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Hauptsache, die Statistik stimmt Die Fernsehserie „The Wire“ analysiert das städtische Leben im Spätkapitalismus Schon Anfang der 80er Jahre wurde von sozialwissenschaftlicher Seite versucht, dem so genannten „Ende der Arbeitsgesellschaft“ neue Konzepte entgegenzustellen. Der Soziologe Ralf Dahrendorf beispielsweise schlug vor, der Krise der Arbeit mit der Schaffung neuer Arbeit entgegenzutreten. Dies wollte er insbesondere deshalb, da er Arbeit als eine unentbehrliche Disziplinierungs- und Organisations- Methode betrachtete. Gut 20 Jahre später gehen Untersuchungen davon aus, dass ungefähr 20% der Bevölkerung ausreichen würden, um die erforderlichen Güter und Dienstleistungen herzustellen. Wenn Arbeit im allgemeinem also nicht mehr die Rolle als Herrschaftsinstrument und Kitt der Gesellschaft ausüben kann, dann kommt den Institutionen und der Normalisierungsarbeit – beispielsweise Schule und Polizei – eine besondere Rolle zu. Genau um diese Themen geht es in der HBOFernsehserie „The Wire“, die in diesem Jahr mit ihrer fünften und letzten Staffel abgeschlossen wurde. Neben dem Arbeitsalltag von Polizist_innen und Gangster_innen, werden in jeder Staffel andere unterschiedliche Institutionen (Staatsanwaltschaft, Gefängnis, Schule, Gewerkschaft) – samt ihrer Zwänge – analysiert. Einer der Hauptanliegen dieser Serie ist, aufzuzeigen, dass nicht der Drogenhandel das Problem ist, sondern er nur eine Manifestation des eigentlichen Problems ist: des rohen Kapitalismus. So gesehen ist auch der ausgerufene „Krieg gegen Drogen“ nichts weiter als ein wirkungsloser Versuch der sozialen Kontrolle. Das Setting – die Hafenstadt Baltimore – ist in diesem Sinne ein sehr anschauliches Beispiel. Nach der Boomzeit in den 70er Jahren und einer Verlagerung von Industriestandorten und einer zunehmenden Automatisierung ist Baltimore auch einer jener schrumpfenden Städte ohne Zukunftsperspektiven geworden. Der ehemalige größte Einwanderungshafen der USA hat gegenwärtig zehn Prozent Drogenabhängige und die Mordrate ist viermal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. David Simon – ehemaliger Reporter – und Ed Burns – Ex-Mordkommissar – haben sich, in der von ihnen entworfenen Serie, sehr stark an einer realistischen Darstellung orientiert, ohne dabei ein einfaches gut-böse Schemata zu nutzen. Es gibt zwar mehr oder weniger sympathische Figuren: Aber im Grunde – egal ob Polizist_in oder Gangster_in – alle handeln nur aus Eigeninteresse. So ist den Angestellten im Mordkommissariat nicht wichtig, Fälle zu lösen, sondern vielmehr schwarze Zahlen der gelösten Fälle zu schreiben. Mit welchen Mitteln dies geschieht ist so gut wie egal, Hauptsache das Jahres-Soll vom Vorjahr wird nicht unterschritten. An anderer Stelle sehen wir beispielsweise einen der Drogenhändlerchefs, der auf dem zweiten Bildungsweg BWL studiert, und seine Angestellten mit Unterrichtseinheiten, die eher an einen mittelständischen Betrieb erinnern, nervt. Oder der Chef der Hafengewerkschaft deckt illegale Geschäfte, um damit die Gewerkschaftskasse aufzubessern, um damit Politiker_ innen zu bestechen, die dann für den Erhalt des Hafens, sprich Arbeitsplätze, einstehen sollen. „The Wire“ verschiebt den gängigen Fokus medialer Gangster_innen-Bilder und ermöglicht eine Betrachtung der Figuren als Angestellte eines nichtlegalen, jedoch nach spätkapitalistischen Logiken funktionierenden Unternehmens: Es gibt keine negativ oder positiv besetzten Outsider-Projektionsflächen, vielmehr sehen wir die Welt des Verbrechens als einen Teil unserer Marktwirtschaft. Die alltägliche Sicherung des Lebensunterhalts wird dabei mit Hilfe von Drogenhandel, Raub und Mord bewerkstelligt. Die Verschiebung weg von dem Blick – guter Cop trifft bösen Gangster – findet sich auch in der ästhetischen Ausdrucksform wieder. Es gibt etwa 25 gleich wichtige Figuren und dann noch 50 Nebenfiguren. Die verschiedenen Personen halten sich in unterschiedlichen Milieus mit eigenen Regeln und Codes auf. Diese verschiedenen Erzählstränge und Personen bekommen durch den Schnitt eine gleichberechtigte Position. So wird das Leben eines schwulen Junkies gleichbedeutend mit dem des Bürgermeisters. Und hieran lässt sich dann trotz der abgeklärten Materialismusanalyse doch noch so was wie ein aufklärerisches Grundstatment erkennen. Ein Grundstatment aber, das kein machtpolitisches Außen kennt. Ein häufig vorkommender Satz in „The Wire“ ist auch: „It’s all in the game.“ online seit 05.10.2008 08:19:26 (Printausgabe 42) autorIn und feedback : Erk Schilder |
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