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  „Ein Überborden von Text und Musik“

Gespräch mit dem »Editionskollektiv Mezzanin«

Anlässlich der Publikation des Buches »Unzeitgemäße Verachtungen« und Lesungen, die wie Konzerte klingen, traf sich MALMOE zu einem Gespräch mit dem »Editionskollektiv Mezzanin«.

Wie begann die Geschichte des »Editionskollektivs Mezzanin«?


a.r.: Naja, das ist so entstanden, dass wir zuerst einmal ein Verlag sein wollten. Es gab dann die Idee, Schriften von der Situationistischen Internationalen in billiger Form zu veröffentlichen und ein Übersetzungsvorhaben von Texten Jules Vallès.

a.p.: Auch vorhanden war der Wunsch, eigene Texte zu veröffentlichen. Bei mir war das ein ganz starker Impuls, mich nicht mehr darauf zu verlegen Texte bei Verlagen unterzubekommen oder bei Literaturwettbewerben mitzumachen, sondern das ganze selbst in die Hand zu nehmen und Leute zu suchen, die ähnliche Interessen und Ambitionen haben.

g.p.: Es ging ganz stark darum, eine Plattform zu haben, um eigene und Texte von anderen zu veröffentlichen.

m.b.: Was auch ganz wichtig ist, sind kollektive Diskussionen über Texte oder von Texten. Jeder Text, der von diesem Kollektiv herausgegeben wurde, ist auch diskutiert worden. Bei der ersten Ausgabe kamen die Texte vom befreundeten politisierten Umkreis Wiens. Seitdem hat aber immer stärker eine Öffnung oder Spezialisierung beziehungsweise ein Transponieren auf andere Darstellungsformen als die reine Editionstätigkeit stattgefunden.

Warum habt ihr euch mit dem Namen Kollektiv gegründet?

g.p.: Der Kollektivgedanke war und ist immer wieder getrieben von dem Gedanken kollektiv zu schreiben, Texte gemeinsam zu verfassen.

m.b.: Es ist auch ein Aufschrei gegen diese Spezialisierung der Produktionsschritte und ein Versuch, möglichst viel voneinander zu erlernen.

a.p.: Wobei das Vorhaben, dass jeder dann layoutieren und drucken und die Homepage, die wir ins Netz gestellt haben, ergänzen und aktualisieren kann, bisher nur zu einem gewissen Teil gelungen ist. Aber das kommt noch. Es geht ganz viel darum, dass literarisches Arbeiten nicht beim Schreiben aufhört.

g.p.: Eben auch das Nutzen von Räumlichkeiten, wo wir drucken und sortieren können, wo die Geräte zur Verfügung stehen. Das erste Heft haben wir im EKH gedruckt und das zweite Buch im Druckraum. Das sind ganz wichtige Orte und Räume für einen autonomen, materiellen Entstehungsprozess eines Buchs, wo Ressourcen und Wissen genutzt werden können.

a.r.: Ich glaube, der Punkt der Ermächtigung ist ganz wichtig. Dadurch, dass man etwas kollektiv macht, bekommt man auch Selbstbewusstsein, Dinge auszuprobieren, weil es keine verurteilenden Augen sind, die einen da beobachten. Man wird nicht auf diese anonymisierte Monade zurückgeworfen, die man halt sonst in Bezug auf den Kulturbetrieb ist.

a.p.: Wir haben vorher gerade diskutiert, dass es einen Impuls gibt, dass wir immer neue Ebenen finden, die uns interessieren, die wir zusammen erarbeiten wollen: neue Themen oder die Nutzung andere Produktionsformen und Medien. Das kollektive Schreiben, das du angesprochen hast, wird für uns immer wichtiger. Schreiben ist eine individuelle Angelegenheit und gerade in der Literatur ist man stolz auf seine eigenen Texte, auf den eigenen Stil. Wir wollen das ein wenig aufgeben. Wir haben, wenn wir kollektiv schreiben, die Regelung, dass in den anderen Text hineingegangen werden darf und auch in den Satz – diesen zu ergänzen und mit diesem zu arbeiten, ohne dass jemand sich gekränkt fühlen sollte, aber immer mit einer gewissen Rücksichtnahme.

g.p.: Das Eingreifen in andere Texte ist eine Infragestellung der Autor_innenschaft, wo man auch mit eigenen Hemmungen konfrontiert ist. Sei es darum, dass in den eigenen Text eingegriffen wird, oder dass man auch die Hemmung verliert, in andere Texte einzugreifen, was ja schon etwas gewaltiges, also gewalttätiges ist, eigentlich.

Seit 2007 veranstaltet ihr Lesungen, die von »Mayr« mit Stimme und Instrument(en) begleitet werden und die sich immer mehr zu Performances transformieren. Wie ist es dazu gekommen?

a.p.: Eigentlich war das vollkommen zufällig. Wir hatten die „Ehre“ beim Jack Terricloth Auftritt in Wien das Vorprogramm zu gestalten. Wir dachten, das wäre doch recht nett – Editionskollektiv und Mayr – und so ist es irgendwie entstanden.

a.r.: Dann wohnte der Kosmonaut, ein Performance-Poetryslamer aus New York, gerade im EKH. Mit ihm hat das Programm ziemlich plötzlich einen Performance-Charakter bekommen.

m.b.: Das Performative ist die permanente Suche nach weiteren, auch medialen Vermittlungsformen von Text. Das hat begonnen mit Vertonungen von Texten, mittlerweile gibt es auch Texte, die zum Singen geschrieben wurden oder die spontan, im kollektiven Miteinander der Performance entstanden sind.

g.p.: Es entsprang dem Wunsch mit Mayr gemeinsam Texte zu lesen und zu präsentieren. Die Performances, die wir jetzt schon seit mehr als zwei Jahren regelmässig veranstalten, sind zu einem Überborden von Text – zweimal Text, einmal projiziert und einmal gelesen oder gesungen von zwei Stimmen – und Musik geworden. Aber auch aus der Überlegung heraus, wie präsentiert man Literatur auf einer Bühne und da wir uns nicht so sehr in literarischen Kreisen bewegen, ist das immer eine Frage, aber die wäre sie in literarischen Kreisen wahrscheinlich genauso: Wie präsentiert man Text, wie liest man Text. Texte werden anders geschrieben, wenn man daran denkt, dass sie publiziert werden oder dass man sie auf einer Bühne vorträgt. Dieses Überborden ist eine Auseinandersetzung mit der Aufmerksamkeit des Publikums.

a.p.: Wir hatten den Wunsch eine Lesung so zu gestalten, dass man die lesende Person stört. Die anderen Personen, die nicht lasen, bauten – hämmerten und bohrten – im Hintergrund ein „Ding“ und schufen damit eine Irritation. Es war recht schwierig, die lesende Person bewusst zu stören, aber doch auch mit einer gewissen Form der Rücksichtnahme.

a.r.: … so eine hämmernde Zärtlichkeit, die sich in den Vortrag des Textes einschleicht.

Herbst letzten Jahres erschien der Sammelband 'Unzeitgemäße Verachtungen' mit Texten unterschiedlicher Genres. Das ist nach 'Potpourri' 2007 eure zweite Veröffentlichung. Unterscheiden sich die zwei Publikationen?

g.p.: Massiv würde ich sagen.

a.r.: Enstanden ist die erste Publikation dadurch, dass wir alle drei geschrieben haben. Der Aspekt, dass man Leute hat, mit denen man über diese Texte spricht, die einem Anerkennung beziehungsweise Kritik zurückspiegeln, war wichtig. Und gerade dieser Aspekt ist immer wichtiger geworden, der kommt auch in der zweiten Publikation viel stärker hervor, indem viel enger am Text diskutiert wurde und die Auswahl strikter war.

a.p.: Und rein optisch. Das erste Buch hat Broschürencharakter. Wir hatten uns vorgenommen, nicht nur die Texte zu schreiben, sondern den ganzen Produktionsprozess selbst zu gestalten. Das war ganz stark von einem DIY-Gedanken getragen, wir wollten eigentlich nichts aus der Hand geben. Wir haben den Umschlag mit Siebdruck bedruckt, das Titelbild aufgeklebt, wir haben den Druck selbst gemacht. Das Zweite ist es in dem Sinn professioneller geworden, dass das Format kleiner wurde und es mehr Buchcharakter hat. Aber ansonsten haben wir bis auf das Bild wieder alles selbst gemacht, nur den Umschlag haben wir machen lassen, denn das hätte unsere Möglichkeiten überstiegen. Aber ansonsten ist wichtig, dass wir vom Schreiben bis zum Leute Ansprechen, Lektorieren, Diskutieren und dann Drucken alles selbst gemacht haben. Diesmal war es sogar so, dass wir selbst gedruckt und sortiert haben und nur zum Binden eine Buchbinderei beauftragt haben, und den Umschlag dann wieder selbst zusammengefaltet haben.

g.p.: Der Unterschied ist noch, dass wir das Layout vom zweiten Buch abgegeben haben, was schon eine große Arbeitserleichterung war.

Im ersten der zwei Vorworte schreibt ihr, dass eurer neues Buch aus der Erleichterung entstand das ursprüngliche Motiv 'Klagelieder als politische Aktualisierung eines biblischen Motivs' wieder aufzugeben. Dennoch verbindet viele der Texte eine melancholische Grundstimmung. Ein Restbestand der ursprünglichen Idee?

m.b.: In einer unserer ersten Selbstbeschreibung steht: Schreiben heißt vor allem mit sich selbst reden. Es geht viel um die Trümmer und die Keller, wo die Toten liegen. Ich glaube, in der gesamten Editionstätigkeit ist mir nie ein fröhlicher Text untergekommen. Es gibt teils ironisches, teils humoristisches, es gibt ein paar Gedichte, die eine lobenswerte Ausnahme darstellen, aber im Prinzip habe ich das Gefühl, dass sich die hier schreibenden Leute mit einer melancholischen Grundstimmung und auch mit Denkanstoß gebenden, widersprüchlichen, ambivalenten Texten viel eher zufrieden fühlen. Vielleicht sind es auch die jetzigen Verhältnisse der Textproduktion. Ich habe nicht das Gefühl, dass sich irgendwelche Leute ins l'art pour l'art zurückziehen. Es ist eine Kombination zwischen bewusster Kritik, dem Zweifeln daran und damit auch ein Zweifeln am Schreiben, Produzieren und Vermitteln.

g.p.: Es ist auf jeden Fall nicht als kollektiver Gedanke forciert worden. Aber ich stelle mir öfters die Frage – was mich auch in Bezug auf mein Schreiben interessiert – ,wenn ich mir zeitgenössische Kunst anschaue, ganz egal aus welcher Sparte, dass es einen starken Hang zu einer melancholischen Grundstimmung gibt, was sogar noch zu zaghaft formuliert ist – dass es oft um Repräsentationen von Wut einerseits und Leid andererseits geht.

a.r.: Ich finde die Texte nicht melancholisch, nicht in dem Sinn, dass sie sentimental oder klagend sind. Wenn man Melancholie so versteht, dass Geschichtlichkeit anwesend ist, dann würde ich sagen, die meisten Texte haben damit zu tun. Viele Texte sind wütend, aber in der Wut ist in gewisser Weise Geschichtlichkeit anwesend.

a.p.: Ich habe auch eher das Bedürfnis Aggressivität und Wut zu vermitteln, das in Sprache zum Ausdruck zu bringen und zu versuchen zu verstören.

Im Editorial des Buches findet sich keine ISBN-Nummer. Warum?

g.p.: Das war einige Zeit ein kollektiver Dissens, ISBN-Nummer ja oder nein.

m.b.: Die Diskussion ist eine sehr lange. Bei der ersten Ausgabe, die bewusster im DIY-Gewande dahergekommen ist, war es eine Mischung aus Prinzip und ganz pragmatischen Überlegungen. Jede ISBN-Nummer macht nur dann Sinn, wenn auch ein Distributionsapparat, ein Buchhandel dabei ist. Nachdem dieser 30% des Endpreises erlangt, gab es lange die Position, dass man sich lieber klassischer linker Distribution bedient und die Verteilung nicht ausser Hand, aus dem Kollektiv gibt.

a.p.: Die Frage zeigt vielleicht ein verdeckt dahinter liegendes Problem auf: Wir lesen gerne, wir machen gerne Auftritte, wir produzieren gerne ein Buch, aber wir kümmern uns nicht so gerne darum, dass das Buch unter die Leute kommt. Das Forcieren, dass es bekannter wird, das machen wir weniger. Vielleicht wird das durch den MALMOE-Artikel jetzt mehr gepusht (lacht) …

a.r.: Aber natürlich stellt sich zumindest für ein paar von uns in letzter Zeit vermehrt die Frage, ob man mit dem Schreiben nicht Geld verdienen will.

Weil du die Frage gerade angesprochen hast: Habt ihr vor das Kollektiv im Sinne einer Überlebensbasis zu professionalisieren?

a.p.: Wir haben gerade vor kurzem eine längere Diskussion darüber gehabt: Mezzanin wie weiter. Wir verbinden sehr viele unterschiedliche Vorstellungen mit Mezzanin und es ist noch offen, ob Mezzanin der geldspuckende Esel für uns wird. Ich glaube aber eher nicht, für mich steht im Vordergrund hier Ideen, die ich schon länger überlege oder die ich gerne machen würde, zu verwirklichen.

m.b.: Bis jetzt war Mezzanin überhaupt nicht Profit orientiert, sondern ab dem Zeitpunkt, wo klar war, dass die nächste Ausgabe mehr oder weniger vorfinanziert ist, hatten wir den Luxus sämtliche Solidaritätscocktailbar-Einnahmen oder Einnahmen aus Festen befreundeten Organisationen oder Initiativen teils zur Gänze zur Verfügung zu stellen. Die Nachhaltigkeit war dann erfüllt, sobald ein kleiner finanzieller Polster bei Seite war, der eine nächste Ausgabe ermöglichte. Und natürlich haben wir in unserer Aufführungsgeschichte ein paar Auftritte gehabt, die verlustreich geendet haben, aber andererseits hält sich das eigentlich sehr gut die Waage.

a.r.: Die Frage der Professionalisierung betrifft nicht so sehr das Kollektiv als die einzelnen selbst, inwiefern sie ihre Tätigkeit als Schreibende auch außerhalb von Mezzanin etablieren wollen.

a.p.: Wobei wir uns auch gegenseitig unterstützen: Ich probiere jetzt dort einzureichen oder machen wir das gemeinsam? Oder dass man abspricht, wo man gerade einen Text einschicken kann. Das machen wir dann nicht unbedingt als Editionskollektiv, sondern als die jeweilige Person, wobei es natürlich auch sein kann, dass wir vom Kollektiv verfasste Texte einreichen.

g.p.: So eine Professionalisierung von Mezzanin steht, wenn überhaupt, in den Sternen, aber ich glaube nicht einmal dort. Aber ich habe auch schon den Wunsch formuliert: Wenn Mezzanin zumindest so ertragreich wäre, dass man davon ein bisschen mitleben kann, hat man auch mehr Zeit und kann mehr Dinge umsetzten und verwirklichen.

Noch ein wenig Platz für Werbung: An welchen Projekten arbeitet ihr gerade?

a.r.: Wir arbeiten bereits an einem neuen Projekt und das geht in Richtung kollektives Schreiben, wenn ich schon ein bisschen was verraten darf.
g.p.: Ein kollektives Schreiben für Auftritte, das nicht in Richtung eines klassischen Theaterstücks gehen soll – ein sich Auseinandersetzen mit Schreiben für eine Bühne, das wir dann mit anderen Künstler_innen gemeinsam gestalten.







Das Buch »Unzeitgemäße Verachtungen« ist an folgenen Orten in Wien erhältlich:
Bücherbörse im NIG, 1090, Universitätsstrasse 7. Mo: 12.00 – 19.00 und Di bis Fr: 11.00 – 17.00.
Glücksschweinmuseum & Wohnzimmergalerie, 1080 , Florianigasse 54. Di, Do, Fr: 15.00 – 18.30.
W23, 1010, Wipplingerstrasse 23. Mi & Fr: 17.00 – 20.00.
Infomaden im EKH, 1100 Wielandgasse 2 – 4. Do bis Sa: 16.00 – 20.00.





online seit 06.04.2010 09:56:46 (Printausgabe 49)
autorIn und feedback : Interview: Marion Stoeger


Links zum Artikel:
www.mezzanin.org
www.myspace.com/mezzaninmayr
mayr.cccp.at



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