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Auch nicht realer als Las Vegas

Does Disney go Europe - auch abseits seiner Erlebnisparks? Wie brauchbar ist der Begriff Disneyfizierung bei der Erforschung europäischer Städte?

Ein Gespräch mit Sønke Gau und Katharina Schlieben, den KuratorInnen der Ausstellung “site-seeing. disneyfizierung der städte?”, die vom 13. Dezember 2002 bis zum 9. Februar 2003 im Wiener Künstlerhaus und im Wiener Stadtraum stattfindet.

Kommt wirklich alles aus den USA irgendwann mal auch zu uns? Was bedeutet Disneyfizierung für europäische Städte?

Sønke Gau: Genau das ist die zentrale Frage, die die Ausstellung selbst stellt und für deren Beantwortung sie ein Forum bieten will. Denn es ist tatsächlich nicht so einfach zu sagen, wie dieses in erster Linie US-amerikanische Phänomen in Europa ankommt und welche Relevanz der Begriff in Europa wirklich hat. In erster Linie bezieht sich Disneyfizierung auf die realen städtebaulichen Projekte des Disney-Konzerns: “Celebration”, die Disney-Stadt in Florida - thematisiert z. B. auch im Film “Truman Show” - und die Revitalisierung des New Yorker Times Square. In einem Punkt ist die Situation in Europa schon mal eine ganz andere, denn während Disney historische Gebäude quasi im geschichtsfreien Raum als Fassaden rekonstruiert, gibt es diese Architektur in europäischen Städten schon.

Katharina Schlieben: In Wien z. B., wenn hier eine Einkaufspassage gestaltet wird, dann wird häufig die vorhandene, historisch gewachsene Architektur als Grundlage verwendet, während in den USA meist mit simulierten Fassaden gearbeitet wird. Die Diskussion ist bereits verstärkt in den 80er Jahren in Europa etwa durch Jean Baudrillard und Umberto Eco geführt worden, allerdings meist in Bezug auf die USA. Unsere Intention ist nun, diese Diskurse anhand europäischer Städte zu überprüfen mit künstlerischen und kuratorischen Sichten, architektonischen Interventionen und wissenschaftlichen Ansätzen.

Sønke Gau: Die Fotos von Alexander Timtschenko werden z. B. in der Ausstellung zeigen, warum dieser Diskurs zunächst nur auf die USA bezogen wurde. Timtschenko zeigt uns die ganz klassischen Sachen, z. B. der Dogenpalast-Nachbau in Las Vegas, wenn der Markusplatz als exakter Nachbau plötzlich mitten in der historisch nicht definierten Wüste steht.
Katharina Schlieben: Wir gehen die Frage insgesamt etwas abstrakter an und sprechen vom ‚disneyfizierten Raum’. Wir gehen davon aus, dass es nicht den homogenen neutralen Raum gibt oder den urbanen Raum, der einem anonym gegenüber steht. Raum ist konstruiert durch mediale und inhaltliche Raumkonzepte, ist ausgerichtet nach Blickachsen: da gibt es den televionären Blick, den touristischen Blick, den kommerzialisierenden Blick usw., nachdem Raummuster gestaltet werden. Und dann geht es in der Frage der Disneyfizierung nicht mehr nur um Simulation.

Aber simuliert wird bei uns doch auch, wenn auch nicht dasselbe. Die Millennium City wie viele andere Shopping Centers simuliert z. B. eine Kleinstadt oder zumindest einen Marktplatz.

Sønke Gau: Das lässt sich am neuen Potsdamer Platz auch nachweisen, wo ein öffentlicher Raum simuliert wird, der er natürlich gar nicht ist, weil er privatisiert und auch kontrolliert ist. Wobei der öffentliche Raum als solcher auch erstmal ein von Interessen durchwirkter und Ausschlussmechanismen erzeugender ist, also kein neutraler Raum ist, der einer wie auch immer gearteten bürgerlichen Meinungsfindung dient. Den öffentlichen Raum per se gibt es für uns gar nicht.

Peter Arlt etwa sieht das ja völlig anders (vgl. MALMOE 09) und meint frohgemut, dass sich die Menschen im Shopping Center ohnehin bald langweilen, da es im Gegensatz zum ‘echten’ öffentlichen Raum keine Überraschungen bietet.

Sønke Gau: Wenn auch das Shopping Center sicher keiner ist, gibt es - wie gesagt - nicht den reinen öffentlichen Raum als Gegenmodell. Die Ausschlussmechanismen aber werden in der Shopping Mall natürlich sehr verstärkt. Wobei die Shopping Mall für Europa gar nicht sosehr das Problem ist, sondern eher, wie Katharina schon sagte, dass z. B. die ganze Wiener Innenstadt als Mall wahrgenommen wird und sich eigentlich nur noch die Frage stellt, warum sie nicht schon längst überdacht wurde. In Hamburg gab es solche Arkadenkonzepte, wo tatsächlich daran gedacht wurde, die halbe Innenstadt zu überdachen, wo es dann genau darum geht, ein urbanes Zeichensystem so zu inszenieren, dass es dieses Überraschungsmoment schon in sich birgt. Das wird auch in Harun Farockis Film "Die Schöpfer der Einkaufswelten" deutlich, dass zunehmend versucht wird, dieses Überraschende mit zu planen. Hier sind die Planer immer schon einen Schritt voraus. Ich kenne diese Aussagen von Arlt natürlich, und die ersten Shopping Malls sind ja auch gescheitert, aber diese Erfahrungen werden heute wieder umgesetzt, indem man versucht, einen Nutzungsmix hinzukriegen - kleine Cafés, ein Bazar - alles, was das Urbane ausmacht, indem das Zeichensystem decodiert und neu inszeniert wird. Ich befürchte, dass diese Konzepte so ausgefeilt sind, dass es immer schwieriger wird, sie als Inszenierungen zu begreifen, vor allem, wenn es ganze Stadtteile betrifft.

Um aber noch einmal auf die Simulation zurückzukommen: Wenn wir zum Beispiel den 1. Bezirk ansehen, den wir in der Ausstellung auch genauer untersuchen werden, dann sieht man klassische historische Gebäude, die manchmal entkernt worden sind, aber die Gebäude selbst sind nicht rekonstruiert. Sie werden allerdings durch die Nutzungszusammenhänge im Inneren zu Fassaden. Und dieses Bild, das die Tourismusindustrie oder das Stadtmarketing entwirft, ist z. B. auch simuliert im Sinne der Inszenierung: die Fiaker, die Mozart-Guides, die ganze schöne kleine Wiener Altstadt, die in dieser Inszenierung dann auch nicht realer ist als Las Vegas.

Katharina Schlieben: Wobei es sie natürlich schon auch gibt, die neugebauten Viertel. Wiebke Grösch und Frank Metzger untersuchen in ihrer Arbeit “nach olympia” das Nachleben olympischer Dörfer: Was mit ihnen geschieht, ob sie vor sich hin verfallen oder für andere Zwecke wieder genutzt werden, und zwar in Berlin, Innsbruck, Sidney, München und anderen Städten. Und das sind schon neugebaute Stadtviertel oder an der Peripherie neu gesetzte Zentren.
Sønke Gau: Events sind an sich Einflussfaktoren für Stadtmarketing, nicht nur sportliche, auch kulturelle Großveranstaltungen. Etwa das Museumsquartier, dort wurde gebündelt und strukturiert und mit einer Programmierung überschrieben, eben homogenisiert. Es geht dabei um einen mittlerweile globalen Städtewettbewerb, in den solche Events in die Imagepolitik gerne eingespeist werden, um die Stadt neu zu strukturieren und zu positionieren.

Wenn die Stadt in Funktionsräume aufgeteilt wird, betrifft das aber auch jene Teile, die etwa von der Tourismusindustrie nicht beachtet werden, z. B. ArbeiterInnen- und MigrantInnenviertel. Wenn ich in meinem Bezirk, in der Brigittenau, herumgehe, denke ich oft, dass es hier wahrscheinlich viele Leute, in erster Linie MigrantInnen gibt, die überhaupt noch nie im 1. Bezirk waren. Wie funktionieren die unsichtbaren Grenzen zwischen den Stadträumen?

Katharina Schlieben: Wien ist da ja ein spezieller Fall, wo durch die mittelalterliche Stadtstruktur der Ring schon vorgegeben ist. Es gibt diese bekannte Anekdote, in der die amerikanischen TouristInnen fragen, wann der erste Bezirk am Abend geschlossen wird, weil er den Charakter einer Shopping Mall schon in sich trägt.

Sønke Gau: Da kommt die Disneyfizierung wieder ins Spiel, im Sinne der Themenparks, dass nämlich im internationalen Städtewettbewerb die ganze Stadt als Themenpark inszeniert wird. Entweder durch ein Selbstinszenierungsmoment der BeweohnerInnen oder vom Stadtmarketing und den Tourismusverbänden, und das findet in den einzelnen Bezirken dann noch einmal im kleinen Maßstab statt. Da gibt es dann Images, wie etwa der 2. Bezirk, das ehemalige Judenviertel, wo tatsächlich auch heute viele orthodoxe Juden wohnen. Gleichzeitig ist das aber auch ein selbstverstärktes mediales Image. Oder die sogenannten sozialen Brennpunkte, wo jedes Verbrechen, das dort stattfindet, medial überzeichnet wird. Das sind dann sowas wie Themenparks, von einem Thema überschrieben. Jeder Bezirk in Wien ist von einem eigenen Thema überschrieben, das teilweise unterbewusst und teilweise bewusst reproduziert wird. Am deutlichsten wird das momentan im Freihausviertel gemacht, hier gibt es die Gentrification im kleinen Stil. Eine Gruppe, die sich zusammengeschlossen hat, hat für das Freihausviertel ein ganz neues Image kreiert: jung, urban, mit Cafés, Designerläden, Champagnerladen, Blumengeschäft, das durch seine Hyperästhetisierung in direkter Konkurrenz zu den dort ebenfalls ansäßigen Galerien tritt.

Katharina Schlieben: Eine Künstlerin, die für die Ausstellung vorwiegend den ersten Bezirk untersucht, ist Pia Lanzinger. Sie stellt die Frage: Wie funktioniert der touristische Blick? Sie lädt zu Stadtführungen in Wien ein, auf welchen man an verschiedenen Stationen Leute trifft, die im touristischen Bereich arbeiten, etwa einen Perückenmozart oder jene Wiener Werbeagentur, die den Spruch “Wien erwartet Sie” kreiert hat. Pia Lanzinger fragt nach den Motiven eines solchen Werbeslogans. Wie stellt man sich “den Touristen” vor, der nach Wien kommt und wie möchte man ihn empfangen? Bei einem Treffen zu Recherchezwecken mit den WerbegestalterInnen der Agentur wurde uns geantwortet - und Pia Lanzinger und ich sind dabei fast vom Stuhl gefallen - der Werbeslogan “Wien erwartet Sie” ist entstanden, weil: Wien ist eine Frau! Wien ist Charme, Gemütlichkeit, Sinnlichkeit und im weitesten Sinn Erotik, also: Der Schoß öffnet sich: Wien ist eine Frau!

Dann geht es im Rahmen der Tour z. B. noch zum Burghauptmann, aber man schaut sich nicht einfach die Burg an, sondern der Burghauptmann erklärt das zukünftige Leitsystem, mit dem durch die Burg geführt werden soll. Bei der Recherche hat er uns einen Plan gezeigt und erklärt, dass gewisse Ecken der Burg immer zu wenig beachtet werden, also müssen dort mehr Zeichen und Wegelinien hin, damit diese Ecken auch beachtet wird. Ganz ähnlich wie bei Harun Farocki, der in seinem Dokumentarfilm “Die Schöpfer der Einkaufswelten” zeigt, wie ein Shopping Center gestaltet wird. Ich fand es sehr interessant, dass der Burghauptmann eigentlich die gleichen Vokabeln und Codes benutzt hat, um diese Burg an die Touristen zu vermarkten.

Welche Rolle spielen für euch Sicherheitsdiskurse bei der Disneyfizierung?

Katharina Schlieben: Bei Pia Lanzinger ist es Teil ihrer Arbeit, auch die ganzen Sicherheitsmaßnahmen zu untersuchen. Sie hat vor ihren Untersuchungen in Wien in München ein halbes Jahr lang ein Projekt mit dem Titel "Mit Sicherheit in München. Eine Sonderermittlung von Pia Lanzinger" gemacht. Bei dieser "Sonderermittlung" ist sie z. B. in die Staatskanzlei und in der Tresor eine Bank gegangen oder zur Polizei. In Wien fragte sie sich: Wie sicher sind die TouristInnen, wann werden die Malls geschlossen, wer darf wann rein und wer nicht? Außerdem hat sie Perückenmozarts interviewt und festgestellt, dass das praktisch lauter Ausländer sind, viele davon Studenten, die keinerlei soziale Absicherung haben. Und das ist eben auch Teil des Sicherheitsdiskurses.

Sønke Gau: Und die ganze Sicherheitstechnik sichert ja in erster Linie die Medialisierung, Touristifizierung und Kommerzialisierung ab - oder macht sie erst möglich. Dabei ist es auch absolut wichtig, dass die Überwachungsstruktur nicht wahrgenommen wird. Das geschieht z. B., indem Plätze räumlich geschlossen wirken, oder indem man Parkbänke baut, auf denen Obdachlose nicht schlafen können, oder auch indem man Blickachsen einbaut, die ein Überwachungsgefühl suggerieren. Da braucht es gar nicht sosehr überall Überwachungskameras, sondern Raumkonzepte, die marginalisierte Gruppen ausschließen und nur bestimmte Leute einladen, vor allem wenn sie mit einer Konsumaufforderung verbunden sind.
Katharina Schlieben: Im disneyfizierten Raum, der diese überschriebene Struktur in schafft, legt man automatisch auch eine Programmierung von Kontrolle fest.

Wie nehmen die TouristInnen selbst eigentlich die disneyfizierten Städte wahr?

Sønke Gau: Elsebeth Jørgensen und Sofie Thorsen, zwei dänische Künstlerinnen, haben ebensfalls zum touristischen Blick gearbeitet und dabei auch TouristInnen interviewt: welche Erwartungen sie an die Stadt haben, wie lange sie bleiben werden, was sie sich ansehen möchten usw. Dann haben sie Fotos gemacht, die die Befragten unter Umständen auch gemacht hätten, um zu sehen, was für ein Bild von Wien sie haben und warum vor Ort genau wieder dieses Bild reproduziert wird, also gemäß dem Kreislauf: man sitzt zu Hause, sieht sich einen Stadtführer an, in dem ein Image dieser Stadt reproduziert wird, dann geht man in diese Stadt und fotografiert genau dieses Image wieder, reproduziert es also nochmals und geht heim und zeigt es seinen FreundInnen. Ein geschlossener Kreislauf, der hier zumindest transparent gemacht und auch durchbrochen wird, indem diese Bilder zur freien Mitnahme in die Ausstellung eingespeist werden und damit diesmal in der Stadt bleiben. Die Künstlerinnen produzieren auch eine Karte, wo die touristischen Wege eingezeichnet sind, die sehr eingeschränkt sind und ziemlich genau den Wünschen des Stadtmarketing folgen.

Katharina Schlieben: Wobei sich die Menschen nicht nur an Stadtführern orientieren, sondern auch an den Filmen: Sissi, Dritter Mann, Before Sunrise, James Bond - Hauch des Todes. Da hat - laut Pia Lanzinger - das Riesenrad einen besonders harmonisierenden Effekt, weil sich dort in den Filmen immer alle küssen. Deshalb geht man selbst dann eben auch zum Riesenrad, um sich zu küssen.

Wobei das schon bemerkenswert ist, dass man zum Riesenrad nicht direkt hinkommt, sondern über den eher hässlichen und als gefährlich verschrieenen Praterstern gehen muss. Man sieht also einen gar nicht touristifizierten Stadtteil, bevor man sich beim Riesenrad küssen kann.

Sønke Gau:Das stimmt. Beim Prater fällt mir eben gerade ein guter Schluss ein, der uns auch wieder zum Anfang führt, nämlich zur Frage, wie und ob die Disneyfizierung aus den USA nach Europa kommt. Abgesehen davon, dass Viktor Gruen, der Erfinder der Shopping Mall, Österreicher ist und in Wien gelebt hat, gab es im Prater im 19. Jahrhundert eine Reproduktion von Venedig, und zwar eigentlich viel schlimmer als in Las Vegas, da konnte man sogar Gondel fahren. Es gab also schon Themenparks in Europa lange bevor sie angeblich in den USA erfunden wurden. Ein Re-Import also ...

Katharina Schlieben: Und ich dachte, das mit dem Küssen vorm Riesenrad wäre ein guter Schluss gewesen.

Ein Happy End ...

Langfassung des Interviews aus der MALMOE-Printausgabe 10

online seit 13.12.2002 19:42:16 (Printausgabe 10)
autorIn und feedback : Sylvia Köchl


Links zum Artikel:
www.site-seeing.atsite-seeing



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