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50 Ausgaben MALMOE

– die Erlebnispark Charts

Top 5 – Spielfilme

1. Quentin Tarantino (2009): Inglourious Basterds
2. Michael Haneke (2005): Caché
3. Hayao Miyazaki (2001): Chihiros Reise ins Zauberland
4. Barbara Albert (1999): Nordrand
5. Trey Parker (2004): Team America: World Police

Also wer hätte das gedacht, dass Quentin Tarantino es noch mal als Kompromisskandidat ganz nach oben schafft. Im MALMOE-Jahrzehnt waren seine Filme ja nie richtig gut – aber auch nie richtig schlecht. Und dann so was! Auch wenn die Waltzmänia in diesem Land erheblich nervt und auch bedenkenswerte Kritiken (wie die von Jens Jessen und John Rosenthal, siehe MALMOE #47) nicht unterschlagen werden sollten, wollen wir Georg Seeßlen mit seinem politisch-ästhetischen Standpunkt beipflichten: „Niemals sieht seine Kamera mit dem faschistischen Blick, niemals rekonstruiert sie die faschistischen Räume und niemals lässt sie sich von der brutalen Selbstinszenierung auf Distanz halten. Er begegnet seinen Nazis auf Augenhöhe, und dann zwingt er sie zu Boden. Der Widerstand beginnt mit dem Sehen.“

Der Rest der Liste spiegelt die Zerrissenheit der EP-Redaktion wieder zwischen den Klippen von Cineastentum, Westzentrismus und Provo-Trash-Vergnügen. Heiß gehandelte Filme waren hierbei auch: Mulholland Drive (David Lynch), Die innere Sicherheit (Christian Petzold), Amores Perros (Alejandro González Iñárritu), Hero (Yimou Zhang) unter noch vielen anderen.

Top 5 – Bücher

1. Michael Hardt / Antonio Negri (2002): Empire. Die neue Weltordnung
2. Naomi Klein (2000): No Logo
3. Kathrin Röggla (2004): Wir schlafen nicht
4. Simon Reynolds (2006): Rip it up and start again
5. William Gibson (2004): Pattern recognition

Dass „Empire“ die MALMOE Bücher-Charts toppen würde, ist keine sonderliche Überraschung, (siehe auch unseren Schwerpunkt „Was wurde eigentlich aus…?“ in dieser Ausgabe). Der US-Literaturwissenschafter Michael Hardt gab den über Jahrzehnte entwickelten Thesen von Antonio Negri den entscheidenden Spin, um von einem Insidertipp der autonomen Linken zu einem Sachbuchbestseller zu werden, der einflussreiche Stichworte zur Debatte über Fragen von Globalisierung, Kapitalismus und Protest lieferte, ohne sich von einer radikalen politischen Orientierung zu verabschieden. Weiters in den MALMOE Charts landete das als „Bibel der Globalisierungskritiker“ gehandelt „No Logo“. Autorin Klein knüpfte darin die Verbindung zwischen Kommerzialisierung der Kultur und aktuellen Konzernpraktiken in der globalisierten Ökonomie, und verband sie mit einer Perspektive, die gewerkschaftsorientierten Aktivismus und kulturelle Subversionspraktiken zusammenbrachte.

Während Klein und Hardt / Negri von der politökonomischen Seite auf Kultur blickten, nahm Röggla die umgekehrte Richtung. Ihre Nachlese auf den Arbeitskult der New Economy in Form literarischer Doku-Fiction war sicher einer der Höhepunkte der in den letzten Jahren so verbreiteten kulturellen Beschäftigung mit Wirtschaftsphänomenen. Eine ähnliche Blickrichtung hat Gibson, der in „Pattern Recognition“ die auch bei Klein behandelte Praxis des „Cool hunting“ verarbeitet, und mit seiner Abwendung von Science Fiction hin zur Gegenwart einen Epochenbruch signalisierte.

Für das politische in der Kultursparte Musik (und Mode) interessiert sich Reynolds Buch. Trotz des konzeptionell nicht allzu einfallsreichen, lexikalisch anmutenden Kapitelaufbaus, in dem Band für Band abgehandelt wurde, war das Buch des Musikjournalisten eine einsichtsreiche und faktenvolle Sammlung von musikalischen Porträts des Post-Punk-Phänomens rund um 1980, mit seiner Vielzahl an Experimenten. Und war damit die zentrale Referenzquelle für dieses zentrale Revival der MALMOE Dekade.

PS: Auch gut im Rennen waren: „Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen“ von John Holloway, „No one belongs here more than you“ von Miranda July, „Can't stop won't stop“ von Jeff Chang, „Nickel and Dimed“ von Barbara Ehrenreich, „Gleicher als andere“ von Christoph Spehr und „Risiko des Ruhms“ von Rocko Schamoni.


Top 5 – Serien

1. HBO (2002-2008): The Wire (5 Staffeln)
2. HBO (1999-2007): The Sopranos (6 Staffeln)
3. HBO (2001-2005): Six Feed Under (5 Staffeln)
4. Showtime (2004-2009): The L-Word (6 Staffeln)
5. Channel 4 (2004-2010): IT Crowd (4. Staffel in Produktion)

Hier waren wir nicht kompromissbereit. Einstimmigkeit. Nordkoreanische Verhältnisse! Wie unglaublich schlau „The Wire“ ist und eine Bestätigung der These ist, dass distinktionsmäßig das Qualitätsfernsehen mit Namen HBO dem Kino den Rang abläuft, konnte ich kürzlich anhand des Films „Brooklyn’s Finest“ erleben. Vor zehn Jahren wäre dies bestimmt kein schlechter Film gewesen. Aber heutzutage, außer zwei sich verdichtenden Parallelmontagen, völlig harmlos und langweilig, auch wenn Freude aufkam, dass der in „The Wire“ den schwulen afroamerikanischen ichbeklauediedrogenbossegangster spielende Michael K. Williams eine Nebenrolle hatte. Kein Gespür für Personenentwicklungen und einen soziologischen Blick auf die Eigendynamiken von Institutionen. Das wirklich Tolle an „The Wire“ ist genau das und vor allem die Rückkehr einer materialistischen Analyse von Gesellschaft – der ausgerufene „Krieg gegen Drogen“ ist nichts weiter als ein wirkungsloser Versuch der sozialen Kontrolle.

Der Rest der Liste auch großes Kino, besonders natürlich „The Sopranos“! Daneben auch hier – jede Menge Willkür. Aber Platz drei bis fünf bestachen durch ihre jeweilige Innovation und Konsensfähigkeit. Außerdem als innovativ erachtete Serien waren: West Wing, 24, Deadwood, Big Love, Mad Men, 30 Rock, The Shield und Curb Your Enthusiasm. Weiter so, HBO und Co – auch wenn es vielleicht so scheint, dass der Zenit überschritten wurde, wir sagen Danke für die vielen Stunden von Lebenszeit, die uns geraubt wurden!


Top 5 – Musik

1. Elektrisierte Frauen (von Peaches bis M.I.A.)
1. Rockende Frauen (von Sleater Kinney bis Gossip)
3. Dubstep (von Ghost bis zum Wobble-Bass / Midrange-Gemetzel)
4. Techno's Prog-Phase (Post-Alcachofa Alben)
5. Backpacker Hip-Hop (verschwindet einfach nicht)

Sorry, aber hier ist nicht mit fünf Platten. Dazu klaffen die Geschmäcker in der MALMOE Redaktion zu weit auseinander. Und über zwei weitere Phänomene wurde ja bereits treffend in den Naughties Charts diskutiert: den Tod des Albums durch MP3 Downloads und die fortgeschrittene Fragmentierung in Sub-Sub Szenen, die Konsensalben erst gar nicht zulassen.

Wie auch immer, bei den Lieblingsplatten der MALMOEs dominieren klar die Frauen, egal ob aus dem Elektro(nischen) Eck oder vom Rock. Vielleicht gehen die ersten zehn Jahre MALMOE gar als die Le Tigre Dekade durch, denn in ihnen verbindet sich beides zu einem tanzbar-rockenden, queer-feministischen Aufschrei.

Neben den Pop-Crossover Frauen sind es sonst eher die Männer-dominierte Nischen: Dubstep, von den Post UK Garage Experimenten, über DMZ und Skull Disco bis hin zum Techno-Crossover von Martyn oder 2562. Erst Jahre nach blühendem Nischendasein hat der Wobble-Bass Overkill das kreative Ende bedeutet – die Offenheit lebt aber wohl im noch undefinierten UK Bass ’Nuum weiter. Techno, das mittels Villalobos Alcachofa Album in seine Prog-Phase eintrat, und sich bis heute den offeneren Charakter auf Platten von Mojuba, Smallville und Co erhalten hat. Und Hip-Hop: immer noch Rawkus Style, immer noch Mos Def, Common und Talib Kweli (auch wenn wir Kanye Wests sense-of-dress mögen).




online seit 04.05.2010 10:52:05 (Printausgabe 50)
autorIn und feedback : Die (Erlebnispark) Redaktion




Die Krise des Buchs ist ein Mythos

Interview mit Paula Bolyos und Jenny Unger zur feministischen Buchhandlung „ChickLit“, die Anfang 2012 im ersten Gemeindebezirk eröffnen wird.
[31.01.2012,Gudrun Rath und Markus Griesser]


There’s another way

Mark Fisher untersucht Alternativen gegen Alternativlosigkeit
[15.12.2011,Pascal Jurt]


Die verkehrten Fotografien

Folge I des neuen MALMOE-Mikrokrimis, ab jetzt in jeder Ausgabe.
[06.12.2011,Andi Pavlic]


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