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  Verlangsamung und Öffentlichkeit

Die Broschüre „Die Molekulare Invasion“ des Kollektivs „Critical Art Ensemble“ (CAE) ist jetzt auch „auf Papier“ erschienen.

Der Verlag für linke Kurz- und Qualitäts-Waren (Unrast) beschert uns die Übersetzung der im Netz frei verfügbaren Broschüre Die Molekulare Invasion des Kollektivs Critical Art Ensemble (CAE). Der Text zum Themenkomplex Biotechnologie/ Gentechnik kommt zwar in etwas unansprechender Aufmachung daher und ist auch eher von bescheidenem Umfang. Dafür liest er sich herrlich unakademisch, geprägt sowohl von CAEs interventionistischen Jahren und Auseinandersetzung mit realen Bewegungen, als auch vom methodischen Reflexionsprozess und der Klärung des eigenen Anspruchs. Es geht darum Hybride „aus Kunst, Design, Politik, Soziologie (und) Geschichte“ mit partizipatorisch-progressivem Anspruch zu produzieren, verrät Mitgründer Steve Kurtz.

Kurz und bündig, und unter Verzicht auf Offenlegung ihrer Quellen, zeichnen die AutorInnen in der Broschüre nach, wie die aus Herrschaftsinteressen über Jahrhunderte etablierten Vorstellungen in Konflikt mit aktuellen Profitinteressen spezifischer Kapitalfraktionen geraten sind. Aus dem Widerspruch, einerseits die herrschende ideologische Ordnung nur über kategoriale Unterschiede und praktische wie theoretische no-goareas (hier stehen Dracula und Frankenstein herum) aufrecht erhalten zu können, und anderseits aus kapitalistischer Verwertungslogik genau diese Schwelle „illegitimer Vermischungen“ überschreiten zu müssen, resultiert den AutorInnen zufolge ein Großteil der Probleme mit denen die Durchsetzung der Biotechnologie konkret konfrontiert ist. Allen PR-Kampagnen und Heilsversprechungen zum Trotz, gab es bislang kein Pro-Gentech- Volksbegehren, eher das Gegenteil.

Die Molekulare Invasion entgeht somit den Fallstricken moralisierender Argumentation, die sich letztlich auf unhaltbare Letztbegründungsansprüche (Ethik) oder Lebensschutz (Theologie) oder schlichtweg rückständigen Traditionalismus / Primitivismus zurückverfolgen ließe. Anstatt argumentiert CAE nachvollziehbar, dass das Problem mit Gentechnik letztlich an den historisch-konkreten Umständen liegt (kurz Kapitalismus), unter denen sie eingesetzt wird, und nicht am „Eingriff“ selbst. Soweit, so gut, aber auch nicht besonders originell (was allerdings auch nicht behauptet wird).

Interessanter als der deskriptiv-analytische Teil der Broschüre, sind die strategischen Vorschläge der „taktischen Mediengruppe“: so sprechen sich die AutorInnen für eine Aneignung der technologischhandwerklichen Instrumente der Biotech-Industrie aus, um sie auf dem eigenen Gebiet, mit den eigenen Waffen zu schlagen. Die Broschüre verschließt sich nicht praktischen Tipps: von der Freisetzung unschädlicher gentechnisch veränderter Fliegen in Biotech-Betriebskantinen (Effekt: Terror und Zweifel) oder Würmern in der Nähe von Versuchfeldern (Effekt: Minderung bzw. Vernichtung des wissenschaftlichen Werts von Experimenten), bis hin zu Vorschlägen zur Kontaktaufnahme mit WissenschaftlerInnen.

Die genannten Beispiele werden als „fuzzy sabotage“ bezeichnet, durch das sowohl das klassische Modell der AutorInnenschaft im Kunstkontext infrage gestellt als auch das Risiko der individuellen strafrechtlichen Verantwortung minimiert werden soll. Massentauglich ist der Vorschlag ein Gentechlabor zu bauen sicher nicht - das wissen die AutorInnen - Aneignung von Wissen, Wissenschaft und Technik sind es aber sehr wohl. Was ist nun das Ziel des ganzen Unterfangens? Den Prozess der Durchsetzung der „inneren Landnahme“ zu verlangsamen, um der Bevölkerung ( = Öffentlichkeit) Zeit zu schenken, um die Veränderungen abzufedern. Letztlich ein sozialdemokratisch- reformistisches Projekt, das trotz aller interessanten Ansprüche politisch-perspe - ktivisch den Grünen des 21. Jarhunderts vor einer erfolgreichen Wahl entspricht. „Kritisch“ sein reicht einfach nicht.

„Die molekulare Invasion – Strategien gegen die Biotechnologie im globalisierten Kapitalismus“ vom Critical Art Ensemble ist 2006 im Unrast Verlag erschienen.


online seit 13.04.2007 17:32:57 (Printausgabe 36)
autorIn und feedback : Ali Bi




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