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  Offensiv für Bildung?

Bildung als soziale Infrastruktur

Europa wird seit etwa 15 Jahren von einer Serie so genannter Bildungsoffensiven überrollt, sodass sich die Frage unwillkürlich aufdrängt, gegen wen sie sich richtet … die Offensive? … die Bildung gar? Die ReformerInnen sind um Antworten auf die erste Frage nicht verlegen. Ihre Offensive richtet sich gegen Stau und Rückstand, gegen verstaubte Lehrpläne, bürokratische Behäbigkeit und konservative Traditionspflege, gegen eine ProfessorInnenschaft, die die Lehre vernachlässigt und sich aus purer Bequemlichkeit jeglichem Fortschritt verweigert, gegen Studierende, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen und ziellos-zügellos vor sich hin studieren, ohne sich beizeiten um einen Abschluss und ihre damit verbundene _ employability _ zu kümmern. Reformen brauchen GegnerInnen, reale oder Pappkameraden, an denen sie sich abarbeiten, die als Sinnbilder des schlechten Zustands für die Notwendigkeit und die Dringlichkeit der Veränderungen herhalten müssen. Wer die Reformen kritisiert, wird automatisch zum/r VerteidigerIn des schlechten Alten, zum/r Verweigerer/in, BewahrerIn und Rückwärtsgewandten. Die KritikerInnen sind hoffnungslos in der Defensive.

Gegen wen richtet sich Bildung?

Nehmen wir die zweite Frage hinzu, wird die Lage komplizierter: Gegen wen richtet sich Bildung? Das klingt auf den ersten Blick vielleicht absurd: Bildung ist doch etwas Gutes, Wichtiges, Wünschenswertes. Wie also kann sich Bildung gegen jemanden richten? Die Antwort liegt – auf den zweiten Blick – jedoch auf der Hand: Bildung richtet sich in der fortgeschrittenen „Wissensgesellschaft“ gegen all jene, die sie nicht haben, die weniger an ihr teilnehmen, die von bestimmten Bildungswegen und -abschlüssen ferngehalten werden. Je mehr „Bildung“ zur zentralen Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe wird, desto wichtiger wäre es, dass alle gleichermaßen an ihr partizipieren. Das Bildungssystem soll maximale Chancengleichheit gewähren, da sind sich zumindest in der Rhetorik alle einig. Die reale Entwicklung weist jedoch in die genau entgegengesetzte Richtung. Die Ungleichheit im Bildungssystem wird immer größer, die soziale Selektivität nimmt zu. Bildung produziert nicht (Chancen)Gleichheit, sondern Ungleichheit und das zunehmend unverblümter: Da ist die Rede von Elite, Exzellenz und Begabungsressourcen. Universitäten wollen sich „die besten Köpfe“ selber aussuchen und den Übergang vom BA zum MA sollen nur die erfolgreichsten Studierenden des Jahrgangs schaffen.

Bildung produziert nicht erst seit den aktuellen „Reformen“ Privilegien und sozialen Ausschluss. Bildung im Kapitalismus war vielmehr schon immer in erster Linie auf Abschlüsse und Zertifikate hin orientiert, die den Zugang zu und die Schließung von Berufsfeldern sowie weiteren Bildungsinstitutionen organisieren. Üblicherweise bauen diese Zertifikate aufeinander auf und sind nur unter erschwerten Bedingungen bis gar nicht nachzuholen. Bildung war und ist ein knappes Gut, das aus zwei Gründen künstlich knapp gehalten wird.

Erstens, weil die öffentlichen Haushalte unter der ideologischen Federführung des Neoliberalismus einer anhaltenden Schlankheitskur unterzogen werden und „kein Geld für Bildung“ da zu sein scheint. Zweitens, weil Selektivität und Differenz entgegen der Rhetorik durchaus absichtsvoll erzeugt werden. „Die Wirtschaft“, so das entscheidende Argument, braucht einerseits hochqualifizierte (= teure) Arbeitskräfte, sie braucht aber auch gering Qualifizierte, die sie bei wachsender (internationaler) Konkurrenz immer niedriger entlohnen kann. Das herrschende Bildungssystem erzeugt stets GewinnerInnen und VerliererInnen. Je höher die Bildungsnormen gesetzt werden, desto mehr Menschen fallen auf allen Ebenen durch die Raster, weil ihre Abschlüsse eben nicht hoch genug, nicht spezialisiert genug sind, weil ihr „Wissen“ veraltet und sie nicht rechtzeitig in ihr human potential investiert haben. Auf diese Art erhöht sich auch der Druck, immer größere Bereiche des Bildungssystems privatwirtschaftlich nach dem Modell zu organisieren, das an den deutschen Hochschulen kürzlich noch für einen Skandal sorgte: Doktortitel (und andere Zertifikate) gegen Bezahlung.

Bildung als soziale Infrastruktur

Aus dieser Logik kann man aussteigen, wenn man Bildung als soziale Infrastruktur konzipiert (1). Das bedeutet auf eine kurze Formel gebracht nicht mehr und nicht weniger, als dass Bildung als öffentliches Gut allen zu jeder Zeit und ohne Zugangsbarrieren verfügbar gemacht wird. Wenn Bildung tatsächlich gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen soll, statt sie zu verhindern, kann das nur heißen, dass Schulen und Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Bibliotheken ihre Tore allen Menschen bedingungslos offen halten. Für niemanden dürfte der Bildungszug jemals abgefahren sein, ohne dass sie oder er jederzeit die Chance hat, wieder aufzuspringen. Das gilt insbesondere auch für jene, die schon im Beruf stehen und denen Bildung allenfalls noch als Zwang zur Weiterbildung oder – im Falle der Arbeitslosigkeit – als Teufelskreis von Umschulungsmaßnahmen und Entwertung vormals erworbener Qualifikationen begegnet. Bildung als Infrastruktur würde vielmehr von dem Umstand profitieren, dass eine Vollerwerbsgesellschaft, auf der der fordistische Wohlfahrtsstaat idealtypisch basierte, im Postfordismus weder möglich noch wünschenswert erscheint. Die herrschende Politik reagiert darauf defensiv mit dem Abbau sozialer Sicherungssysteme und spart nicht zuletzt bei der Bildung. Ein offensives Verständnis von Bildung als Infrastruktur würde freilich bedeuten, erheblich mehr in Bildung zu investieren. Kostenlose Bildung für alle braucht Geld.

Es ist hier nicht genug Raum, um auf Diskussionen zur Bildungsfinanzierung, zum bedingungslosen Grundeinkommen und zur Umverteilung gesellschaftlichen Wohlstands einzugehen, wie sie unserem Konzept einer sozialen Infrastruktur zu Grunde liegen. Unabhängig von Fragen der konkreten Umsetzung und der sozialen Kämpfe, die dafür nötig wären, sollten wir uns aber nicht mehr von „Bildungsoffensiven“ einschüchtern lassen, deren offensiver Gehalt sich darauf beschränkt, die Marktlogik ungebremst durchzusetzen und die öffentlichen Bildungsausgaben hemmungslos zu senken. Offensiv für Bildung einzutreten würde hingegen bedeuten, für eine demokratische Bildung einzutreten, für kritisches, unabhängiges Denken, das nicht auf Hörsäle und Labors beschränkt ist und ohne Doktortitel und Zuschreibung von Reputation auskommt. Offensiv für Bildung einzutreten hieße, sich nicht hinter der Einrede der „leeren Kassen“ zu verschanzen und Tendenzen zur Bildungsprivatisierung entschieden entgegen zu treten. Offensiv für Bildung einzutreten hieße, Freiräume zu erkämpfen und Gelegenheiten zu schaffen, in denen Bildung wieder ein emanzipatorisches Potenzial gegen die herrschende Verwertungslogik entfalten kann.



Anmerkung
(1) Das Konzept von Bildung als Infrastruktur geht auf eine größere Diskussion im Rahmen von www.links-netz.de zu Sozialpolitik als Infrastruktur zurück. Neben dem Themenschwerpunkt gibt es dort auch einen ausführlichen Aufsatz von mir zum Thema „Warum es sich lohnen könnte, Bildung als Infrastruktur zu denken“, dessen Kernthesen ich hier pointiert vorstelle.



online seit 03.02.2010 16:01:12 (Printausgabe 48)
autorIn und feedback : Oliver Brüchert


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/top/1943Schwerpunkt "Protest-Wissenschaft"



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