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  Quo vadis Weblog?

Die Weblog Software ProduzentInnen der ersten Stunde stehen in den Startlöchern. Unter ihnen antville.org, ein Open Source Projekt, angesiedelt in Wien.

Das Projekt antville ist bemerkenswert, nicht nur, weil es wenig Anbieter von Weblog-Software in Europa gibt, sondern weil es auch Open Source mit StandardnutzerInnenfreundlichkeit verbindet.

Da von Ruhm aber auch die freundlichsten EntwicklerInnen nicht satt werden, scheint es, dass mehr dahintersteckt als nur Freude am Programmieren und der Kampf für eine gerechte Welt, in der alle veröffentlichen können, was sie wollen. Weblog Tools, allen voran Manila, sind als abgespeckte Version von komplexen Content Management Systemen entstanden und (glaubt man Manila) lassen sich auch exzellent vertreiben. So scheint nach zwei bis dreijähriger Pionierzeit die Ernte nah. Umso mehr, als dass mit dem Verkauf von Pyra und seiner Blogger Software an Google die ersten wirtschaftlichen Erwartungen geweckt wurden. Nur: wie kommen die Fleißigen zu ihren Früchten?

Damit ist die Grenzziehung zur medientheoretischen Diskussion vollzogen. Glaubt man dem einigermaßen populären „le Sofa Blogger“, dann ist die ursprüngliche Zeit des Bloggerns vorbei. Bloggern, bevor es populär wurde, was war das schön. Natürlich können Weblogs auch mit der Hand gestrickt werden und sind nicht von Software abhängig. Nun kann man sich darüber streiten, wie ein Weblog zu definieren sei: In welcher Frequenz müssen neue Meldungen veröffentlicht werden? Gibt es thematische Eingrenzungen? Wie vertrauenswürdig ist der Inhalt auf Weblogs? Usw.

Differenzierung

Diese Fragen sind aber jene nach dem Genre, nicht nach dem Produktionsumfeld des Weblogs. Erst durch Anbieter wie die Genannten wurde Weblogging einfach und zugänglich für eine breitere NutzerInnenschichte und begründete damit ein Medienformat, das dem WWW entspricht. Ein Medienformat, das bereits in seinen Anfängen von Diskussionen über Aufmerksamkeitsökonomie und Zukunftsszenarien geprägt ist, obwohl noch nicht absehbar ist, wohin die Reise geht, wenn „die Großen“ einsteigen.

Beginnt sich das Rad des Wettbewerbs im Software-Bereich einmal zu drehen, dann kann es leicht sein, dass alternative Anbieter verdrängt und die Geschwindigkeit der Entwicklung hoch ist, sodass kleine Anbieter außen vor bleiben. Mansell und Silverstone etwa stellen die These auf, dass dann zwar noch immer Nischenmärkte über bleiben, die großen Profite aber andere einstreichen.

Insofern brauchen wir uns um Pyra Labs keine Sorgen mehr zu machen. Mit Google an Bord ist die jahrelange Entwicklungsarbeit entlohnt, neue Ressourcen sind bereitgestellt. Auch das bisherige Geschäftsmodell war ja bereits erfolgreich. Ähnlich klassischen Webmail-Portalen steht blogger.com in einer einfachen Version frei zur Verfügung. Gegen Aufpreis wird ein etwas breiteres Funktionalitätsangebot eröffnet. Und dadurch, dass die publizierten Websites dann bei den UserInnen auf den Servern liegen, lassen sich Kosten sparen. Das freie Service ist gerechtfertigt, weil es neben der Verbreitung auch als Testsystem geeignet ist. Anders als bei Manila, wo die Software fertig gekauft werde kann und dann am eigenen Server läuft, lässt Blogger den AnwenderInnen viel Freiraum in ihrer Gestaltung.

Freiraum, der von Antville nicht ganz so gestattet ist. Im Angebot an Gestaltungsmöglichkeiten der Skins und der Bilder, Töne, etc. zwar großzügiger, läuft die Software ausschließlich auf den Servern von Antville. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit einen eigenen Server mit dieser Software zum Laufen zu bringen. Allerdings setzt das eine Auseinandersetzung mit der technischen Materie voraus, die sich nicht alle UserInnen zumuten wollen. Hinzu kommt, dass antville.org für neue UserInnen aus Ressourcen-Problemen nicht mehr aufnahmefähig ist. Abhilfe schafft twoday.net, basierend auf Antville, aber kostenpflichtig.

Die Geschenkökonomie als Entwicklungsmotor

Damit ist geklärt, wie sich die Gruppen zukünftig ihren Vertrieb vorstellen. Und wie sieht es mit den Entwicklungskosten aus? Die UserInnen der ersten Stunde werden wohl weder von antville.org noch von blogger.com vertrieben. Ihre Hilfe bei weiteren Entwicklungsschritten könnte ja noch hilfreich sein. Uter dem Schlagwort der „Geschenkökonomie“ hat Marcel Mauss im Schenken und Beschenktwerden wichtige Aspekte des Aufbaus und der Erhaltung von sozialen Beziehungen gesehen. Ein Phänomen, das auch für Open Source Projekte herhalten muss, glaubt man Josh Lerner und Jean Tirole. Es mutet verwunderlich an, dass hervorragende Programmierer ihre Kenntnisse in den Dienst einer scheinbaren öffentlichen Sache stellen, ohne einen damit direkt verbundenen Vorteil zu erhalten. Daher wird postuliert, dass der Austausch des Codes den EntwicklerInnen die Möglichkeit gibt, die Qualität ihres Codes zu überprüfen, neue EntwicklerInnen in den Prozeß einbindet, ihren Code populär macht, und den individuellen Marktwert der Programmierenden steigert.

Das mag für einen großen Teil von Open Source Software auch stimmen. Aber wie verhält es sich bei Weblog Software, die noch während des Entwicklungsprozesses an die künftigen UserInnen freigegeben wird? Hier erklärt die Geschenksökonomie nur die Beziehungsebene zwischen UserInnen und EntwicklerInnen. Die UserInnen werden mit dem Code beschenkt und geben dafür ihre Loyalität und wichtiges Feedback. Doch dieser Umsatz muss den EntwicklerInnen zu wenig sein. Erst wenn sich ein monetäres Investment realisiert (wie bei blogger.com), hat sich der Arbeitsaufwand der EntwicklerInnen gelohnt. Die verschiedentlich geäußerte Hoffnung, dass die UserInnen für die Software mit Hilfe von Micropayments zahlen (wie bei antville.org anläßlich Hardware-Zukaufs geschehen), ist kein langfristiges Modell für die Software-Entwicklung, möglicherweise aber für die AutorInnen von Weblogs.

Ökonomisch ist es sinnvoller anzunehmen, dass kurzfristige Interessen auf Geschenkökonomie basieren, längerfristige Interessen aber nur mit indirekten Investitionen erwartet werden können. Da sich eine wirtschaftliche Verwertbarkeit nur für die direkten BetreiberInnen eines Projekts rechnet, ist zu befürchten, dass sich auch nicht allzu viele EntwicklerInnen bereit erklären, umsonst an einer Software mitzuarbeiten. Diese These wird durch Untersuchungen unterstützt: Selbst in klassischen Open Source Projekten werden, laut Bergquist und Ljunberg, 80-90% der Programmierleistung von 10-20% der involvierten Personen erbracht. Die bisherigen Entwicklungen zu Weblog-Software entsprechen bekannten Mustern in diesem Bereich. Ob Antville weiterhin „mitmachen“ kann, hängt vom langen Atem der EntwicklerInnen ab. Jedenfalls ist es ein spannendes Beispiel für die Erweiterung der Software Entwicklungen im Bereich Open Source und ein gute Alternative zu andern Weblog Tools. Doch nur weil das Projekt in Wien einzigartig ist und eine weltweite Fangemeinde hat, bedeutet noch nicht, dass es sich auch als Sozialutopie noch lange rechnen kann.

Wien – don’t believe the hype

Im Bereich der elektronischen Kulturen ist Wien ein interessanter Ort. Anders als Linz mit dem Ars Electronica Center gibt es hier aber keinen expliziten Träger, der sich elektronischer Kultur fördernd annimmt. Andererseits gibt es eine Vielzahl von Initiativen, die auch außerhalb des Wiener Beckens bekannt sind. Public Netbase ist hier natürlich ein Kandidat, aber auch die elektronische Musikszene (wie die Vienna Scientists).

Dieses kulturelle Potential muss sich natürlich auch mit intellektuellem und wirtschaftlichem Potential treffen. Aber hier dürfte sich Wien in einer schlechten Ausgangssituation befinden. Die Universitäten sind nicht die Förder- und Forschungsinstitutionen eines kreativen und sozialwissenschaftlichen Nachwuchs. Wie schon beim „Wiener Kreis“ findet die Szene dezentralisiert ihr Seelenheil und lechzt nach Kontakten nach außen. Wien bekommt zwar durch die EU-Osterweiterung wieder den geographischen Vorteil als Mittler zwischen ost- und westeuropäischer Tradition zugespielt. 60 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs scheint Wien zu versuchen, an intellektuelle Stärken von vor hundert Jahren anzuschließen. Aber ist das Umfeld dazu bereit?

Leider wäre es jetzt zu einfach, zu sagen, dass das Weblogging in Wien auch daher durchsetzen müsste, weil es an die Kaffeehaustradition anschließt und einen Ort zum Austausch von Ideen in einem halböffentlichen Rahmen ermöglicht. Quasi ein Gegenkonzept zu den virtuellen Starbucks, die in nächste Zeit auf uns zukommen könnten. Aber Antville ist immerhin ein guter Versuch.

Literatur:
Magnus Bergquist, Jan Ljunberg: "The Power of Gifts: Organizing Social Relationships in Open Source Communities", Info Systems Journal 11
Robin Mansell, Roger Silverstone: Communication by Design: The Politics of Information and Communication Technologies, Oxford
Marcel Mauss: The Gift: The Form and Reason for Exchange in Archaic Societies, London


online seit 12.06.2003 18:08:40 (Printausgabe 13)
autorIn und feedback : Wolfgang Zeglovits




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