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  Freie Software und Emanzipation

Ein Interview mit Sabine Nuss, Autorin von “Copyriot & Copyright“.

Sie erheben in Ihrem Buch Einspruch gegen das oftmals der Entwicklung von Freier Software zugeschriebene emanzipatorische Potenzial.

Sabine Nuss: Vor allem zeichne ich nach, dass Freie Software Resultat des entwickelten Kapitalismus in der privilegierten Welt ist und dass sie trotz ihrer ungewöhnlichen Eigentumsstruktur und Entstehungsweise in kapitalistische Verwertungsprozesse integrierbar ist - und auch integriert wird. Insofern ist Freie Software weder „systemsprengend“ noch „subversiv“. Was die Produktionsweise von Freier Software lediglich sehr anschaulich zeigt, ist, dass gesellschaftliche Produktion und Distribution möglich ist, ohne über Markt und Geld vermittelt zu werden. Das stellt ja so einiges auf den Kopf, was wir sonst in der Schule, an der Universität, in den Medien, von Ökonomen und so weiter erzählt bekommen: dass nur Privateigentum effizient sei, dass nur der Markt Produktion und Distribution lösen könne, dass sich „der Mensch“ nur gegen Entlohnung einsetzen würde, usw. Ich finde es zentral, dass solche Annahmen in Frage gestellt werden und dass untersucht wird, woher solche Dogmen überhaupt kommen - das ist es, was ich in meinem Buch mache.

Besteht nicht, wie Franz Schäfer in früheren Ausgaben der MALMOE und auch in einer Rezension ihres Buches behauptet, Hoffnung dass sich Menschen, deren Praxis quer zur herrschenden kapitalistischen Funktionslogik steht, mit dieser in Konflikt geraten, und sich gerade daran politisieren?

Sabine Nuss: Ich kann doch keiner Praxis ihr Politisierungspotential absprechen - Potential bedeutet hier ja nur "Möglichkeit". Ich kann mich noch erinnern, dass zu meiner Politisierung unter anderem die gemeinsamen Aktionen in der katholischen Jugendgemeinde beitrugen, die für sich gesehen nicht gerade revolutionär waren. Denkbar ist ja sogar, dass sich Leute gerade über völlig systemkonforme Praxen politisieren, zum Beispiel über den Irak-Krieg oder Hartz-Reformen. Was ich damit sagen will: Es ist im Voraus überhaupt nicht zu entscheiden, was Leute politisiert und was nicht. Das ist höchst zufällig und individuell. Warum soll Freie Software hier besonders privilegiert sein? Nur, weil ihre Produktionsweise für kapitalistische Verhältnisse atypisch ist? Üblicherweise heißt es auf Seiten der Verfechter von Freier Software (wenn sie nicht eh schon kapitalismus-kritisch sind), dass diese spezielle Eigentumsform nur möglich ist, weil es sich um ein immaterielles und damit nicht-knappes Gut handelt. Das heißt ja im Umkehrschluss: In der materiellen Welt ist Privateigentum notwendig, weil hier die Güter knapp sind. Deshalb war es mir ja so wichtig, das herrschende Eigentumsverständnis zu untersuchen. Das ergab, dass sowohl die Kritiker des Geistigen Eigentums als auch die Befürworter auf Basis der gleichen theoretischen Vorannahmen argumentieren. Ich bezweifle daher, dass sich Menschen in der Auseinandersetzung mit Freier Software besser politisieren als in der katholischen Jugendgemeinde.

Positiv schätzen Sie vor allem die Organisation von Open Source / Freien Software Projekten ein. Ist dies angesichts des bedeutenden Engagements einzelner Unternehmen und der Mythenbildung um Stars wie Richard Stallman oder Linus Torvalds nicht äußerst optimistisch?

Sabine Nuss: Flache Hierarchien, Selbstverantwortlichkeit, Eigeninitiative, Kooperation, Teamarbeit und so weiter - all diese Aspekte von gemeinschaftlicher Arbeit sind ja nicht erst durch die Freie Software geboren worden, sondern sind nun langsam nicht mehr ganz so neue Managementphantasien, von denen man sich eine höhere Produktivität erhofft und die im übrigen auch den Zweck hatten, den Widerstand von ArbeitnehmerInnen zu brechen, so z.B. in Italien in den 70er Jahren. Die hohe Motivation der Programmierer war meines Erachtens aber der zentrale Grund, warum sich Unternehmen und Unternehmensberatungen interessiert zeigten für das alternative Produktionsmodell Open Source. Nur herrschen in einem kapitalistischen Unternehmen nochmal andere Zwänge und Zwecke als in einem nicht-kommerziellen Softwareprojekt, und entsprechend verschieden sehen dann auch die Hierarchien und Machtstrukturen aus. Ich will damit sagen, dass es auch in Freien Software Projekten solche Strukturen gibt, dass die aber sicherlich andere Verlaufsformen annehmen als in kommerziellen Projekten.

Der Einsatz Freier Software ist mittlerweile von der Peripherie ins Zentrum der Softwareentwicklung gerückt. Welche Erfahrungen kann die Produktion von Open Source / Freier Software zur gegenwärtigen Diskussion rund um alternative Entgelt-Modelle im Kultur- bzw. Kreativwirtschaftsbereich beitragen?

Sabine Nuss: Im unmittelbaren Vergleich müssten digitale Medien wie Musik, Film, Text und Bild auch „frei“ im Netz verfügbar sein, so wie Freie Software - also teils beschränkt bis schrankenlos bearbeitbar und kostenlos. Unprominente Anfänge und Versuche gibt es in allen Bereichen, z.B. in der Musik: Open Music bzw. Jamendo. Recht verbreitet ist ja mittlerweile auch die Creative Commons License von Larry Lessig. Mit dieser Lizenz kann der/die Kreative selbst bestimmen, wer was genau mit seinem Stückchen geistiger Schöpfung tun und lassen darf. Aber jene, die ganz pauschal „Freiheit des Wissens“ für digitale Medien fordern, drücken sich häufig vor dem Widerspruch, dass die Kreativen (eh schon brotlos genug) dann andere Einnahmequellen benötigen. Häufig steckt dahinter eine privilegierte Position. Die alternativen Entgeltmodelle sind soweit ich das beurteilen kann eher mau. Von Spenden oder einer Freiwilligkeit an Bezahlung kann niemand leben. Von dem, was die Verwertungsgesellschaften ausschütten, ganz zu schweigen. Eine der ersten Kritiken an meinem Buch war übrigens, dass ich es nicht als Volltext ins Netz gestellt habe. Nun, mein Verlag ist klein, wirtschaftet prekär und muss seine Vorschüsse wieder reinkriegen. Andererseits: es heißt doch immer, das Netz sei subversiv und würde urheberrechtlich geschützte Werke in kürzester Zeit verbreiten...?

„Copyriot & Copyright: Aneignungskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus“ von Sabine Nuss ist 2006 im Westfälisches Dampfbooot Verlag erschienen

online seit 08.02.2007 11:07:01 (Printausgabe 36)
autorIn und feedback : cp


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/funktionieren/1348Rezension des Buchs



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