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  Milli, Mikro, Nano

Koryphäe, das Medium für feministische Naturwissenschaft und Technik, beschäftigt sich in der aktuellen Ausgabe mit Nanotechnologie. MALMOE hat bei Gabriele Mraz, einer der Gestalterinnen dieses Schwerpunktes, nachgefragt.

Nanotechnologie - eine erste Assoziation dazu sind die Nanosonden von Seven of Nine an Bord des Raumschiffs Voyager. Aber jenseits von Science Fiction gilt Nanotechnologie als Schlüsseltechnologie für die Zukunft. Welches sind die Felder, in denen Nanotechnologie bereits verwendet oder aktuell beforscht wird, und welcher Nutzen wird erwartet?

Nanoroboter, wie sie in der Science Fiction öfters vorkommen (siehe Seven und die anderen Borg in Star Trek, oder die Naniten in Star Gate), sind eine mögliche Anwendung von Nanotechnologien, deren Einsatz jedoch noch in fernerer Zukunft liegen. Andere Nano- Teilchen hingegen sind heute schon in Produkten zu finden, die wir täglich verwenden, wie etwa Zahnpasta, Autolacke oder Outdoorbekleidung. Nanotechnologie ist ein Überbegriff für Technologien, die sich mit nano-großen (also milliardstel Meter kleinen) Teilchen befassen, die aufgrund ihrer Kleinheit andere Eigenschaften aufweisen als ihre größer- maßstäbigen Verwandten. Dies können ganz verschiedene Teilchen sein, dementsprechend gibt es auch sehr viele Anwendungsgebiete. In der Elektronikindustrie werden etwa Quantum Dots verwendet, das sind Nanokristalle mit speziellen elektrischen und optischen Eigenschaften.

In der Medizin werden Nanoteilchen z. B. für verbesserten Wirkstofftransport oder Tumorbehandlungen eingesetzt. Sonnencremen enthalten Nanoteilchen, um den Lichtschutzfaktor zu erhöhen, ohne einen weißen Film auf der Haut zu hinterlassen, Nano-Zahncremen verstopfen freiliegende Zahnkanäle und wirken dadurch schmerzmindernd. Autolacke und Outdoorbekleidung werden durch Nanoteilchen schmutzabweisender und pflegeleichter. In Lebensmitteln sollen Nanokapseln dafür sorgen, dass Aromastoffe länger erhalten bleiben, Verpackungsmaterialien könnten den KonsumentInnen zeigen, wenn das Lebensmittel verdorben ist. Dies sind nur einige Beispiele aus der Fülle der möglichen Einsatzgebiete.

Nanotechnologie hat also einiges an Nutzen zu bieten, zum Beispiel in der Medizin, aber auch in der Umweltanalytik durch sensiblere Sensoren, oder durch die Schonung natürlicher Ressourcen durch geringeren Materialverbrauch in Beschichtungen.

Einige Anwendungen hingegen werden von KonsumentInnen – so diese überhaupt dazu befragt werden – meist abgelehnt, wie zum Beispiel eine Pizza, die je nach Zubereitungsfrequenz in der Mikrowelle von funghi zu hawaii oder zu salame wird.

Bei anderen Technologien, wie Atom- oder Gentechnik, werden mögliche negative Folgen breit diskutiert, Nanotechnologie steht sehr viel weniger im Fokus der Aufmerksamkeit. Wo seht ihr die größten Risikopotentiale?

Bisher gibt es keine Zulassungskriterien und –verfahren für Nano-Teilchen und Nano-Produkte. Toxikologische Forschungen gibt es kaum, das Risiko der Nanoteilchen ist also nur schwer zu bewerten. Im Sinne eines Vorsorgeprinzips müssten eigentlich Freisetzungsmoratorien ausgesprochen werden und die gewaltigen Summen an Forschungsgeldern, die in die Nanotechnologie fließen, vermehrt zur Erforschung der toxikologischen Wirkungen verwendet werden. Dies gilt vor allem für nichtabbaubare Nanoteilchen, die nachgewiesenermaßen Zellbarrieren überschreiten und Zellen schädigen können.

Carbo-Nanotubes etwa verhalten sich im Körper ähnlich wie die bekanntlich krebserregenden Asbestfasern. Auch gesellschaftliche Auswirkungen durch die Einführung der Nanotechnologien sind nicht untersucht, die Frage, wer davon profitiert, wer nicht und wer negative Folgen zu tragen haben wird, bleibt offen.

Koryphäe hat sich zum Ziel gesetzt, feministische Forschung in Naturwissenschaft und Technik zu fördern und über laufende Diskussionen in der feministischen Wissenschaftskritik zu informieren. Was hat euch dazu bewegt, einen Heftschwerpunkt gerade zu Nanotechnologie zu gestalten, wo seht ihr Ansatzpunkte für feministische Forschung?

Nanotechnologie wird als Zukunftstechnologie gehandelt und finanziell enorm gepusht, gerade für Frauen in der Forschung werden diese Technologien als Zukunftsfeld dargestellt. Kein öffentliches Diskussionsthema hingegen ist die Frage, ob solche Technologien aus Sicht von KonsumentInnen, NGOs, BürgerInnen, ForscherInnen und PolitikerInnen überhaupt gewünscht werden, und wenn ja, unter welchen Bedingungen. Feministische Wissenschafts- und Technologiekritik fragt nach Nutzen und Risiken, und vor allem nach den Möglichkeiten der Mitbestimmung. Und sie fragt danach, wer die Nachteile, die mit solchen Technologien verbunden sind, wird tragen müssen, bekanntlich sind dies ja oft Menschen in Entwicklungsländern und hier vermehrt Frauen.

Wie werden sich Nanotechnologien zum Beispiel auf die geschlechtliche Segregation des Arbeitsmarktes auswirken? Wer wird Zugang zur Nano-Medizin erhalten? Solche Fragen müssen dringend erforscht werden. Wir versuchen, in der Koryphäe dazu einen Beitrag zu leisten.

Die Koryphäe ist das einzige deutschsprachige Medium zu feministischer Naturwissenschaft und Technik. Sie erscheint zweimal im Jahr, die erste Nummer 2007 beschäftigte sich mit Nanotechnologien, die zweite Nummer hat das Thema „Frauen und die Lüfte“. Wir freuen uns über Frauen, die sich für eine Mitarbeit im Redaktionsteam interessieren!



online seit 03.09.2007 11:53:54 (Printausgabe 38)
autorIn und feedback : PK


Links zum Artikel:
www.koryphaee.at



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