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  Die Community im Container

Die Wiener Netzkulturszene verteilt Kohle. Ein Aufruf zum Boykott eines gescheiterten Experiments.

Turbulente Szenen im Depot Anfang April: Das Experiment "Netzkulturförderung Neu in Wien" geht erstmals in Echtbetrieb. Mithilfe von selbst entwickelten Spielregeln, dem „Mana Community Game“, entscheidet die Wiener Netzkultur-Community selbst, wie sie das Geld unter ihren Mitgliedern aufteilt. „Mana mag man eben“? MALMOE macht den Selbstversuch und Webhost Peter Pilsl reicht einen Antrag auf Unterstützung von IT-Infrastruktur für die Zeitungsprojekte Context XXI, Fiber und MALMOE ein.

Wie alle anderen Projekte muss sich auch unser Antrag der Wahl durch die anwesenden angemeldeten Community-Mitglieder stellen. Allerdings gibt es - von vereinzelten Ausnahmen abgesehen – gar keine freien WählerInnen, sondern nur herangekarrte FreundInnen von ProjektanstragstellerInnen. Konsequenz dieser Vorgangsweise: Wer mehr Bekannte hat, bekommt mehr Geld. Eine Bekannte ist ziemlich genau 300 Euro wert. Es gibt sogar eine Person, die ihre Stimme zum Verkauf anbietet.

Projekte mit zu wenig UnterstützerInnen müssen innerhalb einer einstündigen Frist unter den Anwesenden Koalitionspartnerschaften knüpfen – für die Erarbeitung gemeinsamer inhaltlicher Konzeptionen bei weitem zu wenig Zeit.

Unser Mann vor Ort findet schließlich aber doch noch die nötigen KoalitionspartnerInnen, das beantragte Projekt erhält Geldzusagen - die MALMOE aber nicht in Anspruch nehmen wird, sind doch durch die beschriebenen Erfahrungen auch noch letzte allfällige Zweifel beseitigt: Was hier passiert, ist nicht mehr zu vertreten, nicht einmal in Form teilnehmenden Investigativjournalismus'.


Darwin im Bandbus


Die Mehrheit reagierte ernüchtert. Dem Vergabemodus, der sich letztlich durchsetzte (Abstimmung mit spieltheoretisch inspirierten Sonderregeln, die durch Höchst- und Mindestgrenzen für Fördersummen zur Kooperation zwingen und Polarisierung vermeiden sollten), wurde von internen KritikerInnen zwar vorab einiges an subversiven Qualitäten zugebilligt, deren Roulette-Spiel-Routine herrschende Standards subvertieren sollte. Aber auch dieses Kalkül ging so nicht auf. Vielmehr bestätigte sich eine andere Befürchtung, dass es nämlich kritische Projekte unter Bedingungen schwer haben werden, wo die breite Zustimmung einer Community förderentscheidend ist.

Ein kleines Beispiel dazu: Während der Suche nach Kooperationspartnerschaften bei der Backbone-Wahl kam eine abschlägige Antwort an unser Projekt mit der Begründung, das Projekt des Angesprochenen habe schlechte Presse bei MALMOE. “Warnung des Kulturstadtrates: Kritik an der Community kann zum Förderverlust führen“...


Kritische Presse – keine Kohle


Die Mehrheit reagierte ernüchtert. Dem Vergabemodus, der sich letztlich durchsetzte (Abstimmung mit spieltheoretisch inspirierten Sonderregeln, die durch Höchst- und Mindestgrenzen für Fördersummen zur Kooperation zwingen und Polarisierung vermeiden sollten), wurde von internen KritikerInnen zwar vorab einiges an subversiven Qualitäten zugebilligt, deren Roulette-Spiel-Routine herrschende Standards subvertieren sollte. Aber auch dieses Kalkül ging so nicht auf. Vielmehr bestätigte sich eine andere Befürchtung, dass es nämlich kritische Projekte unter Bedingungen schwer haben werden, wo die breite Zustimmung einer Community förderentscheidend ist.

Ein kleines Beispiel dazu: Während der Suche nach Kooperationspartnerschaften bei der Backbone-Wahl kam eine abschlägige Antwort an unser Projekt mit der Begründung, das Projekt des Angesprochenen habe schlechte Presse bei MALMOE. “Warnung des Kulturstadtrates: Kritik an der Community kann zum Förderverlust führen“...


Vom Big Brother zu Big Brother


Dass der ganze Vergabeprozess derart schräg gelaufen ist, liegt nicht unbedingt an böser Absicht der Menschen, die das Community Voting vorbereitet und sich dabei vielfach engagiert für die idealisierte Sache aufgeopfert haben. Doch eine derart intensive Selbstbeschäftigung der Community und die Faszination für technische Lösungen und den Neuigkeitscharakter des Prozesses lenkt eben nur allzu leicht von den Rahmenbedingungen und den InitiatorInnen dieses "Experiments" ab - der Stadt Wien.

Ebendiese hat mit der neuen Form der Netzkulturförderung einen Prozess initiiert, mit Hilfe dessen sie zuletzt auch die vorläufige Einstellung der Förderungen an die (Public)Netbase legitimierte, die ihr durch deren konfrontative Haltung lange Jahre erhebliche politische Probleme bereitete. Die "Community" wurde somit auch als Legitimationsbeschafferin für eine politische Disziplinierungsmaßnahme missbraucht. Dem konnte auch ein von diversen Community-AktivistInnen verfasster Protestbrief gegen diese Maßnahme der Stadt Wien wenig entgegensetzen.

Die betriebsblinde Begeisterung der netznetz-Initiatoren darüber, dass sie das als "hierarchisch" und „unfair“ geschmähte Kuratoriums-Modell bei der Fördervergabe durch das angeblich "partizipative" Community-Modell ersetzen konnten, zeugt stattdessen Effekte, die nicht von allen Community-Mitgliedern als angenehm empfunden werden: Statt vor dem BigBrother Staat um Förderungen anzustehen, finden sie sich jetzt in einer Situation, die eher der gleichnamigen TV-Show ähnelt: Die Community-Mitglieder müssen unter sich ausmachen, wer rausgewählt wird und wer die Kohle abschöpfen darf.

Wenn aber die Grenzen der Community von ihren Mitgliedern selbst bestimmt werden, das verfügbare Geld jedoch extern vorgegeben und limitiert ist, bestehen starke Anreize für die Mitglieder, die Community so klein wie möglich zu halten, damit für die, die drin sind, maximal viel herausschaut. Genau das ist – durch intransparente Improvisation im Vorfeld und marktschreierische Erfolgsmeldungen über ach so überraschend hohe Wahlbeteiligung im nachhinein weitgehend verdeckt – bei Mana auch passiert. (Ein Beobachter aus Deutschland fühlte sich folgerichtig unangenehm an das Klassenwahlrecht im 19.Jahrhundert erinnert, und wunderte sich über die Behauptung, dass die nicht mehr als 120 Mana -TeilnehmerInnen die ganze Netzkultur-Community der Millionenstadt Wien darstellen sollen.)

Die Bewährung im Container erfordert dementsprechend individuelle Strategien, die um nichts weniger unschön sind als diejenigen, die unter dem Kuratormodell zum Erfolg führten, und wahrscheinlich sogar noch ein bisschen anspruchsvoller wirken, bezüglich Zurichtung der eigenen Persönlichkeit, ökonomische Instrumentalisierung des Bekanntschaftsnetzwerks und Ausrichtung der eigenen Projekte auf maximale Zustimmungsfähigkeit.

Wer das KuratorInnenmodell dafür kritisiert hat, dass es hegemoniale Normen des Kunstmarktes und der Politik reproduziert, wird jedenfalls mit Community-Voting kaum glücklicher.


Vorteil: Stadt Wien


Für die Stadt Wien bietet das neue Modell hingegen eindeutige Vorteile: Die Verantwortung für Förderentscheide wird delegiert, was die Stadtverantwortlichen bei szeneinternen Verteilungskonflikten aus der Schusslinie nimmt. Wer in einen Löwenkäfig mit 500 jahrelang ausgehungerten Löwen ein paar Patzen Fleisch wirft, die höchstens für 10 Tiere reichen und dann sagt “Macht euch das demokratisch untereinander aus”, dann hat das wenig mit Demokratie zu tun, sondern ist Zynismus der übelsten Sorte. Egal welche Spielregeln die Löwen dann miteinander ausmachen und welche Sprechweise die Löwen von den Fleischwerfern übernehmen. Darum ist das Mana Community-Game auch kein Debakel für die Demokratie, sondern ein Förderungsdebakel.

Kritik der Öffentlichkeit an geförderten Projekten (wie sie sich ja in letzter Zeit im Bereich der Kunst im öffentlichen Raum häuft), wird mit vollem Gewicht auf die "Community" fallen, die mit diesem Druck kaum wird umgehen können, fehlt es doch - zum Teil auf Wunsch von Community-Mitgliedern selbst - an Strukturen, die Community-Interessen gegenüber Außen vertreten könnten.

Auch die Dimensionierung der Fördersummen und die Zeithorizonte sind derart, dass ein langfristiger Aufbau von Institutionen nicht möglich ist. Das Entstehen unabhängiger Player, die der Stadt politisch unangenehm werden könnten, ist so nachhaltig unterbunden.


Verstrickt in Regierungstechniken


Diese Situation führt zu der derzeit beobachtbaren Selbstüberforderung der Community. Von der Stadt unter Zeitdruck gesetzt und unzureichend mit Strukturen und Ressourcen ausgestattet, um einen Prozess zu organisieren, der das Etikett "partizipativ" auch tatsächlich verdienen würde, hangelt sie sich am Rande der Selbstzerstörung durch das Chaos, in das sie sich immer tiefer verstrickt.

Stimmen, die nach den ersten Praxiserfahrungen einen Stopp sowie den Ausstieg aus dem Prozess bzw. ein grundsätzliches Überdenken desselben forderten, wurden und werden dennoch ignoriert. Das Versprechen, das von den - sich mittlerweile als Fälschung erweisenden - Etiketten "Selbstverwaltung" und "Partizipation" ausgeht, ist offenbar immer noch dermaßen stark, dass die bestimmenden Akteure der Community nach wie vor darauf setzen, den Prozess voranzutreiben - in der Hoffnung, dass sich im Lauf der Zeit für jedes Problem jeweils irgendeine Lösung finden ließe.

So ist das wohl, wenn die Einbindung in Herrschaftsmechanismen direkt funktioniert: Distanzverlust und Rollenverwechslung sind die Folgen. Und derart verkommt "Partizipation" schließlich zum Mit-Machen in einer Versuchsanordnung für neue Regierungstechniken.


Asymetrische Partizipation


Von VerteidigerInnen des Community Voting wird Kritik an ihrem Projekt regelmäßig mit dem platten Argument abgewehrt, man solle “es doch besser machen”, der ganze Prozess sei schließlich offen und veränderbar, man solle kein vermeintliches Gegenüber kritisieren, sondern sich lieber “selbst einbringen”. Abgesehen von der Fixierung auf ein scheinbar alternativloses “Mitregieren”, versucht sich dieses Argument natürlich vor allem an der Verschleierung real existierender Asymmetrien im gegenständlichen Prozess: Einerseits geraten so die Strategien des Fördergebers und die von ihm gesetzten Rahmenbedingungen aus dem Blick bzw. werden diese einfach nicht mehr hinterfragt. Andererseits haben auch in der so genannten Community (wie in allen anderen Gruppenprozessen auch) nicht alle Beteiligten die gleichen Chancen, sich bzw. ihre Interessen durchzusetzen, weil manche schlicht über mehr Informationen, Verantwortung, Zeit, Ressourcen, Kompetenzen, Beziehungen etc. verfügen als andere. In Gruppen, wo es aber keine formalen Hierarchien gibt, bilden sich informelle Hierarchien heraus (die alt bekannte "Tyrannei der Strukturlosigkeit").

Effektive Partizipation (sofern dieser Begriff für ein System, wo FördernehmerInnen die Verteilung der Fördergelder unter sich ausmachen, überhaupt passt) braucht dagegen Zeit, eine Infrastruktur und bewusste Aufbauarbeit von Strukturen, in denen den erwähnten Asymmetrien entgegengearbeitet wird. Der bloße Aufruf zur Selbstorganisation mittels Mailingliste führt dagegen bloß zu chaotischem Gewimmel, wie auf "netznetz" seit Monaten zu beobachten - was wiederum vor allem Chancen für zielgerichtete Individualstrategien eröffnet, um dabei enorme persönliche Vorteile herauszuschlagen, ohne dass sich Gegenwehr mit vertretbarem Aufwand organisieren ließe.


Offensiver Boykott!


MALMOE hat deshalb bei der zweiten Ausschreibungsrunde des Community-Games ("Network grants") Mitte April folgendes Projekt eingereicht:

"Projekttitel: Offensive Verweigerung.

MALMOE hat es aus erster Hand vor, während und nach dem Backbone-Voting erfahren und nun sind sämtliche Zweifel beseitigt: Der Förderprozess der Netzkultur wurde durch mana nicht demokratischer oder transparenter, im Gegenteil. "Community" und "Partizipation" steht drauf, drinnen ist aber ein neoliberaler Umerziehungskurs, in dem die einzelnen Ich-AGs den Wettbewerb direkt untereinander ausmachen sollen. Motto: Solidarität raus, Competivity rein.

MALMOE fordert deshalb zu einem offensiven Boykott von Mana auf. Das ist auch zugleich unser Projekt (Konkret: Wir beantragen möglichst viel Geld, das wir an politische oder kulturelle Projekte weitergeben werden, die in letzter Zeit von der Stadt Wien abgedreht wurden.) Demokratie kann nicht serverseitig gelöst werden!"


Das eingereichte MALMOE-Projekt wurde schließlich in einem kafkaesken Verfahren (das “Validierungsgremium” hat getagt) nicht einmal zur Abstimmung zugelassen.

Die von Mitgliedern geäußerten Einschätzungen über die Erfahrungen mit zwei Runden „Community Game“ („unverfroren“, „grobe Unterschätzung der Probleme“, „umfassendes Desaster“, „kompletter Reinfall“ etc.) fanden dagegen auch im als improvisierte Krypto-Kontrollinstanz eingesetzten „Validierungsgremium“ Widerhall, das in seiner Bilanz auf „viele ungelöste Probleme – um nicht von Scheitern zu sprechen“ hinwies, um daraufhin zurückzutreten.

Von all dem findet sich in einer geradezu gespenstisch anmutenden Presseaussendung der HauptbetreiberInnen des Prozesses keine Spur. Dort wird der Wahlprozess als gelungener „Hack des völlig veralteten Jury- und Beiratssystems“ interpretiert, von Problemen kein Wort.

Ob die Orwell-hafte Textierung - verfasst ohne jede Rücksprache mit der „Community“ - als Indiz für besorgniserregende Realitätsverweigerung auf Seiten der VerfasserInnen oder als Ausdruck des enormen Erfolgsdrucks zu lesen ist, unter den die Stadt ihre Gesprächspartner in der Community gesetzt hat (die SPÖ Wien schob übrigens gleich eine Gratulations-Presseaussendung nach), ist schwer zu sagen. Dass Kulturstadtrat Mailath-Pokorny dem Community Game im Erfolgsfall Modellcharakter für andere Förderbereiche zuspricht, macht jedoch deutlich, dass es hier um mehr geht als bloß um die Karrierekämpfe einer kleinen Szene. Ohne dass die Öffentlichkeit etwas davon mitkriegt - und offenbar auch ohne dass es den meisten enthusiastisch an Wahlverfahren bastelnden Programmier-Freaks klar wäre - werden hier soziale Versuchsanordnungen mit weit reichendem politischen Präzedenzcharakter durchgezogen.


online seit 28.04.2006 15:59:25 (Printausgabe 32)
autorIn und feedback : Hopfgartner/Pilsl/Weber


Links zum Artikel:
mana.manila.at/
www.malmoe.org/artikel/funktionieren/1079
www.goldfisch.at/community/mana/statement



Von PatientInnen und KonsumentInnen

Google Health, Microsofts Health Vault und die „mass consumerization“ von Gesundheitsdaten.
[07.08.2008,cp]


Streifzug

EM-Sicherheit-Nachlese
[18.07.2008]


Weisser Krümelkrams und die Sorge um sich Selbst

Interview mit Hans-Christian Dany über „Speed – Eine Gesellschaft auf Droge“
[27.06.2008,Interview: Max Hinderer]


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