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1000 Plafonds

Möglichkeiten und Grenzen des neuen Fördermodells für Netzkulturen

Der Himmel über der lokalen Software-Förderungs-Beta-Tester Szene hat die Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal eingestellt ist. Wer dabei an Okto TV denkt, liegt knapp daneben: das Flimmern am Zukunftshorizont der Netbase lässt das neue Fördermodell für Netzkulturen in flackerndem Licht erscheinen. Beobachter des langjährigen Existenzkampfs der Netbase befürchten, dass Kulturstadtrat Mailath-Pokorny die von der Dachinitiative netznetz entworfene Software MANA für kleinteilige Netzkultur-Förderungsvergaben quasi als Aufstandsbekämpfungsmaschine gegen rebellische Netzkultur-Organisationen wie die Netbase einsetzen könnte. Denn ein positiver Bescheid zu deren Ansuchen um Jahresförderung 2006 und Entschuldung nach der offiziellen Stilllegung der Public Netbase im Oktober 2004 und ihrer Neupositionierung vergangenen September ist bis zum Redaktionsschluss ausständig.

Das neue Fördersystem ist die Antwort auf jahrelange Forderungen der jungen Wiener Netzkulturszene. In “Offen, aber arm” hat Beat Weber vor eineinhalb Jahren an dieser Stelle das Problem der einstigen Größenasymmetrie analysiert: “Dass die fördergebenden Stellen Public Netbase als permanente Einrichtung finanzieren, und sonst nicht viel für Netzkultur hergeben, macht die Netbase in der Netzkulturszene zu einem Riesen und lauter Kleinen.” Die junge digitale Szene zeigt sich heute jedenfalls mehrheitlich solidarisch mit der Netbase. Christoph Theiler, Designer des MANA Community Game aus dem Wechselstrom-Labor, meint aus der Sicht des Experimentleiters: “Das System wird nur dann Bestand haben, wenn es sich im scharfen Gegenwind einer etablierten Institution wie der Netbase bewähren kann.”

Den Anstoß zu diesem partizipatorischen, softwarebasierten Experiment für Kulturförderungen gab die Lecture-Serie ‘The Flavour of Money’ von Sonance Network mit David Bovill und Ian Grieg im März 2005 im Rahmen der Ausstellung ‘Update. kunstrukturenschaffen&nutzen’ im Künstlerhaus, kuratiert durch eSeL/Lorenz Seidler. Künstlerische Experimente mit digital currencies im April münden in eine zweiwöchige Workshop-Reihe bei Monochrom. Soziale Reputationssysteme und Alternativwährungen im Kontextsystem (Netz-)Kunst/(Netz-)Kultur werden auch als Möglichkeiten innovativer Vergabemodi für kleinteilige Kulturförderungen optiert, da die Stadt Wien als Partnerin für das Software-Experiment geworben wird. Rasch werden alle Beteiligten jedoch mit der Komplexität des ‘Spiels der Bedeutungen’ und der illusio (Bourdieu) konfrontiert, sowie mit der physikalischen Unmöglichkeit die Inkarnation des symbolischen Kunstkapitals live zu vermessen und eine unvermittelte Online-Konversion – in E-Cash – zu schaffen. Die gemeinsamen Gedankenexperimente stoßen förmlich erneut an den ‘digitalen Plafond’.

Beim 5-tägigen Software Sprint im August werden erstmals digital currencies, softwarebasierte Reputationssysteme und neuerdings auch E-Voting unter dem weiter gefassten Begriff eines Community Recommendation Systems diskutiert. E-Voting erscheint vorerst besonders unter praktischen Gesichtspunkten zur Vergabe von partizipatorischen Budgets in der Kulturförderung tauglich. Als Arbeitsentwurf entsteht der E-Voting Prototyp auf LAMP-Basis (Linux, Apache, MySQL, Perl), der gewisse Direct und Delegated Voting-Modelle simulieren kann. Es wird ein ‘Sprintosium’ (© Hans Bernhard) für Herbst 2005 angesetzt, das die definitive Entscheidung für ein Modell bringen muss. Im Ringen um Alternativen zur bloßen Abbildung von E-Democracy entwickelt der Software-Aktivist Andreas Trawöger das MikrokuratorInnen-Modell ‘Super Trustee’ und Christoph Theiler das ‘Community Game’.

Das Sprintosium ‘Parliaments of Art’ bringt die Entscheidung für das ‘Community Game’, bei dem über die Zuweisung von Fördermitteln auf Basis von Reputationspunkten entschieden wird, die Community-Mitglieder einander gegenseitig zuweisen, durchbrochen durch einen Zufallsgenerator als Umverteilungsmechanismus; ab April 2006 sollen 125.000 Euro pro Halbjahr (in zwei Spielverläufen) in Teilbeträgen zwischen 7.000 und 28.000 Euro an durchschnittlich 18 KünstlerInnen und Kulturschaffende ausgeschüttet werden. Weitere Fördertöpfe – für 2006 insgesamt 250.000 Euro – stehen für Kleinprojekte, Infrastruktur und eine Convention kommenden September zur Verfügung.

Das neue Fördermodell wird für rund 50 Netzkulturinitiativen eine deutliche Verbesserung ihrer Lebens- und Produktionsbedingungen gegenüber den Jahren davor bewirken. Dabei kann sich das gemeinsam Erkämpfte auf eine hohe Akzeptanz innerhalb der jungen digitalen Szene berufen, da es, hervorgebracht im schöpferischen Ringen gegen ‘1000 Plafonds’, ihr eigenes Produkt kollektiver Arbeit an der Veränderung der widrigen Umstände repräsentiert. Es soll aber gerade darum nicht um den viel höheren Preis negativer Partizipation erkauft werden: das neue Fördermodell für die Netbase ist ausständig.


Links

http://www.netznetz.net
http://en.wikipedia.org/wiki/Netznetz
http://mana.netznetz.net
http://www.parliaments-of-art.net


online seit 02.02.2006 10:17:02 (Printausgabe 30)
autorIn und feedback : Stefan Lutschinger


Links zum Artikel:
www.malmoe.org/artikel/funktionieren/1079
www.malmoe.org/artikel/funktionieren/1081



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