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"Eine neue soziotechnische Maschine" Interview mit Marcus Hammerschmitt, Social Fiction Autor und Weblogger. MALMOE: Du bist ein leidenschaftlicher Weblogger auf antville. Wie bist du darauf gestoßen? Hammerschmitt: Durch „hirn&verbrannt“, das Weblog von gHack. Ich kannte Günter von seinen Artikeln im Internetmagazin Telepolis und stieß (glaube ich) bei einer Google-Recherche auf sein Blog. Der erste Eindruck war: Was macht der denn da? Was soll das denn? MALMOE: Wenn ich jetzt an andere Interviews und Gespräche denke, so fällt mir auf, dass der Gebrauch des Weblogs immer sehr unterschiedlich definiert wurde. Drängt sich mir die Frage auf: Ist das Weblog für dich eher ein Diskussionsforum oder ein mobiler Speicher (andere würden sagen, ein „Filter“) für Sites, auf die du stößt? Hammerschmitt: Die Logik des Bloggens würde jetzt vorschreiben, dass ich einfach einen Weblog-Beitrag bei gHack verlinke. Er sei hier im Wortlaut wiedergegeben: „Das mag ja den Erfolg des ganzen Phänomens ausmachen: die Illusion von Freiheit, und daß man sich ab und zu erlauben kann, sie beim Wort zu nehmen. Das schließt die Freiheit ein, ein Weblog für all die anderen Zwecke zu benutzen, denen es sich so willig unterwirft (Showcase, Partnervermittlung, politische Diskussion etc.) Es ist ein schöner Traum mit einem Hauch Realität. Man darf ihn so lange träumen, wie es geht.“ Das wirklich Interessante an Weblogs ist ihre enorme Flexibilität. Sie können buchstäblich für alles benutzt werden, was mit Information zu tun hat, und das bei einer Geschwindigkeit, die das doch recht träge Gestalten und Aktualisieren von Homepages bei weitem übertrifft. Aus den Diskussionen mit Lesern meines Blogs und aus der Lektüre anderer Blogs gewinne ich Ideen für meine journalistischen und schriftstellerischen Arbeiten. Sobald etwas davon im Volltext oder in Auszügen online vorhanden ist, wird das im Blog annonciert, und die Leser interessieren sich dafür – oder eben nicht. Man kann nie vorhersagen, was ein „Erfolg“ wird, und oft sind die Reaktionen überraschend, auch ärgerlich, „quer“. Das ist etwas ganz anderes als der von bestimmten Konventionen glattgeschmirgelte Autor-Leser-Kontakt, den man so kennt. Ein paar Beispiele: Das meistabgefragte Posting in meinem Weblog enthält zehn meiner Gedichte in deutscher und englischer Sprache, die ich nach einer Lesereise in England aufgenommen und als mp3-Dateien auf „Instant Nirvana“ abgelegt habe. Ein schönes Beispiel für die Dynamik mancher Blog-Stories ist die Geschichte um „Chevoleks Kinoapparatom“. Günter Hack hatte ein Stück Kurzprosa mit diesem Titel geschrieben, es gefiel mir so gut, dass ich es aufzeichnete und als Sounddatei veröffentlichte. Andere Leser seines Blogs hatten die Geschichte anders verstanden und überboten sich gegenseitig in stimmlichen Interpretationen, die je nach Sprecher auch noch dialektal eingefärbt waren. Es kam sogar zu musikalischen Mixes. Ein schönes kleines Stück kollaborativer Kunst. „Selbstgespräch über Herrn Walser. Man siezt sich.“ von Peter Praschl, listigerweise als ein Eintrag in seinem Weblog „le sofa blogger“ getarnt, ist immer noch der beste journalistisch-essayistische Text über Herrn Walsers „Tod eines Kritikers“. Ich glaube, man kann ohne Übertreibung sagen, dass wir es in den Weblogs mit einer neuen soziotechnischen Maschine zu tun haben, die neue Arten der Kommunikation und Manipulation von Inhalten möglich macht. Innerhalb des Supermediums Internet ist ein neues Medium entstanden, das sich auf elegante Weise nahtlos in die bisher schon geschaffene Landschaft einfügt. MALMOE: Was hältst du denn von der antville-Community? Hammerschmitt: Sehr viel. Das Publikationssystem „Helma“, auf dem antville beruht, hat mich am Anfang verstört, weil es tatsächlich den Nutzer dazu zwingt, per Hand HTML-Code einzugeben, was ich vorher schon lange nicht mehr getan hatte. Aber an die paar Befehle, die man braucht, gewöhnt man sich recht schnell. Wer das unbedingt will, kann sich endlos mit der Gestaltung seines Weblogs befassen, was dann aber auch die höheren Grade der HTML-, XML- und sonstigen Einweihungen erfordert. Aber das interessiert mich nur begrenzt. Was den Tonfall, den Stil bei antville angeht, so ist unbedingt positiv hervorzuheben, dass Trolle dort, im Unterschied zu anderen Ecken im Internet, absolut keine Chance haben. Das Usenet ist mittlerweile in Teilen unbenutzbar geworden, ein düsterer, mit Glasscherben und Hundescheiße übersäter Spielplatz für Kontroll- und Hassmaniker, deren Neurosen sich gegenseitig ergänzen. antville-Postings sind im WWW präsent und von überall her einsehbar, wer aber Kommentare verfassen will, muss sich per Benutzername und Passwort registrieren, und der Betreiber des individuellen Blogs hat jederzeit die Möglichkeit, Beiträge zu löschen. Wer allerdings als Betreiber zu sensibel in dieser Hinsicht ist und seinen Vorgarten zu eifersüchtig bewacht, der wird schnell feststellen, dass Leser und Kommentare ausbleiben. Wenn diese Balance gehalten wird, ergeben sich oft schöne Resultate. MALMOE: Und twoday.net, der kommerzielle Zweig von antville.org? Hammerschmitt: Solange die Preise moderat sind, kann ich dagegen nichts haben. Nicht jeder erreicht die Level an Selbstausbeutung, mit denen das antville-Team offenbar immer noch zurechtkommt. Habe ich mich eigentlich schon deutlich dafür bedankt? MALMOE: Ja, zumindest indirekt, wie mir scheint. In einem Artikel hast du nämlich geschrieben, dass die damalige Server-Spendenaktion von antville „ein gelungenes Stück Sozialarchitektur“ sei – kannst du das erläutern? Hammerschmitt: Das wurde sehr geschickt und fair angepackt. Besonders der einfache, aber effektive Kniff, nicht sofort Spenden, sondern nur Zusagen zu Spenden anzuwerben, die erst dann überwiesen werden sollten, wenn ein bestimmter Grenzwert (3000 €) erreicht war, hat mich beeindruckt. Damit wurde die Spendenbereitschaft geprüft und gleichzeitig sicher gestellt, daß man nicht zu kurz sprang und dann nachher eventuell schon überwiesene Gelder wieder zurück expedieren musste. Die offene und faire Diskussion über die Notwendigkeit der Aktion, über ihre Konsequenzen, über die Zukunft von antville war ebenfalls bemerkenswert. Viel demokratischer wird das Internet nicht. MALMOE: In demselben Artikel meinst du auch, weblog communities wie gerade antville seien eine zeitgenössische Auflage der Utopie vom freien Kommunizieren. Wie weit kann eine solche Utopie reichen, wo sind ihre ökonomischen und auch ihre zeitlichen Grenzen? Hammerschmitt: Ich fürchte, dass große und schnell anwachsende Bloggercommunities einen soziökonomischen Druck schaffen, der nur über die Professionalisierung der Administration, also über eine Kommerzialisierung gelöst werden kann. Ich habe in einem Artikel vom Juli letzten Jahres vorhergesagt, dass die Versuchung zur Kommerzialisierung auf Dauer unwiderstehlich sein wird, und dafür Unverständnis, sogar Hass geerntet. Jetzt ist der Trend da, und die eine große Ausnahme ist immer noch antville, um den Preis, dass dort derzeit keine neuen Weblogs angelegt werden können. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft, und dem wird auch nicht dadurch abgeholfen, dass die Grenzen des Weblogs „eigentlich“ nur durch die Grenzen der verfügbaren Technologie und der menschlichen Phantasie definiert sind. MALMOE: Nochmal zurück zum Anfang: gibt es erkennbare Vorteile von Weblogs insgesamt für einen gesellschaftspolitisch interessierten Kunsttreibenden (im alltäglichen Gebrauch)? Hammerschmitt: Ja. Das gute Zusammenspiel zwischen den Weblogs und meiner politischen Mailingliste „Linkskurve“ freut mich. Die beiden Medien ergänzen sich ideal, so kann ich zum Beispiel in Postings der Linkskurve auf Bilder und Sounddateien in Weblogs hinweisen oder auf umfangreiche Texte in Dateiformaten, die in einer Mailingliste wenig Sinn machen und auch als Attachments eher für Ärger als für Kommunikation sorgen. Das geht natürlich auch ohne Weblogs, mit dem „herkömmlichen“ WWW, aber da die Blogs schneller sind, kann ich auch in der Mailingliste schneller sein. Ein weiteres Beispiel: Als die Vorsitzenden meiner Gewerkschaft Unsinn zum Irakkrieg äußerten, konnte ich meinen Protest sehr schnell über verschiedene Kanälen artikulieren, zuerst allerdings in meinem Weblog. Der Text erschien später auch noch in einer Wochenzeitung – aber eben später. MALMOE: Danke fürs Interview! online seit 21.05.2003 00:04:08 autorIn und feedback : Thomas König Links zum Artikel:
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