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Kann das Subalterne organisieren? Afrika, Europa und die Fußball-WM Rudi Gutendorf wird nicht nach Südafrika reisen. Zwar hat der Deutsche Fußball-Bund dem Trainer Tickets für die WM-Endrunde angeboten, aber „Riegel-Rudi“ wird die Spiele zu Hause in Koblenz am Fernseher verfolgen. Der Grund dafür: Südafrika sei „zu gefährlich“, wie Gutendorf dem Spiegel erzählte. Das ist beachtlich, wird doch Gutendorf im Guinness Buch der Rekorde als Trainer mit den meisten internationalen Arbeitsverhältnissen überhaupt geführt. Peru, Chile, Botswana, Grenada, die Philippinen, Nepal, China, der Iran, Zimbabwe und Ruanda sind nur einige der Länder, in denen der heute 83-jährige Gutendorf im Laufe seiner Karriere gearbeitet hat. Ist Südafrika im Gegensatz zu all diesen Staaten zu gefährlich? Oder macht sich Gutendorfs Alter inzwischen bemerkbar? Das müsste einen nicht allzu sehr interessieren, würde Riegel-Rudi hier nicht einem weit verbreiteten Ressentiment gegenüber Südafrika Ausdruck verleihen, das vor ihm explizit etwa auch Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern München, geäußert hatte. Auch Hoeneß, eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des europäischen Fußballs, hat angekündigt, nicht nach Südafrika zu reisen. Anlass für seine Entscheidung war angeblich im Januar der Terroranschlag auf die Nationalmannschaft Togos, bei dem im Vorfeld der Afrikameisterschaft in Angola drei Menschen ums Leben gekommen waren. Nun hat der Bürgerkrieg in Angolas Exklave Cabinda ungefähr so viel mit Südafrika zu tun wie die ETA mit Münchens Säbener Straße, in der Hoeneß residiert. Aber das hinderte ihn nicht daran, dem Münchner Merkur gegenüber zu äußern: „Ich war nie ein großer Freund von einer WM in Südafrika oder überhaupt in Afrika“. Ursprünglich hatte die WM bereits 2006 in Südafrika und damals erstmals auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden sollen. Damals hatte jedoch ein neuseeländischer Delegierter bei der entscheidenden Abstimmung entgegen der Vorgabe seines Verbandes für Deutschland und gegen Südafrika votiert. Bis heute ist unklar, welche Rolle dabei eine fingierte Bestechung durch das deutsche Satiremagazin Titanic gespielt hat. Vier Jahre nach der WM in Deutschland ist es nun tatsächlich so weit. Das bisher größte Sportereignis in der afrikanischen Geschichte steht vor der Tür. Zwar gab es in Südafrika nach dem Ende der Apartheid bereits eine Reihe von internationalen Events wie die Rugby-WM, Cricketspiele, Tennis- und Golfturniere. Aber ganz davon abgesehen, dass die Dimensionen einer Fußball-WM noch einmal ganz anders sind als all das, handelte es sich bei den genannten Sportarten auch immer um klassische Hobbys der weißen Machthaber, die diese auch zu Zeiten der Apartheid ausübten, lediglich durch internationale Sanktionen dabei isoliert blieben. Fußball ist aber nicht nur in Südafrika der Sport, der große Teile der Bevölkerung begeistert. Für den ganzen Kontinent ist der globale Profifußball das wesentliche Feld, auf dem so etwas wie internationale Anerkennung und Respekt erzielt werden kann. Zweifelsohne ist die globale Fußballökonomie extrem eurozentrisch ausgerichtet. Die reichsten und erfolgreichsten Proficlubs der Welt sind ohne Ausnahme in den großen fünf europäischen Ligen ansässig (England, Spanien, Italien, Deutschland und Frankreich). Für sie und für die kleineren Clubs in Ländern wie Österreich, Belgien oder Polen ist Afrika nicht zuletzt ein großes Reservoir an Arbeitskräften. Bei aller Asymmetrie dieser Strukturen gibt es aber gleichwohl echte afrikanische Weltstars wie Didier Drogba, Samuel Eto’o, Michael Essien oder früher George Weah. Das ist indes nicht der Grund für die Vergabe der WM nach Afrika. Unter Vermarktungsgesichtspunkten versuchen die großen europäischen Clubs primär, ihren Bekanntheitsgrad in Ost- und Südostasien sowie in den USA zu steigern. So ist es auch zu erklären, dass Uli Hoeneß als Repräsentant der Interessen des europäischen Vereinsfußballs tatsächlich keinerlei Interesse am afrikanischen Markt äußert – beziehungsweise diesen sogar vor den Kopf stößt, um lieber populistische Punkte bei der einheimischen Klientel zu sammeln. Die Entscheidung für Südafrika als Austragungsort ist vielmehr das Ergebnis von Verbandspolitik. Sepp Blatter, Präsident des Weltverbandes FIFA, hat seine Machtbasis tendenziell eher in Afrika und Asien als in den traditionellen Fußballkontinenten Europa und Südamerika. Mit den 55 Stimmen afrikanischer Verbände in der FIFA (gegenüber nur zehn Stimmen etwa aus Südamerika) glaubte Blatter bisher zu Recht, seine Wiederwahl durch die gezielte Förderung Afrikas sichern zu können. Der ökonomische Preis dafür scheinen nach jetzigem Stand große Einbußen beim Ticketverkauf zu sein, nicht aber bei der Vermarktung der Fernsehrechte, da die Spiele am europäischen Nachmittag und Abend ausgetragen werden. Die allgemeine Rezeption der WM in Europa reicht von paternalistischer Zustimmung bis hin zu mehr oder minder unverhohlen rassistischer Ablehnung. Dass der ständige Verweis auf die „Sicherheitsaspekte“ auch eine Chiffre ist, kennt man nicht nur von diesem Fall. Wie bei anderen gesellschaftlichen Diskussionen wird dabei in den meisten Äußerungen nicht im Ansatz reflektiert, was die Statistiken, die Südafrikas hohe Kriminalitätsraten anzeigen, praktisch bedeuten. Vor allem zeigen sie ja an, dass die Lebensbedingungen etwa junger Frauen in Townships oder Arbeitsmigranten aus Botswana, Zimbabwe oder Mozambique sehr hart sind und ihnen in manchen Gegenden Südafrikas oft Gefahr für Leib und Leben droht; nicht aber, dass die Kriminalität in Südafrika vor allem darin bestünde, dass weiße Touristen von schwarzen Verbrechern ausgeraubt oder ermordet werden. Das Turnier selbst sollte nominell von diesen Auseinandersetzungen unabhängig sein, weil es ja in der globalen „Sprache des Fußballs“ abgehalten wird. Davon abgesehen, dass die Syntax dieser Sprache bis heute vom Board der FIFA festgelegt wird, in dem die britischen Verbände eine Sperrminorität gegen alle Regeländerungen besitzen und faktisch etwa Nordirland mehr Gewicht hat als alle afrikanischen Verbände zusammen, zeigte schon der Confederations Cup 2009, eine Art Testlauf der WM in Südafrika, welche Art von Debatten zu erwarten sind, als es in Europa große Aufregung um die Vuvuzelas, in südafrikanischen Stadien gebräuchliche Tröten, gab. Trainer, Spieler und Kommentatoren forderten, die FIFA müsse die Instrumente verbieten, weil die durch sie erzeugte Geräuschkulisse störend sei. Die Veranstalter entgegneten darauf, die Vuvuzela gehöre zur afrikanischen Fußballtradition. Es wird in jedem Fall interessant, die von europäischen Medien in Südafrika gemachten Differenzerfahrungen mit der großteils euphorischen Beschreibung Kanadas im Umfeld der Olympischen Winterspiele von Vancouver im Februar zu vergleichen. Nicht unwahrscheinlich, dass sich letztlich ein herablassendes Wohlwollen als hegemonial etabliert, das ebenso großzügig über die Unbillen Südafrikas hinwegzusehen bereit ist wie der Kommentator des Bayerischen Rundfunks, Gerd Rubenbauer, der 1993 im ersten deutschen Fernsehen während des Spiels von Eintracht Frankfurt bei Dnipro Dnipropetrovsk in der Ukraine sagte: „Sie können sich nicht vorstellen, wie unsere Sprecherkabine hier aussah. Aber zum Glück gibt es ja hier nichts, was man nicht mit einem Zehn-Mark-Schein regeln könnte“. Lesetipps Die Zeitschrift iz3w und Periphere haben die WM in Südafrika zum Anlass genommen, Themenschwerpunkte herauszubringen, die einerseits abseits der WM von den sozialen Verhältnissen in Südafrika berichten und andererseits die Bedeutung der Fußballökonomie innerhalb der „dritten Welt“ analysieren: Eine alternative Berichterstattung wird mit großen Werbekunden im Rücken unter KAP Transmissions versprochen online seit 19.05.2010 09:47:56 (Printausgabe 50) autorIn und feedback : Daniel Raecke Links zum Artikel:
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