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nanonanet Was impliziert die Nanotechnologie? Ein Interview Im internationalen Patent-Wettlauf ist kritisches Wissen über Nanotechnologien alles andere als selbstverständlich. Grundlagenforschung wird zum Selbstbedienungsladen, meint Jörg Djuren von AK-ANNA. Durch Nanotechnologie werden die Eigenschaften von Teilchen im Bereich von milliardstel Meter verändert – was heute in Medizin und Forschung, aber auch in der Produktion von Alltagsgütern zur Anwendung kommt (siehe MALMOE 38). Neben dieser Tatsache sind Informationen über Ausmaß und Umfang der Nanotechnologien noch sehr vage. Wie weit verbreitet sind nun auf diese Weise veränderte Stoffe, und was weißt du über ihre konkrete Wirkung auf Mensch und Umwelt? Das Problem ist, dass es keine genauen Informationen dazu gibt. Die Verwendung von Nanomaterialien muss in keiner Weise gesondert gekennzeichnet werden und wird in vielen Fällen auch nicht angegeben. Nanomaterialien werden gerade verwendet auf Grund veränderter biochemischer und physikalischer Eigenschaften, der Staat tut aber so, als wären es die altbekannten Materialien. Häufig sind es Ausgangsstoffe, die in anderen Produkten zum Teil von anderen Firmen weiterverarbeitet werden. Umgekehrt ist der Begriff Nano noch dazu nicht klar definiert, viele Produkte auf denen Nano draufsteht, haben mit Nanotechnologie im eigentlichen Sinn nichts zu tun. Von dem, was bekannt ist, ist aber abzuschätzen, dass noch, bis auf Ausnahmen (insb. Sonnencreme, Kosmetikprodukte) Nanomaterialien nur in einzelnen Produkten, aber gestreut über die gesamte Produktpalette (Windeln, Autoteile, Ketchup, Socken...) zur Anwendung kommen. Die Produktion ist noch relativ teuer, die Preise sinken aber und die Zahl der Anwendungen steigt rapide. Aus der Forschung an Fischen und Ratten ist bekannt, dass Nanopartikel Zellschäden und Schäden des Nervensystems und des Gehirns hervorrufen können. Diese Forschung steht aber noch am Anfang. Grundsätzlich ist ein Problem, dass Nanopartikel auf Grund ihrer Größe die körpereigenen Barrieren durchdringen können, sie können sowohl in das Gehirn als auch in das Zellinnere gelangen. Worin besteht das Potenzial der Nanotechnologie – und unter welchen Voraussetzungen könnte es positiv genutzt werden? Ich verstehe Nanotechnologie primär als Materialtechnologie. Hier kann eine Unzahl neuer Materialien mit interessanten Eigenschaften erzeugt werden. Vergleich das mit der Entwicklung von Stahl. Die Stahlerzeugung ist Vorraussetzung ganz vieler Innovationen, sie ist aber nicht identisch mit diesen Innovationen. Nanotechnologie wird in vielen Bereichen die Basis für grundlegende Veränderungen bilden. Eine positive Nutzung setzt Mitbestimmung der Betroffenen voraus. Wer bildet die Lobby für Nanotechnologien, und wieso gibt es bislang wenig bis keine Kontrolle? Nanotechnologie verspricht Anwendungspotenziale in fast allen Industriebereichen. Insofern gibt es viele InteressentInnen. Die Produktion von Nanomaterialien liegt aber zumindest zum Teil bei alten Bekannten, der biochemischen Großindustrie, in Deutschland z.B. vertreten durch Bayer. Diese Konzerne haben in Kooperation mit staatlichen Stellen und der Ethikindustrie in der Auseinandersetzung um die Gentechnik ein ausgefeiltes Instrumentarium des „Management“ des Risikobewusstseins der Bevölkerung entwickelt. Es gibt einen sehr umfassenden Risikodiskurs zur Nanotechnologie aus diesem Bereich, der aber zur Zeit darauf hinausläuft, konkretes Handeln eher zu unterbinden. Zum Teil ist sicher diese Konzernlobby relevant. Für wichtiger halte ich aber zwei andere Punkte: Die USA, Japan, Europa und China liefern sich zur Zeit eine Wettrennen um Patentclaims im Bereich Nanotechnologie. Kontrollauflagen werden hier als Hindernis betrachtet. Und rein technisch ist eine effektive Kontrolle heute nicht möglich, dazu fehlt das Wissen. Derselbe Stoff kann als Nanomaterial abhängig von der Größe und Form mehrfach seine Eigenschaften ändern. Bis heute gibt es nicht mal ein klares System für sinnvolle Materialkategorien. Das wird erst entwickelt. Wo wird zu Nanotechnologien geforscht und in welchem Verhältnis stehen die ForscherInnen zu den industriellen Abnehmern? Inzwischen übersteigen die Forschungsausgaben der Industrie die öffentlichen Forschungsausgaben. Die wichtigsten Patentinhaber sind zur Zeit Universitäten in den USA, die aber wieder in Verbindung mit Konzernen stehen. Geforscht wird auch in Ausgründungen von UniversitätswissenschaftlerInnen, aber auch diese kleineren Firmen stehen in Verbindung mit Konzernen. In der Nanotechnologie ist jede Kleinigkeit patentiert, dies führt zu einem Geflecht an Abhängigkeiten, das kleinen Firmen ein dauerhaftes unabhängiges Überleben praktisch nicht möglich macht. Die Patentburgen sind hier noch umfangreicher als in der Gentechnologie und werden von einer Reihe Wirtschaftswissenschaftler inzwischen als Hauptinnovationshemmnis angesehen. Bis zu welchem Grad ist Technologiekritik über einen hochspezialisierten Fachbereich wie die Nanotechnologie „demokratisierbar“, und worin unterscheidet sie sich von KonsumentInnenschutz? Nicht die Technologiekritik, sondern die Technikentwicklung und die Forschungsausrichtung müssen demokratisiert werden. Technologieentwicklung bestimmt zunehmend die Gesellschaft. Es gibt keine unabhängige Wissenschaft in Forschungsbereichen mit hohem Finanzbedarf, durch die starke Anbindung der staatlichen Mittel an Industrieinteressen wird aber inzwischen selbst die Grundlagenforschung immer mehr zum Selbstbedienungsladen um Partialinteressen durchzusetzen. online seit 07.04.2008 11:52:57 (Printausgabe 40) autorIn und feedback : Interview: kal Links zum Artikel:
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