitet. Und wenn doch mal etwas Aufregendes passiert, dann fliegt man schnell raus, Störung des Betriebsfriedens. Ein Unternehmen ist ja kein öffentlicher Ort, an dem man einfach protestieren kann, die Bedingungen für Protest und Aktionen sind ganz anders. Ich glaube, die Enttäuschung betrifft vor allem diesen Punkt, wenn es sie gab.

Lag es nicht auch am Denkfehler des politischen Marxismus bzw. des leninistischen Kadergedankens, die davon ausgingen, dass Klassenbewusstsein nur durch Agitation geschieht, und nicht durch die gemeinsame Erfahrung der Ausbeutung bzw. auch im gemeinsamen Widerstand?

Klar, durch ein Flugblatt wird niemand zum Revolutionär. Erst recht niemand, für den Texte keine große Bedeutung haben. Aber das gleiche Problem hatten die Spontis auch. Eine Sponti-Gruppe hat in ihrer Auswertung sinngemäß geschrieben: Wieso sollten die Arbeiter_innen nur wegen unserer Flugblätter plötzlich ihre Angst vor dem Unternehmer verlieren, ihre Uneinigkeit überwinden und losschlagen? Wer nicht nur für ein paar Monate in der Fabrik arbeiten muss, hat mehr zu verlieren als die linken Agitator_innen. Vielleicht hat man im Betrieb gerade nette Kolleg_innen, die Arbeit ist relativ angenehm und das Gehalt auch nicht schlecht. Wieso soll man das leichtfertig aufs Spiel setzen, wenn die Alternative ist, dass das „Spiel“ in einem anderen Unternehmen, vielleicht schlechter bezahlt, mit schwererer Arbeit und unbekannten Kolleg_innen von vorne losgeht?

In der Sponti-Bewegung, die in Frankfurt im Umfeld des „Revolutionären Kampfs“ und bei Opel in Rüsselsheim ihre Hochburg hatte, kam es ja recht schnell zum Abschied von der Betriebsarbeit. Ein damaliger Aktivist, der heutige „Welt“-Chefredakteur Thomas Schmid, schrieb 1975 einen Text im operaistisch geprägten Organ „Autonomie“ mit dem programmatischen Titel „Facing Reality – Organisation kaputt“. War das das Ende vom Anfang, entstanden hier der grüne (Prä-)Realo und der Ursprung neuer eher mikropolitischer Kämpfe?

Ich weiß nicht. Ich finde den Text super. Er enthält die Einsicht, dass man mit einem Organisationskonzept, das nur noch die Leute hinter einem schon fertigen Plan versammeln will, nicht weiterkommt. Und dass Klassenkämpfe an allen möglichen Orten entstehen können, nicht nur in der Fabrik. Das sind doch wichtige Einsichten. Dieser Hass auf das Proletariat kam bei Thomas Schmid auch erst ein paar Jahre später – soweit ich das aus seinen Texten beurteilen kann.

Wenn man sich die Streiks von heute anschaut, zum Beispiel beim Airline-Caterer „Gate Gourmet“, und auch die allgemeinen Transformationen der Arbeitswelt in Betracht zieht, hat sich doch einiges verändert: Die alten Aktivist_innen rekrutierten sich, zumindest in Deutschland, aus kleineren K-Gruppen und versuchten eher kaderartig, ihre Ideen den Arbeiter_innen aufzuoktroyieren. Sind heutige Unterstützer_innen, die weder direkt in Werken arbeiten noch in Gewerkschaften organisiert sind, eventuell risikobereiter und deshalb eventuell auch unabhängiger?

Ich glaube nicht, dass es hilfreich ist, wenn linke Aktivist_innen, die einen Kampf von außen unterstützen, risikobereiter sind als die Beschäftigten, um deren Kampf es geht. Das ist ja wieder der avantgardistische Gedanke, der auch in den 1970ern verbreitet war. Aber es stimmt: Die politischen Rezepte von damals sind unter bestimmten historischen Bedingungen entstanden. Für heutige Arbeitskämpfe werden sich andere Formen entwickeln. Die nächsten Jahre werden sicher spannend.


Literatur
Jan Ole Arps: „Frühschicht. Linke Fabrikintervention in den 70er Jahren“, Assoziation a, Berlin-Hamburg 2011

online seit 13.06.2011 09:38:34 (Printausgabe 54)
autorIn und feedback : Interview: Pascal Jurt




Es geht nicht nur um Pandas

Jedes Jahr sterben tausende Arten aus. Wieso muss man as verhindern und welche Arten wollen wir überhaupt schützen?
Ein Erklärungsversuch
[03.10.2018,Katharina Kropshofer]


Insektensterben und Klassenkampf

Warum der Kapitalismus nicht mit Artenvielfalt vereinbar ist und was das für die Aufklärung bedeutet
[03.10.2018,Felix Riedel]


Luftige Migration

Oder wie es dem Menschen bald gelingen wird, auch den Zugvögeln Grenzen zu setzen
[03.10.2018,Urs Heinz Aerni]


die nächsten 3 Einträge ...
 
menueleiste2
impressum kontakt about malmoe newsletter links mediadaten