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Netznetz:

Community Voting ohne Community

Und wieder einmal im depot, dem kulturellen Diskurszentrum in Wien: Ein Wahlexperiment und eine Podiumsdiskussion Ende Jänner. Es geht um Selbstverwaltung und die Tücken von Wahlmodellen. Es geht um netznetz, das neue Fördermodell für Netzkultur in Wien (vgl. MALMOE 32), oder vielleicht auch um mehr. Schließlich steht Kulturstadtrat Mailath-Pokornys Ankündigung (oder Drohung?) nach wie vor im Raum: „Wenn das gut funktioniert, kann ich mir durchaus vorstellen dieses Modell auch auf andere Förderbereiche auszuweiten."

Aber vielleicht sollte mensch diese Absichtserklärung von Februar 2006 auch ganz einfach vergessen. Denn ganz offensichtlich funktioniert das Modell, Förderungen für Netzkultur-Projekte durch die „Community“ der potenziellen SubventionsempfängerInnen per Wahlverfahren untereinander selbst vergeben zu lassen, nicht gut.

Es kann nicht gut gehen, wie das Wahlexperiment zeigt: Strategisches Verhalten verhindert, dass Leute ihre echten Präferenzen ausdrücken. Wobei andere Probleme des Modells gar nicht in das vereinfachte Experiment einfließen, wie etwa, dass Präferenzen recht komplex werden, wenn der Mensch einerseits selbst Geld bekommen möchte und andererseits anderen Menschen, bzw. Projekten, Geld zukommen lassen soll.

Es geht aber nicht einmal im Rahmen des Möglichen gut. In der abendlichen Diskussion wird deutlich, dass es im letzten Jahr nicht gelungen ist, auch nur die einfachsten Bedingungen eines transparenten Förderverfahrens einzuführen - zentrale Komponenten des Modells wurden über Nacht geändert, Deadlines kurzfristig verschoben, Termine falsch angekündigt … Vermutlich kein böser Wille, sondern Überforderung der OrganisatorInnen, in erster Linie von einer Kulturpolitik zu verantworten, die ohne viele Überlegungen oder Vorgaben einfach ihre Agenden abgibt und schaut, was dabei herauskommt.

Zumindest das, was das Experiment im Jänner 2007 ergeben hat, hätten sich der zuständige Stadtrat und die Kulturabteilung schon vorher mal überlegen können. Oder sie hätten etwa den Community-Begriff problematisieren können. Die letzten Treffen von netznetz machen deutlich, wie dieser sich konkret darstellt: Wenn es um grundlegende Strukturen geht, kommen etwa 20 Leute, wenn Geld vergeben wird, 150 Leute. Mensch kann natürlich versuchen, diese Situation durch kommunitaristisch-moralische Ermahnungen zu ändern, doch erstens sind diese selten effektiv und zweitens sind sie unangebracht. Nur weil Menschen im Netz künstlerisch und kulturell arbeiten, müssen sie nicht unbedingt Förderstrukturen entwickeln wollen - von Menschen in der Kulturpolitik und -verwaltung ist ein solches Interesse zu erwarten, von KünstlerInnen nicht. Nicht jede Künstlerin möchte Kunstförderungsadministratorin werden, hingegen liegt der Verdacht nahe, dass diejenigen, die eine Community mit einem derartigen Interesse behaupten, selbst gerne administrieren wollen - wogegen nichts einzuwenden ist, es ist nur eine andere Art Job als Netzkünstlerin, aber Jobflexibilität gilt ja als wünschenswerter Charakterzug des post-wohlfahrtsstaatlichen Menschen.

Anfang März hat nun der Wiener Gemeinderat das netznetz-Fördermodell um ein Jahr verlängert. Was trotz aller Bedenken immerhin besser ist, als würde netznetz wegen mangelnden Erfolgs einfach abgedreht. Gelöst wird dadurch nichts, auch nicht das Problem, dass ein solches Experiment - wenn es denn überhaupt gewünscht wird - eine gewisse Zeitdauer und Kontinuität, sowie klare Evaluierungskriterien braucht, um Sinn zu machen. Keine dieser Bedingungen ist gegeben, aber ein weiteres Jahr bringt immerhin die Chance, dass sich die Abwicklung des Modells professionalisiert oder dass es kontrolliert scheitert, dass klar wird, was daraus für künftige Förderungen zu lernen ist.

Denn zu lernen gibt es viel. Bei aller Kritik ist doch klar, dass es keine Königswege der Kunstförderung gibt, auf die zurückgegriffen werden kann. Weder Beiräte mit ihrer Tendenz, Kompromissprojekte zu fördern und die Verantwortung für Entscheidungen zu verwischen, noch die potenzielle Willkür von KuratorInnenmodellen bieten unumstrittene Alternativen.

Die neue Kulturministerin hat die Gründung einer kulturpolitischen Grundsatzabteilung angekündigt. Vielleicht kann sich ja auch die Stadt Wien zu einer ähnlichen Vorgangsweise entschließen, statt weiterhin unvorbereitete Experimente am lebenden Objekt der FörderungsbewerberInnen durchzuführen.



online seit 06.06.2007 11:53:15 (Printausgabe 37)
autorIn und feedback : Monika Mokre




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