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  Weisser Krümelkrams und die Sorge um sich Selbst

Interview mit Hans-Christian Dany über „Speed – Eine Gesellschaft auf Droge“

Hans-Christian Dany erzählt in seinem Buch „Speed – Eine Gesellschaft auf Droge“ die verwobenen Erfolgsgeschichten von Fordismus und Amphetamin. Reagans „Star Wars“ und Techno sind dabei ebenso wichtig wie ganz normale Kids und ihre amphetamingestörten Eltern.

Gerade ist dein Buch über Speed erschienen. Ist Amphetamin die Metapher für die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse des 20. Jahrhunderts?

Hans-Christian Dany: Schon der Spitzname „Speed“ für Amphetamin und Metamphetamin trägt die Metapher in sich. Obwohl ständig neue Namen erfunden wurden, kam man immer wieder auf „Speed“ zurück. Die sprachliche Übertragung passte zu gut für die pragmatische Verbesserungsdroge, mit der sich das Versprechen der Beschleunigung an die erhöhte Steuerbarkeit des eigenen Zustands knüpft. Wer „Speed“ sagt, meint er könne damit besser über seinen Körper verfügen, gleichzeitig entrückt er sich von dem Selbst, das das Steuer kontrollieren könnte. Gerade in diesem Wunsch nach Verbesserung durch Selbstaufgabe erkenne ich eine große Nähe zur Geschichte des 20. Jahrhunderts. Amphetamin ist ja erstmal nur eine Technologie und als solche zweckfrei. Zwar kann es bestimmte, mehr oder minder stereotyp auftretende Körpergefühle auslösen, die Interpretation der verschobenen Selbstwahrnehmung hängt aber in hohem Maße vom Kontext der Drogennutzung ab. Technologien entwerfen erst mal eine Reihe von Möglichkeiten, in Krisensituationen werden sie dann für gesellschaftliche Notwendigkeiten instrumentalisiert. Speed nahm in zahllosen Kriegen eine wichtige Rolle ein, aber auch im gegenwärtigen, immer zielloseren Weiter des Kapitalismus.

Selbsterlebnis und Drogen sind in dieser Verbindung vor allem im Pop prominent. Vielleicht am eindringlichsten verkörpert durch Figuren wie Pete Doherty oder Amy Winehouse. Solch neoliberale (Selbst-)Entwürfe stehen in der Öffentlichkeit aber auch unter großem Druck: Maximale Freiheit ist nur legitimiert, wenn sie maximalen Erfolg bringt. Es wird heute dem/der Einzelnen überlassen, wie er/sie mit seinem/ihrem Körper umgeht. Er ist das vom Einzelnen zur Verfügung gestellte Kapital, an dem verschiedene Strategien oder Technologien erprobt werden können, um sich effektiver in die Produktion einzubringen. Mit den genannten Vorbildern wird eine Normalität suggeriert, dass es sehr gut funktionieren kann, sich auf diese Weise zu investieren und zu verausgaben. Die Vorstellung der Verausgabung kam jedoch mal ganz woanders her.

Werden solche Selbsttechnologien jetzt als gesellschaftliches Leitbild oder als Erfolgsmodell einer bestimmten Produktivität vorgeführt, gibt es vielleicht gute Gründe nüchtern zu bleiben, sich anders oder gar nicht zu verausgaben. Trotzdem oder gerade deshalb sind nicht die Drogen das Problem, sondern die Verhältnisse, in denen sie benutzt werden.

Verstärkt Amphetamin ein bestimmtes Subjektmodell oder einen idealen Produktionskörper?

Speed funktioniert als Verstärker und Medium: so wie es bestimmte Musik ohne E-Gitarren nicht gegeben hätte, so andere nicht ohne Amphetamin. Genauso wie die Schreibmaschine hat auch das Amphetamin Schreibweisen und Denken verändert.

Mit Speed kann man sich produktiv halten, aber es sind auch andere, gebrochene Formen der Produktivität daraus entstanden. Etwa das so genannte „punding“, eine teilweise auch durch Amphetamin ausgelöste zwanghafte Lust an repetitiven Handlungsabläufen. Diese groteske Übersteigerung des fordistischen Grundmusters kann zu einer geradezu absurden Produktivität führen, die ich u.a. an Andy Warhol beschreibe. Die Lust ein Bild nicht nur einmal, sondern gleich 40 Mal auf eine Leinwand zu drucken, hinterfragte nicht nur die Kunst, sondern auch die industrielle Reproduktion. Darin formulierte sich auch schon eine Form der Negation des späteren Punk. Heute sind diese rauschhaften Monotonien und negativen Zuspitzungen Teil unseres Alltags und damit auch Teil dessen, was produziert werden muss.

Mit deinem Buch betreibst du eigentlich einen ganz und gar biopolitischen Diskurs.

Ja, obwohl ich anfangs genau davon wegwollte. Mir war unwohl bei dieser Sprache, die eine neoliberale Kontrollgesellschaft beschreibt, die andauernd ihre Bevölkerung biopolitisch normieren würde. Diese Kritik, die ich ja auch formuliere, schien mir von einem Jargon dominiert, der sich an eine kleine Teilöffentlichkeit richtet, der man bestätigte, was sie schon wusste. „Speed“ ist der Versuch, die Entwicklung der Biopolitik mit einer anderen Sprache zu erzählen, indem sie die letzten 125 Jahre aus der Perspektive dieses weißen Krümelkrams betrachtet und möglichst viele sich daraus ergebende Widersprüche mitdenkt. Die Entwicklungsgeschichte von Speed verstehe ich als Annäherung an die Möglichkeiten einer Sorge um sich und das Selbst unter den Bedingungen einer immer totalitäreren Biopolitik.



Hans-Christian Dany: „Speed. Eine Gesellschaft auf Droge“, Edition Nautilus, Hamburg 2008

online seit 27.06.2008 10:25:47 (Printausgabe 41)
autorIn und feedback : Interview: Max Hinderer




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