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Punks an der Börse, Hippies im Krieg Mit Jugendkulturen aus der Krise? In Vorbereitung von MALMOE #39 im Herbst 2007 debattierten wir in der Redaktion, ob Hippies oder Punks die angemesseneren Vorläufer einer erst zu gründenden Bewegung gegen den neuen staatlich-autoritären Normierungsdruck seien, der sich in Anti-Rauch-Gesetzen, Schlankheitsterror und Überwachung der Privatsphäre äußere. Schließlich hatten beide Styles und Haltungen, die vergleichbaren Konformismen ihrer Zeit den Kampf ansagten. Dass unsere Wahl schließlich auf die Hippies fiel, hatte dann eher mit dem Wunsch zu tun, einen Bogen zum 2007 um sich greifenden hippiesken Einfluss in der Popmusik zu schlagen. Letzterer hat sich in jüngerer Zeit auch in Kino und Belletristik fortgesetzt. Auch Punks sind immer wieder beliebte Referenzpunkte in der Popkultur. Die Suche nach Anregungen für subversive Weiterentwicklungen finden dort allerdings wenig Anhaltspunkte. Eine kleine Rundschau. Punks im Anzug Punk-Historiker Jon Savage betont in seinem Nachruf auf den im April verstorbenen Ex-Sex Pistols-Manager Malcolm McLaren, dass Punk ein Kind der Krise in den 1970ern war, und stellt die Frage, wie die Jugend auf die heutige Krise reagieren wird. Tatsächlich wird das Label „Punk“ auch heute als Reaktion auf die Krise wiederbelebt – allerdings nicht von einer rebellierenden Jugend, sondern von Geschäftsleuten auf der Suche nach Imageauffrischung. Diesen Winter brachten unabhängig voneinander die Zeitschrift „Business punk“ vom Verlag Gruner und Jahr und das Buch „Investment Punk“ des Autors Gerald Hörhan das Label „Punk“ als antizyklische Maßnahme für das Kapital ins Spiel. Das vom Magazin propagierte Persönlichkeitsleitbild: „Laut sein, erfolgreich sein, und den Erfolg zeigen“. Das Buch (Untertitel: „Warum ihr schuftet und wir reich werden“) verhöhnt die angebliche Dummheit des Bürgertums, Konsumschulden zu machen statt „intelligent zu investieren“ und dabei Spaß zu haben. Die dem Punk zugeschriebene Unvernunft scheint für den in der Defensive befindlichen Kapitalismus ein letzter Rettungsanker zu sein, jetzt wo er im Angesicht seines spektakulären Scheiterns nicht mehr den Standpunkt der Vernunft für sich reklamieren kann. Die Produkte versuchen, mit dem Attribut „Punk“ ihrem Ansinnen einen frechen Anstrich zu geben. Dabei treten drei Probleme auf. Erstens: Punk selbst ist über 30 Jahre alt und zum faden Klischee geronnen. Zweitens: Die vorgeführte Geste – Aufladung des Kapitalismus mit einem Gegenkultur-Image – ist in Form der New Economy vor über zehn Jahren schon propagiert worden und hat in einer geplatzten Börsenblase und Ernüchterung geendet. Drittens: Während das punkige in den Publikationen als Mut zum Unkonventionellen im Geschäftsleben definiert wird, strotzen die vorgeführten Erfolgsmaßstäbe vor regressiver Konventionalität. Der Wunschkosmos besteht zu 100% aus den Träumen dummer Buben von willigen Frauen und schnellen Autos. Die Top 20-Vorbilder von „Business Punk“ sind durchwegs Männer (viele Firmenchefs, plus Quentin Tarantino). Am Cover von Heft 1 prangt der 60jährige Ex-Hippie Richard Branson mit dem Spruch „Ich breche Regeln“, im Heft dann mit sexistischen Inszenierungen (Hoppla, Frauen kommen auch vor: „Sexy Sekretärin. Die Versuchung im Vorzimmer.“). Buchautor Hörhan posiert vor schnellen Schlitten und protzt mit Aufrissen. Erneuerung? Nein, eher Übertragung der tristen „Punk’s not dead“-Haltung auf den Kapitalismus: Bockiges, unvernünftiges Beharren auf Verhaltens- und Lebensweisen, die aktuell als altbacken und entlarvt dastehen. Trotziges Ja-Sagen zum Leben als New Economy-Zombie. Was für Leute sollen solche Publikationen eigentlich kaufen? In der traditionellen Arbeitsteilung zwischen Karrierismus und Boheme haben die einen das Geld und die anderen das interessante Leben. Berichte aus dem Boheme-Leben an die KarrieristInnen zu verkaufen ist eine Möglichkeit, an ein wenig Geld zu kommen, um dieses Leben zu finanzieren (vgl. die jüngsten Bücher von Indie-Popstars wie Rocko Schamoni, Christiane Rösinger etc.). Wenn hingegen KarrieristInnen Bücher und Artikel über ihr Leben veröffentlichen, ist die Hoffnung auf verratene Erfolgsgeheimnisse meist der einzige Kaufanreiz. Oben genanntes Buch und Magazin enttäuschen selbst diese Hoffnung. Wenn schon Wortspiele mit dem Label „Punk“, dann doch bitte: Punk-Beamte! Das Beamtentum als letztes Refugium mit Punk-Potenzial hat Corinne Maier vor einigen Jahren in ihrem Buch „Bonjour Paresse“ vorgeführt. Faul rumhängen und Leistung verweigern in der Festanstellung statt Verklärung und Ausdehnung des Leistungsehrgeiz auf alle Lebensbereiche („Work hard. Play hard“), wie das die Pseudo-Punks aus der Business-Abteilung propagieren – das ist der wahre Punkgeist. „I am the enemy“ kann heute kaum jemand so authentisch der Gesellschaft entgegen singen wie der allseits verfemte Berufsstand Beamtentum. Hippies in Uniform Dass ex-Hippie Branson als Vorbild für Yuppies fungiert, ist kein Zufall. Die Punk-Generation warf den Hippies Sell-out und Verrat an den Idealen vor. Das klingt in der zeitgenössischen Wirtschaftsgeschichtsschreibung nach, die die Alternativkultur der Hippies als Labor eines Neokapitalismus deutet, der in der New Economy zu voller Blüte reifte. Unlängst wieder pries „Business Week“ die Grateful Dead-Praxis des Fan-Community-Building als wegweisendes Geschäftsmodell. Bietet die Popkultur eine andere Interpretation? Schauen wir uns die Flut von Hippie-Referenzen an, die sie aufbietet. In Tim Burtons Verfilmung von „Alice im Wunderland“ kommen die Drogen zunächst zum Zweck des Kriegführens zum Einsatz. Für das irre Absurditätenkabinett, das Alice zum Hippie-Kultbuch machte (vgl. die Hommage im Jefferson Airplane-Track „White Rabbit“), gibt es im Film jedoch ebenso wenig Platz wie für Subversion. Der emanzipatorische Generalplot weiblicher Selbstbehauptung wird nicht etwa gegen repressive Körpernormen, sondern durch Affirmation des natürlich Schönen gegen das Hässliche gewonnen. Der hässliche Zwangs-Bräutigam im wirklichen Leben wird abgelehnt, nachdem im Wunderland die hässliche Königin zugunsten ihrer schönen Schwester entmachtet worden ist. Gemäß neoliberalem Emanzipationsverständnis („mehr Frauen in Aufsichtsräte“) führt Alices Weg weiter als Jungunternehmerin in den Fußstapfen ihres Vaters in Richtung Eroberung neuer globaler Märkte im expandierenden Weltkapitalismus. Drogenträume als Ressource und Trainingsplatz für KreativwirtschaftspionierInnen. Die Anteile der Hippie-Kultur, die nicht in ein erfolgreiches Business verwandelt werden konnten, haben in der Popkultur nur als Lachnummer überlebt. Hippies und Kiffen taugen vorwiegend als Witzfiguren für Blödelplots, wie zuletzt Michael Glawoggers Film „Contact high“. Als subversive Kraft und Gegenkultur, als das gefährliche Andere sind sie nur noch im Rückblick lesbar: In „A serious man“, dem jüngsten Film der Coen-Brüder, ist der Sound von Jefferson Airplane aus dem Kofferradio das Verbindungskabel zu einer verruchten Gegenwelt für die Gefangenen von Schule, Vorstadt und Kleinfamilie Mitte der 1960er Jahre. Das Radio wird deshalb schnell konfisziert. „Männer die auf Ziegen starren“ (ein Film ohne Frauen) macht mit der Beleuchtung des Konnex Hippies-Militär einen eher unterbelichteten Aspekt des „Sell-out“ Vorwurfs und den Ambivalenzen von Jugendkulturen auf – von den LSD-Experimenten im US-Militär der 1950er und 60er Jahre im Dienste der psychologischen Kriegsführung bis zu den Star Wars-Fantasien unter Reagan. Der Film parodiert damit auch ein Stück weit die Debatte. 20 Jahre nach Auflösung der Hippie-Einheit im US-Militär, die mit parapsychologischen Methoden experimentiert, treffen sich die Protagonisten wieder: Der talentlose Streber von einst hat als einziger noch Oberwasser – weil er die Ideen von damals in ein Dienstleistungsunternehmen verwandelt hat, das sich als skrupelloser Handlanger der Militärmächtigen verdingt. Während die Idealisten gesellschaftliche Loser sind, denen bloß noch aus Happy End-Gründen eine letzte Rache vergönnt ist, in dem sie nach altbewährter Manier LSD ins Wasser der Truppe mischen. Auch der bei der diesjährigen Diagonale in Graz umjubelte Dokumentarfilm „David wants to fly“ (Kinostart im Herbst 2010) berührt den Konnex Hippieträume-Militär-Business. Er kulminiert in einer gruseligen Szene, als die Fundraising Kampagne von David Lynch und Alt-Hippies wie Donovan für die Transzendentale Meditation (TM) von Beatles-Guru Maharishi Mahesh Yogi in Deutschland haltmacht. Dort wird der Aufhänger, Geld für die Ausbildung von 10.000 yogischen Fliegern zu sammeln, in den Ausführungen des Deutschland-Präsidenten von TM von einer Initiative zur Stiftung des Weltfriedens in das Projekt umgedeutet, Deutschland „unbesiegbar“ zu machen (auch hier übrigens: nur Männer). Zurück in die 1960er führt uns Thomas Pynchons jüngstes Buch „Inherent Vice“, wo ein Hippie in der unkonventionellen Rolle eines Privatdetektivs in ein – ziemlich sexistisch codiertes – Verschwörungsnetzwerk eintaucht, dessen Realitätsstatus angesichts heftigen Drogenkonsums des Protagonisten recht unsicher bleibt. Im Zuge dessen wird ein kurzzeitig zum Hippie konvertierter Immobilienhai vom Establishment wieder eingefangen. Der Plot weist nicht nur mögliche Parallelen zu ProfiteurInnen der jüngsten US-Immobilienblase auf, die nach deren Platzen im Schock kurzfristig zu Kapitalismus-KritikerInnen wurden, bevor sie schließlich wieder auf business as usual eingeschwenkt sind. Er ruft auch in Erinnerung, dass Hippies und ihre Gedanken mal eine mitreißende Ausstrahlung hatten. Und, wie auch „Ziegen“, dass die von ihnen propagierte Selbstveränderung dort, wo sie keine Anschlüsse an ein Businessmodell bietet, sondern auf gesellschaftliche Veränderung hinausläuft, schnell auf harten Widerstand stößt bzw. die Betroffenen ins gesellschaftliche Abseits führt. Dass der „sexuelle Befreiung“-Aspekt der Selbstveränderung eine machistische Komponente hatte, wird ebenso deutlich. An den Hippies kann der Kapitalismus also noch zeigen, wie er – durch Vereinnahmung und Marginalisierung – einst gesiegt hat. Aber er selbst schaut heute mindestens so alt aus wie die Hippies, aller Auffrischungs-Maskerade (mit „Punk“ oder anderen Mitteln) zum Trotz. Rocker im Anrollen Während Hippies und Punks nur noch als popkulturelle Hülsen gebraucht werden und als ernsthafte Identitäten kein gesellschaftliches Störungspotenzial mehr aufweisen, starten die von der Popkultur längst abgeschriebenen Rocker hingegen einen Überraschungsangriff. Auch sie haben im Popkultur-Mainstream das gleiche Schicksal wie Hippies und Punks erlitten. Jüngstes Beispiel: Im aktuellen Werbespot des US-Autoversicherers Geico ist dessen Hauptaktionär, US-Investmentguru Warren Buffet, als Rocker verkleidet zu sehen, der als Frontmann einer Chorperformance fungiert, in der die Belegschaft ihre 24/7 Einsatzbereitschaft im Dienste der Kundschaft bekunden muss. In Deutschland hingegen versetzen rivalisierende Rockerbanden derzeit die Politik in Alarmbereitschaft, nachdem ihre Fehden eine Reihe von Toten produziert haben. Mit ihrem archaischen Outfit und Körpermaßen widersetzen sie sich definitiv herrschenden körperbezogenen Normalisierungsoffensiven. Doch die Grenzen, die sie überschreiten, führen in die Regression. Kollektiv organisiert wie die Mafia und ebenso konservativ und gewaltorientiert, führen sie ihre Machtkämpfe um Marktanteile im Rotlichtmilieu. Mit Emanzipation haben diese Outlaws rein gar nichts am Helm. Auf eine solche Popkultur muss noch gewartet werden. online seit 02.06.2010 10:18:00 (Printausgabe 50) autorIn und feedback : BW |
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Die Krise des Buchs ist ein Mythos Interview mit Paula Bolyos und Jenny Unger zur feministischen Buchhandlung „ChickLit“, die Anfang 2012 im ersten Gemeindebezirk eröffnen wird. [31.01.2012,Gudrun Rath und Markus Griesser] There’s another way Mark Fisher untersucht Alternativen gegen Alternativlosigkeit [15.12.2011,Pascal Jurt] Die verkehrten Fotografien Folge I des neuen MALMOE-Mikrokrimis, ab jetzt in jeder Ausgabe. [06.12.2011,Andi Pavlic] die nächsten 3 Einträge ... |
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