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„Es verlangt nach neuen krit. Darstellungsformen“ Interview mit Brigitta Kuster über die filmische Repräsentation von Arbeit + Termine zu "sexuell arbeiten"! Du beschäftigst dich schon lange in unterschiedlichen Formen mit dem Thema Arbeit. Wie bist du dazu gekommen? Meine erste Beschäftigung mit Arbeitsverhältnissen, das war 1996 im Kontext des von Marion von Osten in der Shedhalle Zürich kuratierten Projektes Sex & Space, das Geschlechter- und Raumverhältnisse adressierte. Unter dem Eindruck, dass die Bereiche Planung, Architektur, Design etc. und die vor allem diskursanalytischen Untersuchungsinstrumente nicht ausreichen, begannen wir uns mit dem Umbruch von Geschlechterverhältnissen im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen zu beschäftigen - nicht zuletzt auch, um Geschlecht nicht als Zuschreibung zu wiederholen, wo es in den aktuellen Lebensverhältnissen stark herausgefordert wird – wie in der Sicht von der Küche auf den Spielplatz im sozialen Wohnungsbau etc. Damals wie heute ist es wichtig für mich, an Schnittstellen zu operieren und in Bezugnahme sowohl zu politischen, theoretischen als auch ästhetischen Artikulationsformen. Dabei geht es nicht um eine Reduktion aufeinander, sondern vielmehr in und durch solche streitbaren referenziellen Praktiken Handlungsspielräume zu erweitern, das gesellschaftlich Sicht-, Sag- und Denkbare zu verschieben. Die Kategorie Arbeit beinhaltet meiner Ansicht nach nicht nur die konkrete Tätigkeit, sondern sie besitzt auch eine gesellschaftliche Funktion. Sie besitzt im Marxschen Sinne einen Doppelcharakter. Führt eine reine Abbildung der Arbeit als Tätigkeit zu einer starken Idealisierung der Arbeit? Spielt dies in deinen Überlegungen eine Rolle? Meine Beschäftigung mit Arbeit setzt eigentlich bei der Subjektivierung an: Arbeit subjektiviert und Subjekte werden in die Arbeit gerufen. Dabei praktiziere ich, nicht zuletzt auch, was die Darstellungspolitiken anbelangt, einen strategischen Umgang mit "Arbeit", der in ihre Bestimmung als Ergebnis eines gesellschaftlichen Kräfteverhältnisses investiert, zu dem auch die Evidenz bestimmter Bilder gehört. Dieser Zugang bezieht sich nicht zuletzt auf feministische Ansätze seit den 70er Jahren, die sehr grundsätzlich gerade auch in den gesellschaftlichen "Begriff der Arbeit" zu intervenieren versucht haben: so etwa viele Performances/Videoarbeiten, die bereits damals nicht einfach Tätigkeiten in den Blick genommen haben, also geguckt, wie oder was z.B. Frauen arbeiten und das kritisiert, sondern auch, wie bestimmte Arbeiten/Tätigkeiten/Praxen den gesellschaftlichen Platz eines Subjekts "als Frau" hervorbringen. Du würdest also meiner These widersprechen, dass die künstlerische Beschäftigung mit Arbeit ein Darstellungsproblem hat? Ich glaube, weder künstlerische, noch politische oder theoretische Artikulationsformen zu Arbeit haben je Abbildungs- oder Reflexionscharakter, sondern sind als Darstellungsformen selbst Ergebnisse einer Arbeit des Selektierens, Vorzeigens, Präsentierens und Strukturierens. Ich würde Darstellungen oder Repräsentationen als Ergebnisse einer Bedeutungsproduktion, nicht -übermittlung anschauen. D.h. ich sehe eigentlich gar keine Möglichkeit, das zu bewerkstelligen, was du als "reine Abbildung von Arbeit als Tätigkeit" ansprichst: sie impliziert immer Entscheidungen, etwa worauf ich eine Kamera halte, eher auf die Hände oder den Kopf, wie ich den Ausschnitt wähle etc. Selbst wenn ich den Realitätseffekt dieses Mediums in Anschlag zu bringen beabsichtigte, liegt es möglicherweise gar nicht am Doppelcharakter der Arbeit, sondern vielmehr in dem Erbe eines Bilderrepertoires - den repräsentativen Bildern der Massenarbeiter und der Industriearbeit, an denen bestimmte Verfahren einer visuellen Kultur der Darstellung von "Arbeit" exemplarisch wurden -, das als unbrauchbar für gegenwärtige Interventionen erscheint? Denn ich denke in der Tat, dass Macht im Kontext von so genannt postfordistischer Arbeit gerade über die Einzigartigkeit, sogar die Widerspenstigkeit der Arbeitenden operieren kann und dass eine Auseinandersetzung damit nach neuen kritischen Darstellungsformen verlangt. Vortrag und Buchpräsentation von Renate Lorenz und Brigitta Kuster: sexuell arbeiten - eine queere perspektive auf arbeit und leben 8.1.2008, 18h im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien, Lehárgasse 6-8, 1060 Wien, 1. Stock 9.1.2008, 19h im que[e]r. Wipplingerstrasse 23, 1010 Wien 10. und 11.1.2008 im Rahmen der Tagung "mehr(wert) queer. Visuelle Kultur, Kunst und Gender-Politiken" am Institut für Bildende Kunst und Kulturwissenschaften der Kunstuniversität Linz, Kollegiumgasse 2 (Audimax), 4020 Linz Renate Lorenz und Brigitta Kuster entwickeln in ihrem Buch den Begriff der »sexuellen Arbeit« an drei Beispielen: den Tagebüchern, SM-Szenen und Drag-Photographien der viktorianischen Hausangestellten Hannah Cullwick, den Praxen der Gäste und Angestellten des Büro-Suite-Hotels im heutigen Berlin und an Gesprächen mit Computerspezialist_innen, die kürzlich nach Deutschland migrierten. Entlang des Materials stellen die Autorinnen eine neue Anordnung von Macht im Feld der Arbeit dar. Diese ermöglicht, die angebotenen gesellschaftlichen Plätze – Mann oder Frau, Dyke oder hetero, mobile Arbeitskraft oder Migrantin, Chef oder Sekretärin – zu durchqueren. Doch zugleich erfordert dieses Machtdispositiv die »Fähigkeit«, solche Durchquerungen überhaupt bewältigen zu können. Das double bind aus Ermöglichung und Zwang kennzeichnen die Autorinnen als »Prekarisierung«, den zu leistenden Aufwand als »sexuelle Arbeit«. Die Autor_innen werden unter zuhilfenahme unterschiedlicher Materialien den Begriff der sexuellen Arbeit und das gleichnamige Buch vorstellen. Renate Lorenz, Brigitta Kuster sexuell arbeiten eine queere perspektive auf arbeit und prekäres leben 334 Seiten, € 18,- isbn 3-933557-65-8 online seit 07.01.2008 10:43:30 (Printausgabe 39) autorIn und feedback : Interview: Erk Schilder Links zum Artikel:
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