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  Desperados im Dienst der Macht

Zur Reform der Netzkultur-Förderung in Wien

„Netznetz ist eine Bande von Desperados,
die kein Geld haben und ein Geld haben wollen.“
liz vix/ ubermorgen


Dem Eingangszitat sollte hinzugefügt werden, dass es sich hier um hart arbeitende Desperados handelt, die in den letzten Monaten mehr über den Zusammenhang zwischen Demokratie und der Verteilung öffentlicher Gelder nachgedacht haben, als die meisten KulturpolitikerInnen dieses Landes vermutlich während ihrer gesamten Laufbahn.

Oder nein, das ist so nicht ganz korrekt: Nachgedacht wurde über die möglichst demokratische Verteilung einer bestimmten Geldsumme - dass dieses Geld öffentliches und daher Steuergeld ist und dass die Bedingungen dieser Verteilung von denen vorgegeben werden, die die GeldgeberInnen (angeblich oder tatsächlich) repräsentieren, fand in den Debatten kaum Beachtung. Der finanzielle Rahmen wurde als gegeben angenommen, andere Rahmenbedingungen der Stadt Wien nur teilweise und zögerlich hinterfragt. Und die Demokratiedebatten bezogen sich ausschließlich auf die Beziehungen zwischen denjenigen, die im Modell Entscheidungen treffen sollen, bzw. von diesen auch zu profitieren hoffen.

Das ist verständlich. Die Netzkulturszene ist nicht für die demokratische Qualität der Kulturpolitik der Stadt Wien zuständig. An dem Punkt allerdings, an dem sie kulturpolitische Agenden übernimmt - und die Verteilung öffentlicher Fördermittel ist zweifellos ein Kernbereich der Kulturpolitik - übernimmt sie auch einen Teil dieser Verantwortung - ob sie will oder nicht, ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht. Ein bisschen Politik machen funktioniert ebenso wenig wie ein bisschen schwanger sein. Wer sich einmischt, muss sich darüber klar sein, wo er/sie sich einmischt und aus welchen Gründen diese Einmischung zugelassen oder gar gefördert wird.

Dies ist im konkreten Fall besonders interessant: Warum gibt die Wiener Kulturpolitik, die nicht gerade für ihren partizipativen Charakter bekannt ist, weitreichende Kompetenzen an die AkteurInnen im Feld ab? Darauf gibt es natürlich eine idealistische Antwort: Die Wiener Kulturpolitik hat in den letzten Jahren erkannt, dass sie sich zu wenig in der Netzkultur auskennt, um sinnvolle Fördermodelle zu entwickeln und überlässt daher das Feld Leuten, denen sie diese Kompetenz zutraut. Zwar lässt sich der erste Teil dieser Aussage gut empirisch belegen, doch führt kulturpolitische Hilflosigkeit nicht automatisch zur Implementierung von Selbstverwaltungsmodellen. In der Vergangenheit wurde dieses Problem - mehr oder weniger glücklich - durch die Beiziehung von ExpertInnen gelöst. Und die zahlreichen Debatten, die im Rahmen von Netznetz in den letzten Monaten geführt wurden, machen zumindest deutlich, dass ein Selbstverwaltungsmodell nicht automatisch zu einer sinnvollen Mittelverteilung führt, sondern erstmal sehr viel mehr Probleme aufwirft, als es zu lösen imstande ist.

Ein Hauptproblem bei einer selbst gesteuerten Verteilung finanzieller Mittel in einer sehr kleinen Szene besteht darin, dass Sympathie und Antipathie unter den handelnden Personen voraussichtlich eine größere Rolle spielen als Einschätzungen der Qualität des jeweiligen Projektes. Auf diesen Hinweis wurde in den Debatten der letzten Monate häufig mit dem Verweis auf das nötige Vertrauen innerhalb der Community reagiert. Abweichend von Lenin lässt sich darauf mit Foucault sagen: Vertrauen ist die bessere Kontrolle. Und hier kommen wir zu einer zentralen Funktion, die Netznetz für die Kulturpolitik übernimmt, nämlich die Errichtung und Erhaltung von Hegemonie, die ja bekanntlich im Spätkapitalismus üblicherweise nicht durch offensichtlichen Zwang, sondern durch Zustimmung erreicht wird. Was im konkreten Fall bedeutet: Zustimmung zu einer Fördersumme und einer Verteilungsform, die auf Projekte fokussiert und Infrastruktur vernachlässigt und Zustimmung zur Definition der Szene durch die Stadt Wien, die unter anderem dazu führt, dass bestehende Förderungen mit Hinweis auf das neue Modell abgedreht werden.

Für die Kulturpolitik bedeutet die Übergabe eines Teils ihrer Agenden an die Betroffenen eine Win-win-Situation: Entweder die neue Form der Fördervergabe kann als Erfolg verkauft werden, dann lässt sich die Wiener Kulturpolitik als Erfinderin dieses innovativen Weges abfeiern. Oder das Ganze wird (oder gilt als) Flop, dann hat die Szene bewiesen, dass sie zur Autonomie nicht imstande ist, und damit der Kulturpolitik ein neues Argument in die Hand gegeben, sich um diesen Bereich, mit dem sie von jeher nicht klarkommt, auch weiterhin nicht zu beschäftigen.

Für die Netznetz-Community ist das Unternehmen hingegen hochriskant. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich in ihrer Gesamtheit desavouiert und zugleich intern zerstreitet, scheint eher hoch. Immerhin wird bereits jetzt - und wohl nicht zu unrecht - die Streichung der Jahresförderung für die Netbase unmittelbar mit dem neuen Fördermodell in Verbindung gebracht. Denn für diejenigen, die bisher außerhalb einer teils selbst-, teils politisch definierten Community Aktivitäten im Bereich Netzkultur betrieben haben, besteht nun die Wahl zwischen Regen - oder eher: zwischen dürftig tröpfelnder Gießkanne - und Traufe: Entweder sie passen ihre Arbeit an Bedingungen an, für die sie nicht konzipiert wurde und denen die Bedingungen auch in keiner Weise angemessen sind, oder sie lassen sie aufgrund des Mangels an finanziellen Möglichkeiten ganz.

In den Debatten innerhalb von Netznetz wurde das Fördermodell immer wieder als Experiment bezeichnet. Experimente sind Versuchsanordnungen in einem Labor, deren Wert nicht von ihrem Gelingen abhängt, sondern von dem Erkenntnisgewinn, der daraus zu ziehen ist. Ein Fördermodell, das in wenigen Monaten implementiert wird und die finanzielle Zukunft einer ganzen Szene (plus einiger, die nicht dazu gerechnet werden oder sich nicht dazu rechnen wollen) bestimmt, ist kein Experiment, sondern ein kulturpolitischer Eingriff. Für den natürlich letztendlich der zuständige Kulturpolitiker die Verantwortung zu übernehmen hat. Die er aber erstens im Fall von Problemen der Netznetz-Community zuschieben wird und die diese zweitens schon auch mitträgt, wenn sie sich vor den Karren der Kulturpolitik spannen lässt.


Terminhinweis:
20. Februar, 19 Uhr, Depot, Wien 7., Breite Gasse 3:
Präsentation Community Gameplay - Das softwarebasierte Fördermodell Netzkultur(en) MANA





online seit 20.02.2006 09:58:14 (Printausgabe 30)
autorIn und feedback : Monika Mokre


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/funktionieren/1079



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