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  Ha, ha !

Notizen aus den Lachfalten und Stirnrunzeln bei Sacha Baron Cohens „Brüno“

„Ha, Ha!!“ schallt es – ein ausgestreckter, gelber Zeigefinger, daran ein pummeliger gelber Körper und jeder Simpsonfan weiß, wer gemeint ist. Nelson Muntz, der etwas tragische Schlägertyp mit Hang zur Schadenfreude, würde Brüno wohl lieben. Nicht weil der Film „Brüno“ sich vorrangig der Schadenfreude bedient, sehr wohl aber das Lachen über andere, das Andere per se kultiviert. Was aber darf (britische) Comedy, die sich seit jeher wenig um Political Correctness schert, was immer schon mehr ein US-amerikanisches Phänomen war, und was lässt einem das Lachen im Halse stecken oder gerade noch ein hämisches „Ha, ha!“ durch den inneren Soundtrack huschen? Sacha Baron Cohen hat mit seinem Film „Brüno“ ein barockes Problem. Seine Ali G. Show lebt von der Schnelligkeit, einzelne Charaktere, wie Ali G., Borat und eben Brüno – die österreichische, schwule Modefasho-nista mit entsprechendem historischem Verdrängungsgedächtnis – kann sich in Spielfilmlänge vor der Anhäufung an Gags gar nicht mehr wehren. „Zoo much, fantastisch!“ Die Kunstsprache, die Cohen für Brüno entwickelt hat – und wehe jenen, die sich den Film in synchronisierter Fassung anschau(t)en – schafft eine Distanz zur Figur, die den letzten ZweiflerInnen das Klischee, mit dem Cohen arbeitet, vor Augen führt. Er stopft gerade zu Beginn den Film voll mit Gags und versucht sich in Formen sexueller Enthemmnis-Darstellungen, die etwas Über-Lustiges und gleichzeitig Über- Banales haben. So gibt Brüno mit seinem Lover eine Einführung in die unendlichen, überzeichneten Weiten schwuler Sexualität, die sehr wohl vermag Homophoben, wie auch Schwulenaktivisten die Röte ins Gesicht steigen zu lassen. Hauptsache „Über“ scheint das Motto zu sein, aber ehrlich gesagt sitz ich dann lieber mit meinen queeren FreundInnen im Kino und nicht neben einem, der sagt: Schwul sein ist okay, aber wehe du baggerst mich an.

Ist also Sacha Baron Cohen der Michael Moore der Comedy? Darf er unbedarfte Menschen in Situationen bringen, denen sie nicht zugestimmt haben? Darf er uns verwirren mit der Frage, welche Szenen gestellt sind und welche er mit Genialität und Frechheit seinem Gegenüber einfach zumutet? Teilt er aus, aber steckt nicht ein? Produziert er ein Klischee nach dem anderen oder befindet er sich im Post-Identity, Post-Autentizitätsnirvana? Ist er gar ein wildgewordener Anarchist? Manchmal hilft es, nach dem Zweck zu fragen: neben den wirtschaftlichen Aspekten einen Blockbuster produzieren zu wollen greift Cohen insbesondere die USA, ihre Prüderie und Homophobie an, ohne sich vollkommen auf eine Seite zu schlagen. (Weiße) Homos wie Homophobe kriegen ihr Fett ab und Cohen setzt sich dafür Situationen aus, die beträchtliches Risiko mit sich bringen. Das Überthema ist eine fundamentale Kritik an diversen Männlichkeitskonstruktionen, seien es Soldaten, Jäger, Wrestler, schwule Modedesigner bzw. Modejournalisten. Brüno trifft diese Männer und er begehrt sie alle, die Soldaten in ihren Uniformen, den Priester, der ihn umdrehen will, die Hamas oder Houmus, wie er sie nennt, nur seinen Assistenten lässt er, bis auf einen eingeschobenen SM-Encounter, links liegen. Und ja es gibt einen riesigen, nicht erigierten Penis im Film, ein Skandal!

Er will berühmt werden, mit der Mode scheint es nicht zu klappen, dann wenigstens die Welt retten und Frieden im Nahen Osten herstellen. Auch daran scheitert er, aber Gutes tun ist leicht und billig: Er besorgt sich einen schwarzen Jungen aus Afrika, den er O.J. nennt und in einer Talkshow vorstellt. Wie Madonna und zahlreiche andere Promis will er mit der „Errettung“ punkten. Schöne neue Welt, schöner Neo- Kolonialismus, lächerlich, traurig, Realität. Da das auch nicht funktioniert und ihm der Junge weggenommen wird, versucht er es mit heterosexuell werden. Auf Swinger- Parties gehen und sich von einer Domina verdreschen lassen. Oh nein, nicht fantastisch! Dann lieber zurück in die Arena der Blut- und Biergeschwängerten Männlichkeit, in den Ring, mit boratschem Schnauzer im „Camouflage-ist-das-neue-Schwarz“-Kostüm, einem Käfig umringt von heteronormativem, feuerbereitem Publikum – bereit alles zu verteidigen, wofür diese angegriffene Männlichkeit steht: Vaterland, Bier und Hetero-Dasein. Umringt von diesem Klischee, oder doch bei dieser Art von Zusammenkünften furchteinflössender Realität, kämpft sich Brüno mit seinem Assistenten in ein „Make Love! Not War-Manifest! Es ist zum Heulen … Und da plötzlich, mein „Ha, ha!“ an dieser Stelle ist nicht ein schadenfreudiges, ein über das „andere“ Lachen, sondern eines das von der Angst befreien soll. Angesichts der Absage von Belgrade Pride aufgrund der Bedrohung durch oben beschriebene Männlichkeiten, ist dieses Lachen für mich ein zutiefst politisches, wütendes Lachen. Das alleine wird nicht reichen, aber es ist – Brüno sei gedankt – ein Anfang.

Nachspiel: Noch ist es nicht aus, denn das einzige, was hilft, wenn gar nichts mehr geht, ist ein Lied. Egal, ob als „Candle in the Wind“, oder mit „We feed the World“, wir sind „All for one“. Wir sind in diesem Fall die „Dove of Peace“ – Brüno himself, Elton John, Bono, Sting, an der Gitarre Slash und nicht zu vergessen Snoop Dog, der ins Mikrophon haucht: „He's gay, gay, gay, gay – okay!“


online seit 16.11.2009 10:35:31 (Printausgabe 47)
autorIn und feedback : Marty Huber




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[31.07.2010,Interview: Andrea Lunzer & Claus Puhr]


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