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Ideologische Artikulationen

– und ihre Kritiker_innen. Eine Rezension zum Sammelband Kunst und Ideologiekritik nach 1989

„Und man muss immer wieder versuchen, Worte und Bilder zu finden, die diese so oft beschriebene Wirklichkeit aufschminken wie eine tote Person, von der man sich einfach nicht verabschieden kann. Würden wir uns verabschieden von dieser Person und unserer Tätigkeit des Schminkens, dann hätten wir etwas aufgegeben, was man den Anspruch auf die Möglichkeiten von Veränderungen nennen könnte.“ So schließt Alice Creischer ihren Abriss zu ideologischen Veränderungen und ihren Manifestationen besonders im Kunstfeld in Deutschland nach 1989 in diesem dritten Band der Reihe KUB Arena, einem Sammelband zu Kunst und Ideologiekritik nach 1989, der im Anschluss an eine gleichnamige Konferenz entstanden ist. Ich verstehe dieses Schminken bei Creischer als die Gleichzeitigkeit von Sichtbarmachung herrschender Ideologien und dem Intervenieren gegen ihre rechten, rassistischen, nationalistischen Verdichtungen. Der Begriff des Schminkens steht dabei geradezu diametral der Bewegung des Aufdeckens (im Sinne des Marx’schen „falschen Bewusstseins“) gegenüber, weswegen er einerseits irritiert, aber gleichzeitig eine der zentralen Thesen des Buches gut zu fassen scheint: Es ist Zeit, Ideologiekritik zu betreiben und damit auch in ideologische Formierungen einzugreifen, obwohl und gerade weil die Rede von den totgesagten Ideologien nach 1989 sehr wohl weiterhin ihre Wirkung zeigt. Weil die als unideologisch präsentierte Wirklichkeit aufgeschminkt werden muss, um ihre ideologischen Formationen sichtbar und streitbar zu machen. Dabei kann es nicht darum gehen, vereinfachende Schemata wiederzubeleben, wie etwa das des „richtigen Bewusstseins“, das bloß freigelegt werden müsste. Vielmehr müssen innerhalb vielgestaltiger Determinationen Positionen gefunden werden, die unterschiedliche Handlungs- und Gestaltungsspielräume, Möglichkeiten zu widerständigem Verhalten, Wechselwirkungen von Subjektivierungen und ideologischen Apparaten in Betracht ziehen. Ob das nun mit Michel Foucault, Judith Butler oder Stuart Hall am besten geht oder es sich doch lohnen würde, u. a. mit deren Unterstützung stärker bei Althusser anzuknüpfen, dabei selbstverständlich Gramsci im Hinterkopf, aber auch Adorno, nicht ohne Bourdieu außen vor zu lassen – das entscheidet sich auch nach Lektüre des gesamten Buches nicht (und die wenigen polemischen Ausreißer lassen das auch als die bessere Wahl erscheinen). Es bietet aber einen gut zu lesenden, komprimierten Überblick über verschiedene Weiterentwicklungen der Konzeptualisierung von etwas, das sich als Ideologie beschreiben ließe. Der Band stellt dabei durch verstreute Einwürfe grundlegende Positionen vor – zu Ideologie und Habitus, Ideologie und Feminismus, Ideologie und Kulturindustrie und einigem mehr. Die unter dem Übertitel „Genealogische Konstellationen“ vorgestellten, vor allem theoretischen Texte, werden durch einen zweiten, mit „Zeitdiagnosen“ überschriebenen Teil tatsächlich sehr bereichert. Hier tragen u. a. die Texte von Diedrich Diederichsen, Alice Creischer und auch Teile der Interviews mit Ulrike Mayer und Ágnes Heller und János Weiss dazu bei, die jüngere Geschichte ideologischer Konstellationen zu reflektieren und machen die vorangestellten Thesen greifbarer. Einzig der selbstgestellte Anspruch, nicht hinter die Maßstäbe zurückzufallen, die der spätestens seit der Jahrtausendwende verfolgte „Versuch, die real stattfindende geografische Dezentralisierung mit dem poststrukturalistischen Projekt einer ‚epistemologischen Dezentralisierung‘ zusammenzudenken“ gesetzt hat, wird trotz Beiträgen zum lateinamerikanischen bzw. mexikanischen, niederländischen und ungarischen Kontext nicht gänzlich eingelöst. Mir schien die starke Verankerung der Perspektive im deutschsprachigen Kontext, bzw. vor allem in Österreich und Deutschland deutlich, weswegen ich sie gern irgendwo explizit gemacht gesehen hätte. Das gesagt, bleibt der Band eine umfassende Einführung in Begriffe und Debatten der Ideologiekritik sowie eine spannende Lektüre mit unterschiedlichen Fallbeispielen ideologischer Veränderungen der letzten drei Jahrzehnte, vor allem im Kunstfeld, und auch nicht bloß im deutschsprachigen Raum.

Eva Birkenstock, Max Jorge Hinderer Cruz, Jens Kastner, Ruth Sonderegger (Eds.): „Kunst und Ideologiekritik nach 1989 / Art and the Critique of Ideology After 1989“. Walther König, 2014. Der Band ist gänzlich zweisprachig, in englischer und deutscher Sprache verfasst.

online seit 08.10.2014 23:56:56 (Printausgabe 68)
autorIn und feedback : so




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