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Inglourious basterds Antifa-Fantasie als Feel-Good-Movie Eine Rezension zu Quentin Tarantinos letztem Streich: „Die entscheidenden Szenen der Handlung spielen sich zwischen Gesichtern und auf Gesichtern ab.“ So 1923 der ungarischwienerisch- jüdische Bela Balasz – Komparse, Filmkritiker und Filmtheoretiker – nach einem Kinobesuch in der Praterstraße. Mit dem Kampf der Gesichter, dem wichtigsten aller filmischen Mittel, den Blicken, beginnt und endet INGLOURIOUS BASTERDS. Gleich am Anfang lernen wir den charmant mit leichtem Wiener Akzent sprechenden und gebildeten SS-Offizier kennen – genannt „Der Jäger“ und gespielt von Christoph Waltz. Nachdem er sein erstes anvisiertes Opfer, einen französischen Bauern, der einer jüdischen Nachbarsfamilie Zuflucht gegeben hat, psychisch- verbal erledigt hat, verstehen wir im Kinosaal, dass es nicht nur eine Banalität des Bösen sondern auch eine Banalität der bösen Intelligenz gibt, auch wenn sie Milch trinkend und identitätsstiftend Apfelstrudel mit Schlag essend einher kommt. Das beruhigt, vor allem weil uns Hitler und Goebbels, Bormann und der Rest im Film nicht als monströse Bestien angruseln, sondern als gewöhnliche maßgeschneiderte Reichsdeutsche. Und das reicht eh schon. Shosanna, wundervoll besetzt mit Mélanie Laurent, einziges Mitglied der jüdischen Familie Dreyfus (!), die dem Massaker des Milchtrinkers entkommen kann und die in Paris unter der NS-Besatzung bald ein Kino betreibt, in dem der wahre, der wirkliche, der einzig denkbare und überhaupt mögliche Untergang der NS-Spitze gegen Ende des Films stattfinden wird, ist ebenfalls beruhigend – nämlich frei von den üblichen Klischees. Endlich eine junge Film-Jüdin, der – da sie weder schwarzhaarig noch schwarzäugig ist – die verklemmten Nachgeborenen zwischen Villach und Rostock nicht unruhig hinterher träumen. Eine apokalyptische Hoffnung Der Film ist nicht einfach eine schräge, provokative und fröhlich verstörende Komödie oder eine antifaschistische Utopie, sondern ein Action- Drama, ein Spaghetti-Western, in dem ein Traum erzählt wird. Eine apokalyptische Hoffnung auf das Ende der Nazis im Film – zumindest im Film. Eine Jüdin und ein Franzose mit schwarzer Hautfarbe sind die RetterInnen. Richtig, kennen wir, in INDEPENDENCE DAY waren es ein männlicher Jude und ein Afroamerikaner. In den vergangenen Jahren haben uns viele Filme vor der Endzeitkatastrophe, den viralen Invasoren aus dem All, den gewöhnlichen in der Stadt umherwackelnden Zombies und der ultimativen Bombe gerettet, in HELL BOY II sogar vor der unsterblichen Inkarnation des Bösen, dem letzten untoten SS-Monster, der immer noch nicht auf Rente ist. Mit INGLOURIOUS BASTERDS finden alle Anti-Nazi-Filme seit den 30er Jahren zu sich selbst zurück: zur Hoffnung, eine Geschichte mit wirksamer Ironie erzählen zu können, in der der Spitze der Nazis das widerfährt, was sie Millionen angetan haben – in der von Menschen geschaffenen Hölle brennen. Tradition des befreienden Lachens Ab 2009 sollten Ernst Lubitschs SEIN ODER NICHTSEIN, der bis heute (Lacher über Lacher provozierend) Hitler und die SS durch den „arischen“ Kakao zieht und Tarantinos INGLOURIOUS BASTERDS stets zusammen gezeigt werden. Ein Mut machender Split-Screen der erhofften Erinnerung und der subversiven Filmkunst. Lubitsch war 1942 glücklicherweise politisch nicht korrekt und Tarantino ist es 2009 erst recht nicht. Die Filmjury in Cannes hat es verstanden, auf die Entscheidung der Academy in L.A. kann man nur hoffen, während das deutschsprachige Feuilleton räsoniert, ob man so etwas denn überhaupt darf. Darf und Muß! Das filmparabelhafte „Was-wäre-wenn“ wird tarantinesk so inszeniert, dass nur durch einen explodierenden Berg von Nitro-Filmen das verrammelte Kino mit NS-, SS-, Wehrmachtspitzen und französischen Kollaborateuren implodieren kann, während auf der Leinwand und – als diese verglüht – im Rauch des Brandes Shosanna den MörderInnen und MitläuferInnen mitteilt, wer sie ist: eine Jüdin, die nun ein Urteil spricht. Ihr Gesicht, ihre Stimme, fahle Schatten der Vergangenheit, ein weiblicher Golem. Wir sind im besetzten Frankreich, und zur Irritation der hiesigen Ufa-oder Wien-Film-NostalgikerInnen sind wir mit Tarantino auch in der (von ihm mit Ironie, tiefem historischem Wissen und visueller Grandezza besetzten) deutschsprachigen Filmtradition. Eine fröhlich stimmende satirische Pointe: wenn Goebbels aggressiv überschnappt, als Shosanna beiläufig den Namen des sich dem NS-Film versagenden Ufa-Stars Lilian Harvey erwähnt. Ungemein erheiternd, dass mit den Nazis auch die hochgradig brandgefährdeten Nitro-Filmrollen mit Leni Riefenstahls PIZ PALÜ das Zeitliche segnen, wobei den ZuschauerInnen etliche Male klar gemacht wird, das G. W. Papst, hoch gelobter Regisseur der Zwischenkriegszeit, nicht nach dem Exil sondern Anfang der 40er wieder im Reich auftauchte und mit Riefenstahl arbeitete. Ssschön sprrrechen! Einsamer Höhepunkt der filmisch-sarkastischen Referenz an Hollywood und seinen meist dubiosen Versuchen, deutsche Akzente zu imitieren, ist Tarantinos Umgang mit Sprache. Selbst „Achtung“ konnten ja die meisten Hollywood-Stars, nachdem Exilschauspieler für Nazi-Rollen nicht mehr zur Verfügung standen, kaum mehr zackig genug brüllen. Und Brad Pitt als goiischer Kommandeur der im besetzten Frankreich gefürchteten jüdischen Jäger der Nazis (eben der Basterds) reduziert die Maske eines italienischen Filmmanns auf ein gutturales G`röchl. Als einer der Basterds – britischer Agent in deutscher Uniform – aufgrund seines Akzents Verdacht erregt, erklärt er langatmig, dass dies der bäuerliche Dialekt im Tal von Piz Palü ist. (Wieso hat da im Kino keiner außer mir gelacht?) Das Casting ist INGLOURIOUS. Daniel Brühl spielt Daniel Brühl, also einen Deutschen, der als Wehrmachtsheld auch Filmheld wird, also verdammt schlecht spielt, also Daniel Brühl spielt. Diane Kruger ist der für den Widerstand arbeitende Ufa-Star. Man muss kein SS-Mann sein, um ihr kein Wort zu glauben. Dass sie im Film von eben diesem SS-Mann (dem damit Oscar-verdächtigen Waltz) als Resumee eines Verhörs (in dem auch Cinderellas Stöckelschuh eine wichtige Rolle spielt) ziemlich würg-strampelnd fatal-atemlos das Zeitliche segnet, verweist nur auf die filmisch brillante Art und Weise der – nein nicht der Filmzitate! – der impliziten und ironischen Referenz an den Film als Kunst. Allein für die Besetzungsliste sollte der Film einen Oscar erhalten, aber den gibt’s ja noch nicht. Brad Pitt ist ein Sunnyboy, bei dessen Aussprache man sofort Texas-Country hören möchte, und Eli Roths sportliche Ertüchtigung mit einem Baseball-Schläger, bei der ein unverbesserlicher Nazi durch diesen jüdischen BASTERD kollateral zu Schaden kommt, ist so fürchterlich nicht, wie immer wieder zu lesen ist. Sichtbarkeit jüdischen Widerstands Die oft zu hörende Meinung, im Film seien die Juden nun endlich auch die Bösen, sagt zwar sehr viel über mentale Spätfolgen der NS-Herrschaft aus, doch sei nur an den Widerstand, die Résistance, die jüdischen PartisanInnen erinnert. Die Kritik am Film, er sei brutal und daher erst ab 16 zu sehen, hat etwas Heuchlerisches angesichts all der Zombie- und Horror- Streifen, der Kriegs- und Splatterfilme. Erstens ist die Gewalt im Film nicht überraschend, zweitens trägt eine historisch reflektierende Filmkunst den jüdischen Widerstand, der Jahrzehnte marginalisiert wurde, endlich in die Kinos: erst der Film BLACKBOOK von 2006, 2008 DEFIANCE und 2009 die BASTERDS. Und drittens destruiert der Film die sogenannten Filmgenres Action, Krieg, Western und Komödie und versetzt die ethisch berechtigte Rache einer Frau in einen historischen Kontext. Das einzige Lied, das mir im Film fehlte, war Leonard Cohens REVENGE. Shosanna trägt das wunderschöne lange Rote für den Showdown, womit der französische Film denn auch getoppt wird. Danielle Darrieux, der junge Star der Dreißiger, schwebt assoziativ vorbei. Der neue französische Film über Französinnen in der Résistance LES FEMMES DE l‘OMBRE scheint im Film ins Pariser Kino zu gleiten. (Wieso läuft der nicht in Wien? Ach ja, natürlich, da werden ja auch diverse NS-Uniformträger von Frauen erschossen) KILL BILL wurde noch von einer zeitlos modernen Choreographie der Rache einer Frau bestimmt, in Tarantinos DEATH PROOF nahmen glorreiche Stuntwomen aus Hollywood den ultimativen Macho-Psychopathen und dessen Auto so elegant auseinander, dass man/ frau im Publikum sich rhythmisch im Hard-Rock-Café fühlen konnte und im Sitzen den Macho-Mörder mit zudonnerte. Spaß muss sein Mit dem glorious hilarious amüsant ironisch verblüffenden INGLOURIOUS BASTERDS führt Tarantino nicht allein PULP FICTION und JACKIE BROWN auf fiktional-historischem Niveau fort, sondern antwortet elegant mit visuell zum Teil blutigen Wort- und Bildwitz – wie der an die Vernichtung der IndianerInnen erinnernden Skalpierung auf die heutige Indienstnahme und Trivialisierung der Geschichte, des NS und der Shoah. Mit den BASTERDS verschiebt er solchen historischen Verflachungen wie ROSENSTRASSE, DIE FÄLSCHER oder OPERATION WALKÜRE in die Kategorie B: „gerade leidlich, aber schlecht“. Zwar siegt die visualisierte Ironie im Film über den Faschismus, doch damit es keine Missverständnisse gibt: wir sind nicht in Roberto Benignis platter Märchenstunde aus DAS LEBEN IST SCHÖN. Tarantinos INGLOURIOUS BASTERDS hat kein Happyend, weil es für die Shoah einfach kein Happyend geben kann. Shosanna wird von dem Wehrmachtshelden am Ende erschossen, nachdem sie diesen bereits tödlich getroffen hatte. Dennoch ist der Film nicht tragisch, er berührt Wirklichkeiten, löst sie filmisch ironisch auf, ein Historienspiel, in dem die Apokalypse endlich einmal die Täter trifft. Und die sollen ruhig ihr Hakenkreuz – mit einem Dolch eingraviert in die Stirn – weiter tragen – bloß die Welt soll es auch sehen: Cut! Siehe den Comic „HOW FAR IS TOO FAR?“ auf dieser Seite. Der Film zeigt uns ständig Bilder in den Bildern, Augenblicke werden zu Tiefenblicken, Ironie zu Wahrheit. Das Lachen bleibt nicht stecken, es befreit und löst Denken aus. Was wäre wenn? Damit wir nach dem Ende Hitlers nun aber mit kritischer Hoffnung auf den nächsten Tarantino warten, sei erwähnt, dass politisch Korrektes oder Antifa bestimmt nicht kommt. In Arbeit ist: FASTER, PUSSYCAT KILL KILL. Ja sicher, auch nicht neu. Aber was wird er daraus machen? online seit 07.10.2009 10:38:01 (Printausgabe 47) autorIn und feedback : Frank Stern |
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Die Krise des Buchs ist ein Mythos Interview mit Paula Bolyos und Jenny Unger zur feministischen Buchhandlung „ChickLit“, die Anfang 2012 im ersten Gemeindebezirk eröffnen wird. [31.01.2012,Gudrun Rath und Markus Griesser] There’s another way Mark Fisher untersucht Alternativen gegen Alternativlosigkeit [15.12.2011,Pascal Jurt] Die verkehrten Fotografien Folge I des neuen MALMOE-Mikrokrimis, ab jetzt in jeder Ausgabe. [06.12.2011,Andi Pavlic] die nächsten 3 Einträge ... |
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