![]() |
| |
|
|
||||
| |
||||||
|
„Cool people think it’s a joke“ Einige Gedanken zu Ironie und Subversion Serien werden gemacht um zu gefallen, hohe Quoten zu erzielen und die Werbeeinnamen des jeweiligen Broadcasters zu erhöhen. Der bewusste Einsatz von Ironie ist – insbesondere im Sitcom-Genre – eine Möglichkeit gegenläufige Lesarten zuzulassen und damit ein größeres Spektrum an potentiellen SeherInnen anzusprechen. I. MENSCHEN, DIE SUBVERSION SUCHEN werden sie finden. Jene, die auf sexistische Sprüche und Macho-Attitüden stehen, ebenso – und das zum Teil in ein und derselben Szene. Ironie dient hier der Immunisierung gegen Kritik. Eine erfolgreiche Strategie, die einer Prämisse folgt, welche der Fernsehkritiker Charlie Brooker und der Mediensatiriker Chris Morris dem Herausgeber einer fiktiven Popkultur-Zeitschrift in der Mini-Serie Nathan Barley in den Mund gelegt haben: „Stupid people think it’s cool. Cool people think it’s a joke — also cool!“. Brooker und Morris thematisieren damit nicht nur die Dynamik ihrer eignen Serie, sondern zugleich auch einen generell feststellbaren Trend in vielen aktuellen Serienproduktionen. Dem Publikum werden bewusst mehrere Ebenen der Rezeption angeboten, die für kritische BetrachterInnen allzu oft auf die Frage „Ist es Sexismus/Rassismus/ Homophobie oder ist es Ironie?“ hinaus laufen. II . EIN AKTUELLES BEISPIEL ist die Figur Barney Stinson aus How I Met Your Mother. Sein Auftrag ist klar: So viele Frauen wie möglich abschleppen. Seine Methoden sind eine Mischung aus Manipulation, Vorspiegelung falscher Tatsachen und Versprechungen, die zu einem späteren Zeitpunkt eiskalt – und meist zur Belustigung des Publikums – gebrochen werden. Die Narration der Serie erklärt in Bezug auf Barney, er sei nur so geworden, weil er selbst vor Jahren „Opfer“ einer Frau gewesen sei, die ihn – damals noch ein sensibler Hippie – plötzlich und unerwartet verlassen hat. Erst diese, von einer Frau zugefügte seelische Verletzung habe ihn zu dem Barney gemacht, den wir kennen (vgl. How I Met Your Mother – 1.15 – „Game Night“). Trotzdem gibt es in Bezug auf Barney auch gegenteilige Lesarten. Da wird beispielsweise behauptet, die Figur sei derart überzeichnet, dass aus ihr quasi zwangsläufig eine Kritik an derartigen Konzepten von Männlichkeit erwachse. Oftmals wird diesem Argument noch hinzugefügt, dass der Barney-Darsteller Neil Patrick Harris im richtigen Leben schwul ist und die Rolle des überzeichneten Hetero- Mannes deshalb zusätzlich an Subversionskraft gewinne. Ist Barney also personifizierter Sexismus oder stempeln die DrehbuchautorInnen ihn bewusst ironisch zur männlichen Witzfigur ab? Werkimmanent betrachtet ist er möglicherweise beides. Doch das Publikum ist eines in einer patriarchalen Gesellschaft. Beate Hausbichler schreibt diesbezüglich, dass mensch bei der Betrachtung von Barneys Verhalten, selbst wenn seine „übertriebene Fixierung auf die perfekte Erfüllung jedes existierenden Klischees über Männer und ‚Männer-Sex‘ als Macho-Verarsche durchaus funktioniert“, doch das Gefühl nicht los wird, „dass mit den rege eingesetzten ‚Schlampen‘- oder ‚Luder‘-Sagern doch auch ein politisch höchst unsympathisches Klientel bedient werden soll.“ III . FRAGEN, DIE SICH IM SITCOM-GENRE rund um den Ironie-Begriff stellen lassen, sind auch für andere Genres relevant. Affirmieren beispielsweise Mad Men oder Desperate Housewives patriarchale Gewaltverhältnisse oder erwächst aus der schonungslosen Darstellung derselben kritisches Potential? Auf die Lesart kommt es an, so eine häufige Antwort auf derartige Fragen. Aber können derartige Beurteilungen tatsächlich in den Bereich der individuellen Rezeption ausgelagert werden? Man könnte argumentieren, dass gerade die beliebige Lesbarkeit aktueller serieller TV-Produktionen Raum für emanzipatorische Aneignung lässt. So vertritt die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch die These, dass Filme im Kopf der RezipientIn ein zweites Mal produziert werden. Die Aneignung sei zwar nicht beliebig, ein gewisser Spielraum sei aber vorhanden. Auch der Kulturwissenschaftler Stuart Hall formulierte ähnliche Thesen. Für die Medienrezeption seien soziale Faktoren wie die Klassenlage der RezipientIn entscheidend mitverantwortlich. Doch auch Hall räumt ein, dass es immer eine Vorzugslesart gibt, die mit den herrschenden Ideologien korrespondiert. Diese in die kulturindustriellen Produkte eingeschriebene Vorzugslesart setzt der willkürlichen emanzipatorischen Aneignung gewisse Grenzen. In einer von Herrschafts- und Gewaltverhältnissen durchzogenen Gesellschaft läuft auch emanzipatorisch intendierte Kunst Gefahr, entgegen ihrer Intention interpretiert zu werden. Erst recht trifft das also auf TV-Produktionen zu, die im Produktionsprozess bewusst auf die Ermöglichung mehrfacher Lesarten getrimmt wurden. IV . ÜBERHAUPT SCHEINEN Produktionsverhältnisse sowohl in der Fernsehwissenschaft als auch in der journalistischen Fernsehkritik eine untergeordnete Rolle zu spielen. Die Frage, ob das rezensierte serielle Format Ergebnis eines öffentlich-rechtlichen Programmauftrages ist oder mit dem primären Ziel hergestellt wurde Werbezeiten an die meistbietende Kundin zu verkaufen, scheint in der Rezeption der Formate in den Hintergrund zu treten. Auch wenn beide in eine kommerzielle Verwertung eingebunden sind, kann der konkrete Produktionskontext doch einen nicht zu vernachlässigenden Unterschied ausmachen. So ist es nicht egal, ob eine Serie produziert wird, um selbst zur Ware zu werden (etwa als DVD oder auf dem internationalen TV-Markt) oder noch hinzukommt, dass sie auch noch andere Waren verkaufen soll (im Rahmen von Werbezeiten) und somit nicht nur den ZuschauerInnen, sondern nicht zuletzt den – tendenziell konservativen – WerbekundInnen gefallen muss. Das bedeutet weder, dass öffentlich-rechtliche Produktionen frei von Rassismus oder Sexismus sind, noch dass die vom Privatfernsehen gelieferte Serien-Ware zwangsläufig voll davon sein muss. Historisch betrachtet ist auffällig, dass innovative gesellschaftskritische Formate viel öfter aus dem öffentlichrechtlichen als aus dem privaten Fernsehen gekommen sind. Derzeit ist jedoch – insbesondere im deutschsprachigen Raum – eher eine inhaltliche Angleichung der beiden dominanten TV-Produktionsmodelle zu beobachten. Nichtsdestotrotz lohnt sich der Blick aufs Detail. Sowohl was die Produktionsverhältnisse als auch was die Erzähl- und Rollenkonventionen des Endprodukts betrifft. online seit 10.05.2012 14:27:53 (Printausgabe 58) autorIn und feedback : Florian Wagner Links zum Artikel:
|
|
„Wegen der schönen Landschaft.“ MALMOE-Farbenlehre Rosa III: Schamvolle Rezeption von Rosamunde Pilcher TV-Literaturverfilmungen [15.04.2013,Andrea B. Braidt] KLAGEGESANG EINES GESCHICHTSLEHRERS Tarantinos Django Unchained und die Widerstandsbewegung der Sklav_innen [12.03.2013,Larry Miller] „Boxeo Constitución“ Interview mit Jakob Weingartner, der in seinem Dokumentarfilmdebüt „Boxeo Constitución“ das Leben von drei jungen Boxern aus den ärmsten Vororten Buenos Aires zeigt. [03.03.2013, Interview: Erk Schilder] die nächsten 3 Einträge ... |
|||
![]() |