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  Vom Funeral Home ins Fun Home

Besuch im Neurosengärtlein der amerikanischen Comiczeichnerin Alison Bechdel

Machen sich soziale Randgruppen erst einmal auf den Weg zu sich selbst, wird der Umweg übers Ödipale zumeist vermieden. Biographische Bedingtheiten und familiale Prägungen werden dort oftmals verschwiegen, wo die Geschichte eines Szene-Kollektivs auch die Biographie einzelner Individuen beherrscht. Bis vor kurzem war die amerikanische Comiczeichnerin Alison Bechdel für ihre chronikartigen Zeichnungen aus der New Yorker Lesben- und Schwulenszene bekannt, die in der Reihe „Dykes to watch out for“ in gebundener Form erschienen sind. Mit ihrem 240 Seiten umfassenden Werk „Fun Home. Eine Familie von Gezeichneten“ legt Bechdel nun ihre erste autobiographische Graphic Novel vor, in der auch das Raum zur Darstellung findet, was in die queere Kollektivgeschichte niemals gänzlich Eingang finden konnte.

Odysseus interruptus – eine invertierte Erzählung

Anders als in der klassischen Abenteuer-Erzählung, die filmgeschichtlich mit der Überwindung des amerikanischen „Frontiers“ begann und im Wilden Westen endete, ist es nicht der von Zivilisierung und Selbstdisziplinierung handelnde Odysseus-Mythos, der das dem Buch ,Fun Home‘ zugrundeliegende Erzählmuster bildet. Auch nach dem Freudschen Ödipus in der Geschicht’ wird man vergeblich suchen. Bei Alison Bechdel gibt es keinen männlichen Helden und auch keine Mutter bzw. Frau zu dem der Vielgereiste am Ende zurückkehrt. Ihre Familiengeschichte bezeichnet die amerikanische Zeichnerin hellsichtig als „invertierte Er-zählung“: Es ist keine abwesende Mutter, sondern vielmehr das Fehlen des Vaters, der die Story initiiert. Im Alter von 43 Jahren angeblich durch einen Autounfall zu Tode gekommen, erinnert sich Alison Bechdel in ,Fun Home‘ an ihren Vater Bruce A. Bechdel. Je mehr Facetten seiner Persönlichkeit die Erzählerin freilegt, desto unwahrscheinlicher erscheint die angenommene Todesursache. Alison kann nicht länger glauben, dass das Auftauchen einer Schlange beim Überqueren der Strasse den Vater einen heranrollendenden LKW übersehen hat lassen.

Homo -Heim und heterosexuelles Unzuhause

Minimal ist der Aufruhr, den das Outing der Autorin in familiären Gefilden erzeugt. Im Alter von 19 Jahren offenbart Alison Bechdel ihren Eltern auf postalischen Weg, dass sie lesbisch ist. Selbst wenn diese der Tochter nahelegen, sich „alle Optionen offenzulegen“ (S. 217) bringen Mutter und Vater für die als vorübergehende Verwirrung der Sinne apostrophierte Entscheidung Verständnis auf. In einem Brief an die Tochter verrät der Vater jedoch ein wenig mehr, als Alison sich erwartet hat. Ab diesem Zeitpunkt beschleicht die Erzählerin eine Vermutung: Papa ist homosexuell. Im Gegensatz zur Tochter, die ihre sexuelle Neigung auslebt, verheimlicht der Vater diese jedoch vor Familie und Freunden. Der Druck, den die Lüge schafft, legt sich so sehr aufs Leben, dass Bruce Bechdel in der literarischen Welt nach Fluchtmöglichkeiten sucht.

Spiel-Elemente

Die Graphic Novel ,Fun Home‘ wäre ohne die Kenntnis literarisches Anspielungen unlesbar. Zitate und literarische Querverweise aus Marcel Prousts „Recherche“, Fitzgeralds „Großer Gatsby“ und Joyces „Ulysses“ fungieren als Namensgeber für die einzelnen Kapitel. Diese strukturieren die biographische Erzählung nicht nur, sondern fiktionalisieren das Geschehen im selben Atemzug. Dass es der imaginäre Ort inmitten der Bücher ist, an dem Alison ihre eigene Geschichte sowie die ihres Vaters platziert, hat neben dem postmodernen Spaß am Spiel mit dem Leser noch einen weiteren Grund: Indem man sie zur literarischen Erfahrung stilisiert, können Trauer und Melancholie mit intellektuellen Mittel auf Distanz gebracht werden. Kein anderes Medium als der Comic bietet mehr Möglichkeiten um die familiäre Tragödie lachend zu überzeichnen. Dieses Lachen ist nur der erste Schritt in Richtung Katharsis!



Alison Bechdel: Fun Home. Eine Familie von Gezeichneten. Deutsch von Sabine Küchler und Denis Scheck. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2008


online seit 03.10.2008 12:37:53 (Printausgabe 42)
autorIn und feedback : Barbara Eder




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