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Geimpfte Bilder Subjektpolitik bei der Viennale Die Viennale 08 zeigt eine Reihe von Filmen, die sich jenseits von Subjektpolitik positionieren. Ein Tribute ist John Gianvito gewidmet, dessen Arbeiten immer auch von der Suche nach Vermittlungsstrategien selbst handeln. Als der Sklavenbesitzer einen schweren Metallgegenstand nach einem Sklaven werfen wollte, traf er eine junge schwarze Frau am Kopf. Sie erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, überlebte aber. Später entwickelte Harriet Tubman Visionen und rege politische Tätigkeiten. Sie befreite Sklaven, gründete Netzwerke. Aus der kleinen Episode in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts in Maryland, einem der 13 Gründungsstaaten der USA, wurde so Geschichte. Geschichte von unten, wie sie Howard Zinn im bahn brechenden Werk „ A People's History of the United States“ beschrieben hat. Harriet Tubman starb 1913, sie hatte während ihrer Aktivitäten in den New England Staaten als Abolitionistin (setzten sich für die Abschaffung der Sklaverei ein) und Frauenrechtlerin mehrmals ihr Leben riskiert. In John Gianvitos Dokumentarfilm „Profit Motive and the Whispering Wind“ (2007) ist ihr Grabstein zu sehen. Gianvito, dem die Viennale ’08 ein Tribute widmet, zeigt in seinem Film viele Grabsteine, Erinnerungstafeln, Statuetten – periphere Wegmarken der Geschichte. Überall im Land hat er sie aufgesucht, um Howard Zinns Buch zu „verfilmen“. Gianvito wollte aber keine Geschichtsstunde abhalten. Ihn interessiert, wie insgesamt in seinen späten Filmen, wie Geschichte produktiv gemacht werden kann. Wie Publikum angesprochen, eine Idee vergegenwärtigt und das Bild politisch geimpft werden kann. Durch die Inszenierung und Replizierung historischer Begebenheiten, zu diesem Schluss kam Gianvito, jedenfalls nicht. Also lässt er das Publikum in „Profite Motive and the Whispering Wind“ allein mit all den Gedenkzeichen gesellschaftlicher Kämpfe, liefert keinen Kommentar und keine Erklärung. Gianvitos Idee: Geschichte nicht konsumierbar zu machen, sondern Ideenträger durch ein über den Film hinausgehendes Interesse in die Gesellschaft zu tragen. Mit Erzählungen wie dieser hier. Seinem Projekt stellt der US-amerikanische Filmtheorie-Professor das Postulat voran: „The long memory is the most radical idea in America." Der Film wird sich dementsprechend am Ende einen radikalen ästhetischen Bruch erlauben und dann gleich selbst den Anfang machen. Gianvitos Filme stehen paradigmatisch für die Frage, wie Film jenseits individualisierter, subjektivierter Vermittlungsformen wirksam werden kann. Auch in seinem 170minütigen aus „rage and despair“ (Gianvito) geborenen epischen Irak-Kriegs-Kommentar „The Mad Songs of Fernanda Hussein“ stellt er narrative Strategien zugunsten struktureller Entblößungen zurück. Der Film erzählt von einer Gesellschaft, deren Kriegsgeheul auf unmerkliche Weise den Krieg aus Kuwait und Irak (1991) in ihre eigene Mitte einsickern lässt. Der Film bietet einen Blick von außen, der dennoch von innen kommt. Drei gesellschaftlich durch unterschiedliche Erfahrungen und Positionierungen marginalisierte Figuren liefern nicht narrative Zuspitzungen, sondern entblößende Perspektiven. Die theoretischen Überlegungen solcher filmischer Positionen lassen sich auch bei anderen, vor allem den zahlreich vertretenen dokumentarischen Arbeiten der Viennale erkennen. „The Order of Myths“ rollt anhand von Interviews und vielsagender Situationen die Ordnung hinter dem Mythus auf. Mardi Gras, als traditionsreiche, frivole Faschingsveranstaltung vor allem aus New Orleans bekannt, wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Mobile, einer Stadt im Norden Floridas ins Leben gerufen. Der Rassismus, die Segregation, der Argwohn und die Ressentiments, die im Mobile des 21. Jahrhunderts großteils unter dem Mantel demokratischer Gesetze zugedeckt sind, tauchen im überlieferten Modus von Mardi Gras wieder auf. Die Filmemacherin Margaret Brown rollt in ihrem Film nicht Biographien sondern eine politische Matrix auf, die sich auch andernorts verwenden ließe. Dass Menschen durch Flucht praktisch alle ihre Sicherheiten verlieren, ist bekannt, wenn auch weder als Gefühl noch als geliehene (medialisierte) Erfahrung nachvollziehbar. Jenseits der Frage subjektiver Situationen und Erfahrungen interessiert sich der Schweizer Dokumentarfilmer Fernand Melgar in „La forteresse“ aber nicht für das „Schicksal“ von AsylwerberInnen, sondern für die Verhältnisse, die ihre Situation ein zweitesmal dramatisieren. Melgar setzte die Mechanik des „Empfangszentrums“ von Vallore, einer Gemeinde im französischen Teil der Schweiz, zentral und lässt das Publikum beobachten, wie die Zahnräder der Asyl-Maschine ineinander greifen. Registration, Kontrolle, Selektion heisst es da, und es wird deutlich, wie schlecht diese Hebel sich für die Erfassung der Realität eignen. Überhaupt haben sich die intensivierende globale Flucht- und Migrationsbewegungen – nicht jede/r darf wie Anna Netrebko neben der russischen auch die österreichische Staatsbürgerschaft annehmen, um mit der dadurch gewonnenen Reisefreiheit eigene berufliche Ambitionen einlösen zu können – im aktuellen Filmschaffen niedergeschlagen. Neben „La fortesse“ wird bei der Viennale auch Arash T. Riahis „Ein Augenblick Freiheit“ zu sehen sein. Er handelt, autobiographisch gefärbt, von der Flucht dreier Familien aus dem Iran in den Westen. Auch wenn nicht alle ProtagonistInnen es nach Österreich schaffen, macht Arash deutlich, wie nicht nur Flucht, sondern vor allem auch das Warten unter repressiven Bedingungen den Menschen zurichten kann. Von der Subjektpolitik zurück zu jener dichter Sinngewebe führt Terence Davis, britischer Filmemacher mit Hang zum Essayismus, in „Of Time and the City“. Ein Stadtportrait von Liverpool, in dem sich eigene Erinnerung und Erfahrung zu einer psychogeographischen Skyline auftürmen. Wie bei Gianvito mutiert hier individuelle Reflexion – in einer Bild-Ton-Schere sind fragmentarische, dem Autor nicht immer zuordenbare Kommentare zu vernehmen – zur dichten Beschreibung. Neben Davis Versuch, Liverpool gedächtnispolitisch (und soundmäßig bunt) auf seine Weise aufzuladen, gibt es auf der Viennale noch eine weitere Annäherung an einen vielfach beschriebenen urbanen Ort. Ein Monat lang zeigt das Filmmuseum, wie Los Angeles zum schillernden Kristall wurde. Von vielen Seiten angeschliffen, in selten oder nie gesehenen Kurzfilmen bizarr leuchtend, versucht die Filmauswahl, am Ende kein überbelichtetes, ineinanderfallendes Bild, sondern farbige Fragmente zu erzeugen. online seit 07.10.2008 13:56:12 (Printausgabe 43) autorIn und feedback : Gunnar Landsgesell |
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