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Nerdism against Fascism Georg Seeßlen analysiert in seinem neusten Buch Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ Als 1994 der Film „Schindlers Liste“ in die Kinos kam, wurde er in den deutschen Feuilletons zu einem „deutschen Film“ umgedeutet, da er endlich „einen guten Deutschen“ zeigen würde. Diesen Rezensionen standen (wenn auch wenige) kritische Stimmen gegenüber. Diesen ging es nicht maßgeblich darum, Spielberg vorzuwerfen, einen revisionistischen Film produziert zu haben (an dessen Ende die Etablierung einer besseren deutschen Identität stand). Vielmehr wurde der Diskussion über den Film vorgeworfen, jenen Diskurs zu etablieren, der sich nicht um den Film drehte, sondern um die Wiederkehr eines deutschen nationalgeschichtlichen Bezugrahmens. KAUM GEHÖR VERSCHAFFEN konnte sich damals auch eine differenzierte filmanalytische Perspektive, wie sie Georg Seeßlen vertritt. Dieser hält dem Film zugute, dass er den ZuschauerInnen einen großen Teil der Verantwortung zurückgibt: „Es gibt immer die Freiheit, sich anders zu entscheiden.“ Die dargestellten Nazis in Spielbergs Film entspringen nicht Klischeebildern, sondern erscheinen vielmehr als Geschäftsleute, die „mit ihrer ganzen Kraft in einer Todesindustrie beschäftigt sind.“ Gerade in dieser Darstellungsverschiebung sieht Seeßlen den realen Faschismus: „Das industrielle Funktionieren der ‚Endlösung’ und das Wirken psychopatischer Mörder und Sadisten, das völlige Ineinander von Systematik und Willkür.“ NUN IST ZUM START von „Inglourious Basterds“ ein Buch von Seeßlen über Tarantinos Film erschienen. Hierbei verfolgt er methodisch den Aufbau des Films und stellt diesen kapitelgerecht inhaltlich vor, um erste Analysen in seine Nacherzählung fließen zu lassen. Der anschließende Teil erläutert das Referenzsystem Tarantinos. So erfährt mensch unter anderem einiges Interessantes über das Genre des „Spaghetti Western“ und über „Dirty War Movies“. Diese sehr interessante Beschreibung der Verweisketten, die nicht nur für Filmnerds geschrieben ist, zeigt auf, in welcher Tradition Tarantino sich befindet, ohne dabei nur eine billiges Pastiche geschaffen zu haben: „Inglourious Basterds ist ein heftiges Rumoren in Kino-Kulissen, Kino-Scripts und Kino-Rollen. Eine Art ,verfilmtes Gespräch’ über Kino- Klischees und ihre Wirkungen, gelegentlich auch über das Kino selbst und das, was es abbilden kann. Nicht mehr. Und eben auch nicht weniger.“ SEESSLEN, DER SICH begrüßenswerterweise nicht als reiner Anwalt einer Film-Hochkultur versteht, sondern auch gerade immer wieder einen politischen Gehalt in kulturindustriellen Produkten entdeckt, zeigt anhand von Tarantinos Film auf, wie er es schafft, sich gerade nicht, wie sonst oft üblich, der Ästhetik des faschistischen Todeskitsches zu bedienen. Gerade in Deutschland ist diese Erzählweise eine gängige und Seeßlen beschreibt sehr schlüssig, warum es auch so schwierig ist, „uns von dieser Erzählweise zu lösen“. Es werden nämlich zwei Systeme miteinander verbunden, in denen wir „aufgewachsen“ sind, „im psychologischen Realismus und in der historischen Zeichenwelt.“ Tarantino versucht dem zu entgehen und steht für einen radikalen Wechsel: „Niemals sieht seine Kamera mit dem faschistischen Blick, niemals rekonstruiert sie die faschistischen Räume und niemals lässt sie sich von der brutalen Selbstinszenierung auf Distanz halten. Er begegnet seinen Nazis auf Augenhöhe, und dann zwingt er sie zu Boden. Der Widerstand beginnt mit dem Sehen.“ DIESER ANALYSE mag ich gerne beistimmen, auch wenn ich es grundsätzlich begrüßt hätte, wenn das Erscheinen dieses Buches ein wenig später stattgefunden hätte, damit auch ein Teil der Rezeption mit hätte einfließen können. Aber vielleicht ist es auch eher ein Wunschdenken meinerseits, dass sich an der gegenwärtigen Rezeption von „Inglourious Basterds“ etwas Interessantes ablesen lässt, geschweige eine kontroverse Debatte entsteht. Die Besprechungen – so scheint es mir – sind da doch eher zurückhaltend und reden lieber über die schauspielerischen Leistungen von Christoph Waltz. Lesenswerte kritische Stimmen wie beispielsweise von Jens Jessen und John Rosenthal sind da leider die Ausnahme. Beide verfolgen interessanterweise nicht eine politisch-ästhetische Betrachtung – so wie Seeßlen –, sondern eher eine politisch-moralische und kommen dadurch zu ganz anderen Schlüssen. Sie werfen dem Film vor, dass er gerade nicht eine jüdische Rachephantasie darstellt, sondern eher die deutsche Propaganda davor reproduziert und damit – diesmal im negativen Sinne – vielmehr ein deutscher Film sei. Georg Seeßlen: „Quentin Tarantino gegen die Nazis – Alles über Inglourious Basterds“, Bertz + Fischer, Berlin 2009 online seit 23.11.2009 10:27:00 (Printausgabe 47) autorIn und feedback : Erk Schilder Links zum Artikel:
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