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There’s another way

Mark Fisher untersucht Alternativen gegen Alternativlosigkeit

Slavoj Zizeks Einschätzung des Buches als „best diagnosis of our predicament“ prangt als Blurb auf der englischsprachigen Ausgabe von Mark Fishers 2009 bei Zero Books erschienenem Essay „Capitalist realism. Is There No Alternative?“. Laurie Anderson bezeichnete in einem Interview das Buch als maßgeblichen Einfluss für ihre letzte Platte „Homeland“. Paul Gilroy, Autor des postkolonialen Standardwerkes „The Black Atlantic“, nannte im Guardian auf die Frage, wer ein „public intellectual“ sei, unter anderem auch Mark Fisher, den er als neue Sozialfigur des Intellektuellen einstufte, der geschickt mit neuen Medien, Academia und Journalismus umgehen könne.

Unter kapitalistischem Realismus versteht Fisher – im Anschluss an Frederic Jameson, den er mit dem berühmten Bonmot zitiert, dass es einfacher sei, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus – eine „alles durchdringende Atmosphäre, die nicht nur die Produktion von Kultur bestimmt, sondern auch die Regulierung von Arbeit und Bildung, die zudem als eine Art unsichtbare Barriere fungiert, die das Denken und Handeln hemmt“. Der „Kapitalistische Realismus“, ein Begriff, der sich in den frühen 1960er Jahren ausgehend von Arbeiten einer Düsseldorfer Künstlergruppe rund um Gerhard Richter etabliert hatte, definiert bei Fisher allerdings kein ästhetisches Programm, sondern eher eine ideologische Stimmung, Atmosphäre oder Situation.

Reflexive Impotenz

Das von Zizek auf dem Buchrücken gedroppte englische Wort „predicament“ trifft die Richtung ganz gut. Mark Fisher veranschaulicht seine Gedanken vor allem an der Populärkultur der Gegenwart. Die Transformation des Fordismus zum Postfordismus untersucht er anhand der Verschiebungen innerhalb des amerikanischen Mafia-Films von „The Godfather“ und „Goodfellas“ zu „Heat“, anhand von HipHop (der Verschiebung vom politischen HipHop zum Gangster Rap mit homo oeconomicus-Mentalität) und ähnlichen Phänomenen in der Literatur (Pulp- und Noir-Literatur). Ein Realismus, der unfähig ist, etwas Neues zu denken, führe zu nichts anderem als „reflexiver Impotenz“, die laut Fisher verschiedene Ursachen habe: die Lust-Betonung des Konsumismus und der Unterhaltungskultur, die Veränderung von Zeit- und Handlungsstrukturen durch neue Technologien und schließlich die endemische Ausbreitung von Depressionen als Volkskrankheit.

Fisher stellt grundlegende Fragen: Warum hat die „Konsumentenökonomie“ ihre Versprechen von Lust und Glück nicht einhalten können, sondern vielmehr zu einem „depressiven Hedonismus“ geführt? Die Jugend, die in der Ära des konservativen Konsumismus und mit der Erzählung vom Ende der Geschichte groß geworden sei, sei vor allem durch die Versprechungen der Unterhaltungskultur als einzige Alternative depressiv geworden. Nicht nur kritisiert er die ständige Befragung und Ökonomisierung des Selbst, sondern auch die Evaluationskultur und Modularisierung von Wissen an den Universitäten. Seine Befunde zur „Privatisierung des Stresses“, zum Hochschul- und auch zum Gesundheitssystem erinnern stark an Alain Ehrenbergs Analysen des „erschöpften Selbst“ und Ulrich Bröcklings „unternehmerisches Selbst“.

Altbekanntes

Überhaupt: Viele Thesen des Buches hat man so auch schon mal gelesen. Robert Pfallers Ausführungen zur Interpassivität, mit denen Fisher den Pixar-Film „Wall-E“ liest, finden sich zur Zeit in einigen René-Pollesch-Stücken, David Harveys Analyse des leninistischen Charakters des Think-Tank-Neoliberalismus oder Deleuzes Thesen zum Übergang der repressiven Disziplinarkultur in eine Kontrollgesellschaft gehören heute fast schon zum Alltagswissen. Seine Argumentation zur „reflexiven Impotenz“ gemahnt stark an Zizeks „zynischen Untertanen“, den rundum informierten und aufgeklärten selbstbestimmten Menschen, der aber zu politischem Handeln unfähig ist.

Was sind Fishers Alternativen zur Alternativlosigkeit? Zwar fordert er überspitzt – auch hier Zizek folgend – eine Revitalisierung des Paternalismus und hält ein Plädoyer für einen marxistischen Supernanny-Staat, jedoch will er weder zur disziplinierenden Routine des Fordismus zurück, noch macht er sich für einen erneuerten wohlfahrtsstaatlichen Klassenkompromiss stark. Der Fokus der britischen Linken liege immer noch zu sehr auf Lohn- und Streikforderungen, statt auf anderen Formen von Kämpfen, die die neuen Arbeitsbedingungen mitdenken würden.


Literatur

Mark Fisher: „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Symptome unserer kulturellen Malaise“, VSA, Hamburg 2012

online seit 15.12.2011 11:04:05 (Printausgabe 57)
autorIn und feedback : Pascal Jurt




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