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  An den Rändern der Sichtbarkeit...

Über die Funktionalisierung der Bilder durch Herrschaftsverhältnisse, Normalität und Sichtbarwerdung.

Eine kleine Expedition in die Tropen der Wahrheit an den Rändern der Sichtbarkeit von Flo Maak.

Bildpolitik

Das Verhältnis von Visualität und textbasiertem Diskurs wandelt sich historisch sowohl in der theoretischen Bestimmung als auch in der es verhandelnden Praxis. In den letzten Jahrzehnten hatte es denn auch Konjunktur, eruptive Verschiebung in diesem Gefüge durch die Proklamation unterschiedlicher turns zu behaupten – beginnend mit dem „linguistic turn“, dem „pictorial turn“, dem „iconic turn“ und letztlich dem Abturn vom turn. Bildpolitik, wie sie im Folgenden skizziert wird, ist auch als politisch-programmatische Reaktion auf all die Projekte intendiert, die sich mit der Zunahme der alltäglichen Bildproduktion und -konfrontation beschäftigen. Beginnend mit dem 1992 von W. J. T. Mitchell ausgerufen „pictorial turn“ setzte wenig später auch außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses die Rede von der Bilderflut ein. Mittlerweile hat sich die Aufregung gelegt und die meisten akademischen Disziplinen bemühen sich die eigenen Bildpraxen zu reflektieren. Es gibt wissenschaftliche Tagungen zur medizinischen Bildproduktion, dem Pixel in der Biologie, dem Bild als Quelle in der Soziologie und viele mehr. Ob dabei die eigene bildgestützte Wahrheitsproduktion kritisch verhandelt wird, gilt es im Einzelnen zu untersuchen. Neben diesen fachspezifischen Diskussionen gibt es Bestrebungen eine allgemeine Bildwissenschaft ähnlich der allgemeinen Literaturwissenschaft zu institutionalisieren. So theoretisch wie methodisch interessant diese Diskussion teils auch ist, stößt doch die vor allem im deutschsprachigen Raum dominierende Frage unangenehm auf, was ein Bild sei. Dieser Versuch „das Bild“ ontologisch zu bestimmen neigt zur Ausblendung politischer Determinierungen und Instrumentalisierungen in der visuellen Kultur und liefert schließlich wenig Brauchbares für eine kritisch engagierte Bildpraxis.

Demgegenüber wäre der Fokus eher auf die Funktion und Funktionalisierung der Bilder zu richten um Kriterien und Strategien einer politisch sensiblen Bildpraxis, bzw. einer visuell sensiblen politischen Praxis zu entwickeln. In diesem Sinne schließt eine emanzipatorische Bildpolitik zwar an die Diskussion um eine allgemeine Bildwissenschaft an, wenn sie sich der Frage stellt, wie das Verhältnis zwischen Bildern, textbasierten Diskursen und Herrschaftsverhältnissen für die Gegenwart zu bestimmen ist. Doch richtet sie ihre Perspektive dabei auf die spezifischen visuellen Praxen in ihren jeweiligen Produktions- und Rezeptionsbedingungen. Wer produziert also die Bilder für wen? Wie werden sie instrumentalisiert und wann geraten sie außer Kontrolle? Welche Faktoren beeinflussen ihre und wie lassen sich diese beeinflussen? Oder entziehen sie sich vielleicht immer der letztgültigen Funktionalisierung und was würde das für einen politisch sensiblen Umgang mit Bildern bedeuten? Bildpolitik betrifft also gleichermaßen Praxen der Produktion, wie auch Rezeption, zumal diese in der Praxis schwer von einander zu trennen sind. So wird spätestens mit in der Verhandlung von Lesarten deutlich, dass diese ihren Gegenstand immer auch mitverfassen.

In & Out

Sollen (gegenwärtige) Bilder kritisch in ihrer Beziehung zu Herrschaftsverhältnissen untersucht werden, scheint es selbstverständlich, vom Sichtbaren auszugehen. Was sehen wir, wenn wir das Magazin aufschlagen, den Fernseher anschalten, zwischen den Werbetafeln in der U-Bahn Station zum Museum laufen? Zumindest nicht all das, was wir uns vorstellen können – weniger noch. Finden sich von der Norm abweichende Identitäten repräsentiert, z.B. in der Nachmittagstalkshow, so bezahlen diese Einzelnen ihre frisch gewonnene Sichtbarkeit zumeist mit der Reduktion auf den Status des Anderen, des Freaks. Es wäre in einem solchen Moment der Sichtbarwerdung nötig, die Praxen der Identifizierung, der Benennung und Anrufung zu überprüfen um das Feld des Sichtbaren als eine konstituierende Sphäre des historisch-spezifischen Wissens einer Gesellschaft wirklich zu erweitern. Ein Transsexueller ist keine Frau, die Männerkleidung oder einen Männerkörper trägt und Identitäten jenseits der binären Logik sind durchaus vorstellbar. Sie existieren als Gespenster solange ihnen die Sichtbarkeit versagt bleibt, wobei sie Dich anschauen auch wenn Du sie nicht siehst. Die Pathologisierung dessen, was sich nicht in die dualistische Ordnung fügt, ist die Hauptfunktion der körperpolitischen Matrix. Die den vorherrschenden Identitäten Zugehörenden bedürfen ihrer dringend und immer wieder um sich ihrer Normalität zu versichern. Wobei normal ist, wer der Norm entspricht und die ist niemals gänzlich zu erfüllen. Die Normalität ist immer prekär. Die notwendig phantasmatische Übereinstimmung mit ihr ist dann nur durch Versicherung des Wissens darüber zu erreichen, wer nicht dazu gehört.

Durchschreitet ein Subjekt nun die Schwelle von der Geisterwelt, so wird es mit einer Norm ausgestattet, die definiert wer seinesgleichen sind und das Ticket in die Realität der Matrix ist. Diese Sichtbarwerdung wird notwendig mit neuerlichem Ausschluss quittiert, Ausschluss derer, die nicht in die erweiterte Wirklichkeit passen. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte der Schwulenbewegung. Gab es in den 60ern noch die große perverse und weitestgehend unsichtbare Familie, so gehören heute z.B. Transidentitäre oder SM-Anhänger in dem öffentlichen Bild und Selbstbild vieler Mainstream- Schwuler nicht mehr dazu. Dies kann nicht den Protagonistinnen dieses Kampfs vorgeworfen werden. Das Bedürfnis nach Sichtbarkeit ist unter den gegebenen Umständen ebenso selbstverständlich wie das zu essen. Es geht auch eine Zeitlang ohne, doch lange leben geschweige denn gut lässt sich so kaum. Der Ausschluss nach dem Einschluss, die Logik des In & Out, ist was die Subjektwerdung unter den gegenwärtigen Herrschaftsverhältnissen bedingt und in der visuellen Kultur als Preis der Sichtbarkeit verhandelt wird.

Die Ränder der Sichtbarkeit

Die Ränder des Sichtbaren können aber auch lustvoll durchschritten werden. Dort greift die Logik des In & Out noch nicht richtig und hier versammelt sich ein Großteil der Fehler aus den Wiederholungsschleifen der Subjektkonstitution. Wird ein heteronormativer Film homoerotisch gelesen oder wird sich im Schutze der Nacht zur polysexuellen Party getroffen, fängt das kaum Sichtbare zu strahlen an und verkündet die Möglichkeit einer anderen Ordnung. Dieses Potential gilt es für eine emanzipatorische Bildpolitik produktiv zu machen. Wird ein Plakat, ein Flugblatt oder eine Zeitung wie diese produziert gilt es sensibel dafür zu sein, wie das vorherrschende Wahrheitsregime kontrolliert was zu sehen ist. Das heißt für ein aktivistisches Projekt auch nicht einfach die vorherrschenden Bilder zu adaptieren. Wenn z.B. eine bestimmte Ästhetik der Werbung kopiert wird, in der Hoffnung sich damit eine Strategie zur massenhaften Kommunikation anzueignen, kann es schnell passieren die Ideologie des Warenfetischs gleich mit zu kaufen und das eigene Projekt damit zu konterkarieren. Der subvertierte Plakattext allein produziert selten ein anderes Wissen, aber verändert sicherlich auch die Wahrnehmung eines Bildes. Wird der zugeordnete Text und Kontext eines Bildes verändert, ändert sich dessen Bedeutung und möglicherweise politische Funktion oder schlicht dessen Wert in den Aufmerksamkeitsökonomien. Allzu oft gibt es aber gerade in aktivistischen Zusammenhängen eine Angst vor zu schwer verständlichen Bildern. Immer wieder werden die Rezipientinnen und deren Lust auf andere, neue Erfahrungen unterschätzt. Dabei sind es gerade diese anderen sinnlichen Erfahrungen die das Wünschen eines nicht-geknechteten Lebens möglich machen. Eine emanzipierte Gesellschaft sieht anders aus als die Bestehende und ihre Bilder könne demnach nicht vertraut sein, aber gerade deswegen müssen sie produziert, das heißt simuliert und vermittelt werden.

Hier kann der Austausch zwischen Aktivismus und Kunst besonders produktiv sein. Kunst ist dann besonders als Forschungsinstanz des Sichtbaren gefragt, da es als solche spätestens seit der Moderne ein besonderes Interesse an den Grenzen des Sichtbaren entwickelt hat, den Bereichen in denen das Dargestellte nicht mehr ohne weiteres zu benennen ist, wo die Identifizierung zu scheitern droht.

Dieses Wissen sollte für eine kritische Bildproduktion von Interesse sein, ist es doch die Voraussetzung zu bestimmen, was unter den gegenwärtigen Verhältnissen zu sehen ist und damit auch eine wichtige Hilfe Bilder und Bildstrategien zu entwickeln, die die naturalisierende Identitätsbehauptung des Sichtbaren stören und Grundlagen für eine andere, emanzipiertere Ordnung schaffen.

online seit 13.03.2007 15:03:21 (Printausgabe 36)
autorIn und feedback : Flo Maak




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