![]() |
| |
|
|
||||
| |
||||||
|
D!g!ta1e B10(|<\/\/arte Anti-Spam-Selbsthilfe in der Internet-Community Schon lange bevor Spam auf die Tagesordnungen von internationalen Organisationen und Gesetzgebern kam, waren unerbetene E-Mails ein Thema unter Internet-Nutzern. Die selbsternannten Bekämpfer der unerbetenen E-Mails sind oft ebenso fragwürdig wie ihre Absender. Bis vor wenigen Jahren gab es keine klaren gesetzlichen Regeln für viele Aspekte der Netzkommunikation, und wenn es sie gab, war unklar wie sie durchgesetzt werden könnten. Unter der Elite der Internet-Nutzer herrschte die Meinung vor, sie würden die Regeln in diesem öffentlichen Raum selbst bestimmen. Die Administratoren der Netze und die Meinungsführer in den Online-Debatten redeten einem nonchalanten Laissez-Faire das Wort, so lange es um die Horror-Sujets der Offline-Welt ging – um Copyright und Piraterie, um Pornografie und Freiheit der Kunst, um Propaganda und Freiheit der Rede. Jedes Begehren nach öffentlicher Kontrolle wurde als Einmischung von außen abgetan, die sowohl verwerflich sei als auch wegen der Unbeherrschbarkeit des Internets zum Scheitern verurteilt. Insofern war das Auftauchen von Spam ein interessanter Test, wie die Regeln der Selbstbestimmung im Internet umgesetzt würden. Spam war bis vor nicht allzu langer Zeit ein rein netzinternes Problem, das der breiten Öffentlichkeit vollkommen gleichgültig war. Die Aufregung darüber blieb auf die minoritären Kreise der NutzerInnen beschränkt. Gesetzgeber und Exekutive waren desinteressiert. Die Netzcommunity hatte freie Hand, das Problem selbst anzugehen. Dabei rief die als erste Spam-Nachricht geltende E-Mail sogar die Staatsmacht auf den Plan: Als 1978 ein Mitarbeiter des Computerherstellers DEC die Ankündigung einer Vorführung neuer Rechner an beinahe sämtliche Nutzer des Internet-Vorläufer Arpanet versendete, schritt das U.S.-Verteidigungsministerium ein, das das Netz damals betrieb. Vor allem aber fielen in den Debatten der UserInnen über diesen Spam bereits fast alle Argumente, die seitdem in der netzinternen Debatte immer wieder fallen. Der wichtigste Einwand war letztlich auch der Grund für die Verwarnung durch das Ministerium und ist das Ur-Argument gegen Spam: Das Internet sei eine öffentliche Ressource und deshalb seien kommerzielle Mitteilungen dort unangebracht. Außerdem stehle man anderen UserInnen die Zeit, wenn man solche E-Mails ohne Aufforderung versende. Andere wandten allerdings ein, dass neue Computer für die Teilnehmer des Arpanet durchaus von Interesse seien und nicht einfach als kommerzielle Werbung gesehen werden könnten. Interessanter Weise verteidigte Richard Stallman, der Guru der Bewegung für freie Software, den DEC-Spam seinerzeit mit dem Argument, er würde ohnehin schon so viele uninteressante E-Mails bekommen, dass eine mehr oder weniger auch schon egal sei. Doch er nahm diese großzügige Sicht der Dinge später mit einer ebenfalls in späteren Diskussionen wieder auftretenden technokratischen Argumentation zurück. Der Absender habe zu viele Adressen in die Absenderzeile geschrieben – was das Netz seinerzeit potenziell hätte überlasten können – und so etwas sollte niemandem erlaubt sein, gleichgültig, was der Inhalt der Nachricht sei. Der Ur-Spam führte 1978 noch zu wenig mehr, als zu einer gesitteten Diskussion innerhalb der übersichtlichen Gruppe, die seinerzeit noch das Arpanetz nutzte. Es dauerte fast zwei Jahrzehnte, bis das Thema prominent auf die Agenda geriet – und schon wurde es schwieriger, denn der Spam, der 1994 durch die Newsgroups geisterte, war nicht kommerziell, aber dennoch für viele jenseits der Grenze des Erträglichen. Ein unter dem Pseudonym “Serdar Argic” firmierender User flutete die Diskussionsgruppen mit automatisch generierten Beiträgen, in denen der türkische Genozid an den Armeniern im frühen 20. Jahrhundert geleugnet und türkisch-nationalistische Propaganda betrieben wurde. Wenn ein Hacker ein Problem hat, schreibt er eine Software. So auch hier. Man konnte den Postings von “Serdar Argic”, auch bekannt als Zumabot, leicht dadurch Herr werden, dass man sie aufgrund heuristischer Merkmale identifizierte und löschte. Es gab seinerzeit durchaus Skrupel, diese Maßnahme anzuwenden. Selbst UserInnen, die die Botschaften des Zumabot als reaktionären Revisionismus verurteilten, fürchteten, dass der Geist der politischen Zensur mittels automatisierter Technik nur schwer wieder in der Flasche einzufangen sein würde. Es setzte sich schließlich ein Formelkompromiss durch, der es formal der Entscheidung der Netzadministratoren überließ, die Meldungen zu löschen, de facto aber universell umgesetzt wurde. Die nächste Eskalationsstufe wurde wenig später erreicht. Anlass war der legendäre Canter & Siegel-Spam der gleichnamigen Anwaltskanzlei, die in tausenden Aussendungen ihre dubiosen Dienste potenziellen TeilnehmerInnen der Green-Card-Lotterie für U.S.-Arbeitserlaubnisse anbot. Hier stand der kommerzielle Gedanke und die Abzocker-Mentalität der Versender so sehr im Vordergrund, dass Selbstjustiz unter den UserInnen um sich griff, und allgemein als gerechtfertigt angesehen wurde. Durch massenhafte Protestmails wurden die E-Mail-Accounts der Kanzlei lahmgelegt; in Online-Debatten wurde unumwunden gefordert, den AbsenderInnen körperliche Gewalt anzutun. In den 10 Jahren seit Canter & Siegel hat sich mit der exponentiellen Entwicklung des Internet auch der Spam vervielfältigt. Hier und da wird noch darüber diskutiert, wie man die lästigen Spam-Nachrichten loswerden kann, ohne dabei gleich einen veritablen Überwachungsstaat aufzubauen. Aber inzwischen hat sich spiegelbildlich zur Spam-Industrie ein kleines Anti-Spam-Handwerk aufgebaut, das die skrupulösen Debatten von früher gar nicht mehr interessiert, und das an alle unangenehmen Seiten von selbst ernannten Bürgerwehren erinnert. Diese digitalen Blockwarte kämpfen in Abwesenheit hinreichender gesetzlicher Mittel mit technischen und heuristischen Mitteln, die kaum je öffentlich überprüft werden. Sie nennen sich Spamcop oder Spamassassin, erstellen Filter, die dubiose Mails aussondern, führen schwarze Listen von Internet-Providern, die als Spam-Kanonen gelten und die für Mails komplett gesperrt werden, und veröffentlichen Namen, Fotos, Adressen und Lebensläufe von des Spammens Verdächtigten. Der Spamflut haben sie damit bislang auch nichts entgegensetzen können. Aber es kommt bereits zu ersten Kollateralschäden von Unbeteiligten, und es scheint wenig eingebaute Schutzmechanismen dagegen zu geben. online seit 19.02.2006 00:13:13 (Printausgabe 30) autorIn und feedback : Ribo Kader Links zum Artikel:
|
|
Die Chancen der Unmöglichkeit Pädagogik - (wie) kann das gehen? [25.11.2008,Karin Schneider und Sabine Sölkner] Bis auf’s Leiberl… American Apparel will mit seiner Baumwoll-Mode ‚fair’ und ‚sexy’ sein. Doch es reicht ein Telefonat mit einem Clean-Clothes-Aktivisten um zu wissen: diese Worte sind vor allem Accessoires. [14.10.2008,Interview: kal] Vermessene Leidenschaft Sex ist Kopfsache, sagt die Hirnforschung, und meint damit körperlich determiniert. Ein Gespräch mit einer feministischen Biologin zu einer schwedischen Studie, die Titelseiten stürmt. [21.08.2008,Interview: Katharina Ludwig ] die nächsten 3 Einträge ... |
||||
![]() |