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Subversion im Social Web Was tun gegen Data Mining? Wer im social web subversiv sein möchte, muss die Systeme der Datenerfassung verstehen und vermeiden, das Netz mit persönlichen Informationen zu versorgen. In erster Linie geht es nicht nur darum, als Individuum unwahrnehmbar zu werden, sondern dafür zu sorgen, dass Diskurse der Camouflage, Listen und Fälschungen im Netz verbreitet werden. Entbürokratisierung, Verwaltungsmodernisierung und erhöhte staatsbürgerliche Handlungsfreiheit gehören zu den Versprechen rund um die Entwicklung der „Social Software“. Tatsächlich aber stellen die Web-2.0-Technologien der Wissenserfassung und -repräsentation eine neue Qualität von Herrschaftstechnologie dar (z.B. profiling, targeting, mapping, monitoring). Die Erstellung umfangreicher Benutzerprofile zählt zu den verbreiteten Selbstpraktiken der AmateurInnen im Netz. Das Profiling ist heute tief in den sozialen Praktiken der Subjekte verankert und hat eine Alltagskultur hervorgebracht, in welcher sich die Subjekte selbst unter eine permanente Selbstevaluation stellen. Das Web 2.0 mit seinen Social Networks und Communities verspricht ein großes Werbewirkungspotenzial, weil Marketingaktivitäten auf bestimmte Zielgruppen mittels modularer Technologien für User Tracking, Webmining, Profiling, Testing, Optimierung, Ad-Serving und Targeted Advertising abgestimmt werden können (Abb. 24). Das Profiling im Web 2.0 verläuft nach dem Prinzip des Closed Circuit. Die sofortige Verfügbarkeit der Datenspuren und ihre gleichzeitige Manipulationsmöglichkeit durch das Targeted Advertising ist eine besondere Eigenschaft des Echtzeit-Profilings. Beim Behavioral Targeting werden die Nutzungsgewohnheiten von Online-Rezipienten und -rezipientinnen analysiert, um zielgerichtete Werbung (Quality Market) auf ein spezifisches Konsumverhalten abzustimmen. Um das personenzentrierte Social Web überhaupt als politisches Projekt thematisieren zu können, muss die Funktionslogik der Datenerfassung sicht- und sagbar gemacht werden. Als exemplarischer Bezugsrahmen für diese Fragestellung eignet sich die Social Software, die als Überbegriff eine frei verfügbare Software bezeichnet und die kulturellen Praktiken sozialer Interaktion, Kooperation und Kollaboration unterstützt. Soziale Netzwerkseiten sind die Profiteure unübersichtlich gewordener Pluralisierungsprozesse, indem sie etwa Zugangsbedingungen beschränken, jeweilige Geltungsbereiche voneinander isolieren und Alleinstellungsmerkmale persönlicher Profile mit Hilfe statistischer Ranking- und Traffic-Tools sichtbar machen. Sind wir nun alle der Datenerfassung der sozialen Netzwerkseiten hilflos ausgeliefert? Was kann dagegen unternommen werden? Wie kann das emphatische Denken der Vernetzung im Internet in eine subversive Praxis transformiert werden? Ich möchte diese Problematik am Beispiel der Identifizierungs- und Registrierungsprozeduren im Netz thematisieren. Elektronische Formulare (auch: E-Formulare) sind in den Anwendungsbereichen des Content-Management allgegenwärtig geworden, die heute als ready-to-use-Software von Dienstleistungsunternehmen weltweit angeboten und eingesetzt werden. Was ist eigentlich ein elektronisches 'Formular' – und wozu dient es? Als 'Formular' bezeichnet man im Allgemeinen ein standardisiertes Mittel zur Erfassung, Ansicht und Aufbereitung von Daten, das entweder in Papier- oder in elektronischer Form (E-Formular) vorliegt. In der Regel geben Formulare in ihrer Funktion als standardisierte Frageprotokolle kurze Textfelder und Einfach- oder Mehrfachauswahlfelder vor. Die weiteren Aufgaben der Formulare bestehen darin, für Vollständigkeit zu sorgen und kommunikative Prozesse auf abzufragende Parameter individueller Fälle zu reduzieren. Vor allem soll die formale Abfragesprache der Formulare allfällige Mehrdeutigkeiten beseitigen und eine selektive Datenbankabfrage gewährleisten. Diese immanente Formautorität markiert jedoch keinen feststehenden Status, sondern bleibt anfällig für das Entstehen einer informellen Regelausweitung, die mittels der kulturellen Praktiken im Bereich der Anwendung entsteht. Mit ihren vorstrukturierten Anwendungen erstellt die Content-Industrie spezifische Gestaltungsimperative der Wissenserfassung und -repräsentation persönlicher Daten. Elektronische Formulare stellen Formansprüche, die zunächst die AutorInnen betreffen. So können bestimmte Einträge nur auf eine bestimmte Art und Weise vorgenommen werden. Die Eingabemaske setzt sich sowohl aus qualitativen als auch quantitativen Kriterien zusammen und diktiert nicht nur die inhaltlichen Kategorien der Selbstbeschreibung, sondern fordert auch das vollständige Ausfüllen des Formulars, mit welchem erst der Vorgang abgeschlossen werden kann. Um im Raster der E-Formulare verortet werden zu können, muss der von den UserInnen generierte Content in Informationsbausteine zerlegt werden. Diese formimmanenten Regeln begründen die Autorität des E-Formulars. Es handelt sich jedoch um eine brüchige und instabile Autorität der grafischen und logischen Struktur, die im Formulargebrauch permanent unterwandert werden kann. Die kulturelle Einbettung der UserInnen in historisch bedingte und sozial differenzierte Lektüre-, Schreib-, Erzähl- und Wahrnehmungspraktiken relativiert die expliziten Anweisungen, Belehrungen und Direktiven der formimmanenten Regelfassung des E-Formulars. Es gibt also unter allen Umständen eine Vielzahl taktischer Möglichkeiten, ihr formimmanentes Diktat zu unterlaufen. In der Rubrik „Erlebnispark“ ist eine Rezension von Ramón Reicherts Buch „Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0“ online seit 20.07.2009 12:23:54 (Printausgabe 46) autorIn und feedback : Ramón Reichert Links zum Artikel:
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