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  Meine Freundin Madonna

Die Online-Community Myspace macht aus Stars Freundinnen und lässt das Prinzip der persönlichen Musikempfehlung wieder aufleben.

Es war schon in der Schule so. Die coolen Jungs zwei Klassen höher waren das Maß aller Dinge. Weil sie Bands wie Black Flag oder Dead Kennedys hörten, mussten wir die Platten auch haben. Keine Radiostation und kein Musikmagazin der Welt hätte uns zielsicherer in den Second-Hand-Plattenladen führen können, wo Alben wie „Bedtime for Democracy“ und „Slip it in“ bereits auf uns warteten.

Auch das Konzept, die Kluft zwischen Performer und Publikum niederzureissen, hatte zu dieser Zeit Konjunktur. Der Rockkritiker Lester Bangs, der die britische Punk-Band The Clash 1977 auf einer Tour durch Großbritannien begleitete, notierte damals verwundert: „I learned that the Clash make a regular practice of inviting their fans back from the gigs with them, and then go so far as to let them sleep on the floors of their rooms.“ Auch die Online-Community MySpace verbindet Musikempfehlungen aus dem Freundeskreis mit einem ausreichenden Maß elektronischer Intimität zwischen Fans und MusikerInnen und bringt damit althergebrachte Strukturen in der Musikindustrie ins Wanken.

Fast 700.000 Bands und MusikerInnen buhlen in der 2003 vom ehemaligen Musiker Tom Anderson gegründeten digitalen Plattform um die Gunst der rund 35 Millionen aktiven NutzerInnen. Sie stellen Songs zum Download oder zum Streaming bereit, listen ihre Tourdaten auf und tauschen sich über Weblogs, E-Mail und Instant Messaging mit ihren Fans aus. Und nicht nur das. Wer will, wird auch in die „FreundInnenlisten“ der MusikerInnen aufgenommen. Madonna etwa hat 43.951 FreundInnen auf MySpace, die britischen Shootingstars Arctic Monkeys immerhin 24.475. Selbst die Wiener Electronic-Boygroup TNT Jackson sammelt als Euro-Outsider 115 Leute auf ihrer FreundInnenliste.

Vor allem Newcomer nutzen die Online-Community, um sich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Nicht wenige von ihnen, darunter die Schockrocker Hawthorne Heights (269.931 FreundInnen) und die Indie-Metal-Combo My Chemical Romance (405.797 FreundInnen), verdanken ihre Karriere der elektronischen Mundpropaganda in der virtuellen Gemeinschaft. Mittlerweile haben die Betreiber der Plattform - sie wurde im vergangenen Juni für einen Kaufpreis von 580 Millionen Dollar in das Medienimperium des rechtskonserativen Medien-Tycoons Rupert Murdoch einverleibt - auch ein Label gegründet, das Entdeckungen aus der Online-Community in die Plattenläden bringen soll.

Soziale Netzwerke stellen, wie das Beispiel von MySpace zeigt, traditionelle Aufgaben der Musikindustrie zunehmend in Frage. Sie könnten in Zukunft nicht nur die Talentscouts und A&R-Abteilungen der Plattenfirmen tendenziell überflüssig machen - die Fans wählen die Musik selber aus. Sie kratzen auch an der Definitionsmacht traditioneller Vermittlungsinstanzen wie Musikpresse und Radio. Das US-Technologiemagazin „Wired“ feierte die Online-Community bezeichnenderweise als das „MTV der Internet-Generation“.
Und obschon das Gros der NutzerInnen der für die Werbung attraktiven Zielgruppe der 16- bis 35jährigen angehört, suchen auch ältere Semester auf MySpace Anschluss. So stellte etwa der 65-jährige Popbarde Neil Diamond im vergangenen Herbst sein von Rick Rubin produziertes Comeback-Album „12 Songs“ in der Online-Community vor. Jetzt hat er fast 20.000 neue FreundInnen und möglicherweise mehr als das: „Dear Diamond Sir“, schrieb ein Teenager namens posture levi in das Forum des mittlerweile ergrauten Schmusepoppers, „Mommy says you’re daddy, please explain.“



online seit 08.03.2006 15:55:13 (Printausgabe 30)
autorIn und feedback : Patrick Dax


Links zum Artikel:
www.myspace.com



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