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Geschichte(n) im Sub Lesbisches Leben im Wien der Nachkriegszeit Im Dokumentarfilm „verliebt, verzopft, verwegen – Geschichten lesbischer (Un)Sichtbarkeit im Wien der 50er und 60er Jahre“ erzählen drei Zeitzeuginnen von homosexueller Sozialisierung ohne Coming-out. MALMOE sprach mit den beiden Filmemacherinnen Katharina Lampert und Cordula Thym. Wie seid ihr zum Filmprojekt gekommen? Katharina Lampert: Ich habe auf der Akademie der bildenden Künste Wien mein Diplom gemacht und mich im Zuge dessen mit lesbischer Geschichtsschreibung auseinandergesetzt. Während der Bearbeitung bin ich draufgekommen, dass es eine Forschungslücke in den 1950er und -60er Jahren in Österreich gibt, die nicht aufgearbeitet ist. Heißt das, dass ihr am Anfang kein Material hattet, da es nichts über lesbisches Leben in Wien jener Zeit gab? KL: Ja, überhaupt nichts. Anfänglich trafen wir Historikerinnen, die sich mit lesbischer Geschichtsschreibung auseinandergesetzt hatten, dann mit den MacherInnen der Ausstellung „Geheimsache Leben“ (1), die gerade zur selben Zeit stattfand, als wir mit der Themenrecherche begannen. Wir waren auch im Stichwort und fingen dort an zu suchen. Cordula Thym: Selbst „Geheimsache Leben“, die von lesbisch-schwuler Geschichte in Wien handelt, hatte über die 50er und 60er Jahre so gut wie nichts. Die Ausstellungsmacherinnen waren, wie wir auch, mit dem Problem konfrontiert, dass kaum etwas zu dieser Zeitspanne aufzufinden war. KL: Es ging dann auch darum, für mich selbst Geschichte zu schreiben. Das heißt, wenn ich keine Geschichte habe, auf die ich zurückgreifen kann, keine lesbischen Vorbilder, dann muss ich selbst anfangen sie zu suchen. Ich habe damals auch keine lesbische Frau gekannt, die älter als 45 Jahre ist, und mich hat interessiert, wie lesbisches Altwerden aussieht oder aussehen kann. Wie und wann seid ihr dann fündig geworden? KL: Es hat viele, viele Jahre gedauert. Seitdem wir mit dem Projekt begonnen haben, sind jetzt ca. fünf Jahre vergangen. Wir haben während dieser Zeit drei Frauen gefunden, die bereit waren, bei unserem Film mitzumachen. Es war ein sehr langer Prozess. Wobei die dritte Frau auch erst vor einem halben Jahr dazugekommen ist. Und wie habt ihr die drei Protagonistinnen eures Films kennen gelernt? CT: Wir haben verschiedene Sachen unternommen, natürlich haben wir immer alle möglichen Leute gefragt und belästigt und versucht, über unsere Kontakte Leute zu erreichen, dann haben wir Anzeigen in diversen Medien geschaltet … KL: Von der Emma bis zur Bezirkszeitung. CT: Und eine haben wir dann tatsächlich auch durch eine Anzeige gefunden. Wieso war es eurer Meinung nach so schwierig, heute Lesben aus jener Zeit zu finden? CT: Naja, weil die meisten Frauen aus dieser Zeit heute nach wie vor im Closet sind. Sie sind zumeist immer noch nicht geoutet oder wenn, dann nur im engsten FreundInnenkreis – und wollen damit nicht an die Öffentlichkeit gehen. KL: Dafür gibt es die verschiedensten Gründe, von „zu berühmt“ bis „zu einsam“, die ganze Bandbreite. Wir haben z.B. eine Frau kennen gelernt, die meinte, sie hätte sich schon interviewen lassen, aber sie wäre dafür einfach zu einsam und depressiv, und wenn sie jetzt eine Beziehung hätte, dann könnte sie eher damit nach außen gehen, aber so sei es ein wahnsinniger Kraftakt für sie, das öffentlich zu machen. Da spielt die juristische Situation eine entscheidende Rolle, also dass Homosexualität bis 1972 in Österreich verboten war. Das macht einfach einen Unterschied in der Frage, wie es für die Frauen, für die das so lange ein Verbot war, möglich ist, sich heute zu outen. Später, 1971, wurde das Verbot zwar aufgehoben, dafür kamen aber zehn andere Verbote dazu, wie z.B. das Vereinsverbot, Werbeverbot etc., und bei den Männern auch noch andere – insofern wurde nur ein Teil aufgehoben. Der Vollzug wurde quasi erlaubt, aber der Rest wiederum verboten. Das Vereinsverbot wurde erst ziemlich spät aufgehoben, auch wenn dann die Dinge schon geduldet wurden … Welche Orte lesbischen Lebens gab es denn in den 50er und 60er Jahren in Wien? KL: Orte nur für Frauen gab es gar keine. Das Erste war das Frauencafé, in den 80er Jahren. Davor gab es diese schwul-lesbisch gemischten Lokale wie den SUB, die sich mit der ZuhälterInnen-Szene vermischten. Wenn wir heute mit Frauen telefonieren, dann fragen die uns immer, „Und, gibt‘s den SUB eigentlich noch?“. Seht ihr euch selbst in einer gewissen politischen Verantwortung, um einerseits repressive Kontinuitäten zu kontextualisieren, andererseits Geschichten Platz zu geben, die damals noch viel schwieriger bis unmöglich zu erzählen waren? KL: Ja sicher, die politische Verantwortung steckt als Grundvoraussetzung in der Arbeit. Aber ich finde auch, dass die Frauen eine Verantwortung uns gegenüber haben, im Film mitzumachen, uns ihre Geschichten zu erzählen und Geschichte zu schreiben. Das geht also auch in die andere Richtung. CT: Die Verantwortung ist auf jeden Fall auch beim Machen des Films entstanden, also auch den Protagonistinnen gegenüber, weil wir uns ihnen gegenüber verantwortlich fühlen, nicht nur den Film zu machen, sondern ihn auch gut zu machen und zu würdigen, dass sie uns von sich erzählt haben. Ihr habt jetzt erwähnt, dass ihr auch bei den Lesben aus der Zeit eine Verantwortung seht, der nicht gerade viele nachgekommen sind … KL: Als wir die Leute anriefen und die dann meinten, nein, wir machen jetzt doch nicht mit, keine Lust, dachte ich mir, dass die überhaupt nicht die Verantwortung unserer Generation gegenüber sehen. Dass es nämlich total wichtig ist, diese Geschichten auszutauschen und Vorbilder zu haben, dass es wichtig ist zu sehen, dass es Konzepte und Ideen gibt, und dass wir mit dem Film versuchen, Geschichte zu schreiben, die bislang nur im Privaten existierte. Wenn diese Frauen nicht mehr leben, dann ist diese Möglichkeit vorbei, dann gibt‘s eben nichts mehr. Hattet ihr das Gefühl, dass auch außerhalb eures Bezugrahmens die von euch ausgedrückte Notwendigkeit des Themas als solche wahrgenommen wurde? CT: Wir haben immer sehr viel Unterstützung bekommen, die meisten Leute waren sehr hilfsbreit und haben versucht Kontakte herzustellen. Das Interessante war aber, dass gerade einige ältere, lesbische und/oder feministische, politisch engagierte Frauen zum Teil sehr auf ihren Informationen gehockt sind. Also nicht Personen aus der Generation, die wir im Film verhandeln, sondern jüngere. Ich glaube, da gibt‘s eine totale Angst und Skepsis uns gegenüber – so als kämen da jetzt zwei junge Frauen daher und wollten eine Arbeit machen, die sie eh schon seit hunderttausend Jahren machen. So als würden wir ihnen irgendwas wegnehmen. Wie habt ihr den Film finanziert bzw. euer eigenes Leben während der Produktion? Wie lassen sich Projekte dieser Art überhaupt finanzieren? KL: Wir haben wahnsinnig wenig Geld gekriegt. CT: Deswegen hat das ganze ja auch solange gedauert – natürlich auch, weil wir keine Frauen gefunden haben, aber die Zeiten, an denen wir konzentriert an dem Film arbeiten konnten, waren eben auch sehr eingeschränkt, da wir nebenbei lohnarbeiten mussten und wir uns nicht über die Fördergelder finanzieren konnten. Aber eben auch, weil wir den Film nicht über eine Produktionsfirma haben laufen lassen, dann hätten wir größere Filmförderungen beantragen können. Aber wir wollten den Film eben so gut wie gar nicht aus der Hand geben. KL: Da gehen sich dann eben keine Honorar für uns aus. Was erhofft ihr euch vom Film, wohin soll er gehen? KL: Ich hab den Film sicher nicht ausschließlich für ein lesbisches Publikum gemacht. Das fände ich schade, wenn er nur in diesem Kontext vorkommen würde. Unser Anliegen war schon eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. CT: Ich bin mir halt nicht sicher, ob die „breitere“ Öffentlichkeit den Film dann sehen wird, aber z.B. meine Eltern kommen zur Filmpremiere, und das wird sicher spannend, weil sie die gleiche Generation sind, aber eben ein komplett anderes Leben geführt haben. Ich denke, dass der Film dann auch für sie etwas Neues eröffnen könnte. Ansonsten glaub ich schon, dass der Film z.B. für junge Lesben sehr bestärkend sein kann, weil die Frauen einfach so cool sind und zeigen, dass man sehr gut lesbisch alt werden kann ... KL: Man bekommt sogar Lust drauf! Eben das wollte ich auch gerade sagen: Ihr habt ja schon einen „Propaganda“- Film gemacht … deine Eltern werden sich danach trennen, das steht fest! CT: Ja, meine Mutter wird dann Lesbe. „verliebt, verzopft, verwegen – Geschichten lesbischer (Un)Sichtbarkeit im Wien der 50er und 60er Jahre“ feiert am 10. Juni 2009 seine Premiere beim identities Queer Film Festival in Wien. online seit 04.06.2009 11:21:28 (Printausgabe 46) autorIn und feedback : Interview: Moira Hille Links zum Artikel:
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Die Krise des Buchs ist ein Mythos Interview mit Paula Bolyos und Jenny Unger zur feministischen Buchhandlung „ChickLit“, die Anfang 2012 im ersten Gemeindebezirk eröffnen wird. [31.01.2012,Gudrun Rath und Markus Griesser] There’s another way Mark Fisher untersucht Alternativen gegen Alternativlosigkeit [15.12.2011,Pascal Jurt] Die verkehrten Fotografien Folge I des neuen MALMOE-Mikrokrimis, ab jetzt in jeder Ausgabe. [06.12.2011,Andi Pavlic] die nächsten 3 Einträge ... |
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