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  Im Land der Frühaufsteher

Eine Graphic Novel über das Asyllagersystem in Deutschland und einen aktiven Umgang damit, nicht in ihm leben zu müssen

„Kannst du die in deine Tasche packen?“ – „Äh, ja, warum nicht“. Paula begreift nicht ganz, wieso sie Fatmas High Heels tragen soll. Eine Seite und drei Bildkader später ist Fatma mit ihren Freund_innen aus dem Lager auf einem schmalen Weg durch den Wald zu sehen. Eine Stunde dauert es zu Fuß zum Bahnhof, von dort geht es in die Disco. Paula fährt mit dem Rad.

Die Autorin Paula Bulling hat diese und andere Szenen in den letzten Jahren als solidarische Aktivistin und Besucherin, Freundin von Asylwerber_innen in Sachsen-Anhalt erlebt; und versucht nun, sie aus ihrer Perspektive als weiße Frau* mit deutscher Staatsbürger_innenschaft wiederzugeben. Im Bewusstsein der nicht aufzuhebenden Diskrepanz zwischen den Sprecher_innenpositionen erklärt sie sich selbst zur Protagonistin. Ratlos und Handlungsspielräume entwickelnd zugleich spürt sie den Verhältnissen nach, die sich ihr bei Besuchen und Recherchen zeigen.

Formal durch wechselnden Zeichenstil und skizzenhafte, sichtbar überarbeitete Bilder getragen, wird die Leser_in von Architektur- und Detailszeichnungen zu bewegten Szenendarstellungen geführt; Einblendungen, die sich anfühlen wie ein Blick ins Leere, wechseln mit teils konfliktgeladenen Szenen von Gesprächen oder auch einer Demonstration ab, die der Leser_in mehr Tempo und eine andere Involviertheit abverlangen. Auch die Schriftsprache ist vielschichtig gelöst: Einige Szenen sind im Französischen mit deutschen Untertiteln wiedergegeben, andere, in Mòoré gehaltene Stellen, bleiben unübersetzt ins Deutsche; streckenweise sind die Texte von Noel Kaboré geschrieben, eine der vielen Personen, die mit Paula an der Entstehung des Comics gearbeitet haben.

Die einzelnen Sequenzen machen an alltäglichen, ebenso subjektiv wie präzise wiedergegebenen Ereignissen die Verhältnisse deutlich, in die Asylwerber_innen vom deutschen Staat gedrängt werden. Etwa 40.000 Menschen sind in Lagern untergebracht, über deren genaue Zahl es keine sicheren Angaben gibt, weniger noch über ihre Zustände. Das Flüchtlingslager Möhlau, in den letzten Jahren mehrfach im Fokus antirassistischer Kritik, nimmt auch in dieser Graphic Novel eine zentrale Rolle ein. Azad Hadji, der mit seiner Familie dort lebte, wurde im Juli 2009 mit schweren Verbrennungen vor dem Lager aufgefunden und starb zwei Wochen später an ihren Folgen. Die Polizei stellte nach zwei Monaten die Ermittlungen ein, die todesverursachenden Geschehnisse bleiben unaufgeklärt. Im Juni dieses Jahres standen seine Frau und die beiden in Deutschland geborenen Töchter kurz vor der Abschiebung, die jedoch durch Proteste verhindert werden konnte. Momentan arbeiten Aktivist_innen der Gruppe no lager halle u.a. an der Verhinderung der Abschiebung dreier Bewohner_innen aus Möhlau, dem Einklagen des Weiterbildungsrechts für weitere Bewohner_innen (ihnen ist der Besuch von Kursen durch die „Ausländerbehörde“ verboten worden), sowie überhaupt der Schließung des Lagers aufgrund der miserablen Ausstattung und extremen Abgeschiedenheit.

Auch die Abschaffung der in Deutschland seit 1982 existierenden Residenzpflicht von Asylwerber_innen steht oben auf der Prioritätenliste. Sie verbietet Asylwerber_innen, ihren Ortskreis zu verlassen. Je nach Bundesland ist dieser Radius zumindest bis an die Bundeslandgrenzen ausgeweitet. Bis zu ihrer adaptieren Einführung als „Gebietsbeschränkung“ in Österreich 2004 war Deutschland der einzige Staat innerhalb der EU, der diese Isolationspolitik verfolgte. Die Gebietsbeschränkung knüpft eine Ablehnung eines Asylheimplatzes an den Verlust der Grundversorgung und verbietet das Verlassen des jeweiligen Bezirkes, allerdings beschränkt auf die Dauer des Zulassungsverfahrens. Auch in Österreich sind die Lebensbedingungen in Asylheimen meist skandalös, wie zuletzt die Berichterstattung über die Saualm und Wernberg zeigte. Beide Staaten praktizieren zudem eine Tagessatz-Zahlung pro Bewohner_in an private „Heim“-Betreiber_innen, ohne dass der Lebens- und Wohnstandard der Orte transparent gemacht würde. Dass eine antirassistische Perspektive jedoch über Kritik an Lagerbedingungen hinaus gehen muss, zeigt nicht zuletzt die Transformation dieser Kritik in die Erbauung neuer „humaner“ Knäste wie sie momentan beispielhaft mit dem Schubhaftzentrum Vordernberg exerziert wird.

In der Graphic Novel sind materielle Bedingungen in eine breitere Analyse rassistischer Strukturen eingebettet: Alltagsrassismus, soziale Ausgrenzung und die akute Gefährdung der Lagerbewohner_innen durch Neonazis sind ebenso Thema wie selbstorganisierter und solidarischer Widerstand gegen diese Zustände, sei es durch Organisation und Solidarität im Lager oder offenen Widerstand auf der Straße. Durch die Entscheidung, die Reflexion der eigenen Position als roten Faden zu nutzen, tritt die Kommunikation zwischen Autor_in bzw. ihrem alter ego und Lagerbewohner_innen in den Vordergrund. Eine Tatsache, die viele Anknüpfungspunkte für weiße, mit dem Alltag von Asylwerber_innen wenig vetraute Leser_innen bietet. Das könnte einer der Gründe sein, der den Comic momentan in kaum einem deutschen Feuilleton fehlen lässt. Dass hierbei manchmal eine Rezension über eine autobiografische Auseinandersetzung einer jungen deutschen Zeichnerin herauskommt, die sich in die Untiefen der Asyllager gewagt hat, ist wohl kaum der Autorin des Comics zu Lasten zu legen. (Und eine Verhinderung dessen in dieser Rezension womöglich auch nur halb gelungen). Vielleicht hilft diese breite Rezeption dabei, nicht nur anzuerkennen, dass die kritische Auseinandersetzung mit Asylverfahren und mehr noch der tatsächliche Kontakt zu Asylwerber_innen im eigenen Umfeld weiterhin eine Seltenheit ist, sondern darüber hinaus auch dabei, daran etwas zu ändern.

Paula Bulling: „Im Land der Frühaufsteher“, avant-verlag, Berlin 2012





online seit 13.10.2012 12:31:18 (Printausgabe 60)
autorIn und feedback : Georg Oberlechner und Sophie Schasiepen


Links zum Artikel:
www.no-racism.net/article/3202Mehr Info zur Residenzpflicht



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