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  Wittgenstein mit grünen Männchen

Einblicke in Leben und Werk Derek Jarmans


EIN FLÜCHTIGER BLICK auf die biographischen Daten des britischen Avantgarde-Filmemachers Derek Jarman hinterläßt den Eindruck, als ob hier ein Leben zu früh zu Ende gegangen ist. Jarman, 1942 als Sohn eines Marine-Offiziers der Royal Air Force in Middlesex, England, geboren, verstarb 1994 im Alter von 52 Jahren an AIDS. Vierzehn Jahre später widmet sein Freund und Kollege Isaac Julien dem Künstler eine Werkschau, die im Sommer in der Kunsthalle Wien zu sehen war. In drei der vier Ausstellungsräume sind, anders als erwartbar, keine klassischen Tafelbilder des gelernten Malers angebracht, sondern deren bewegte Pendants.

Ohne die Dokumentation Derek bliebe den AusstellungsbesucherInnen vermutliches vieles unzugänglich, was in der Ausstellung Brutal Beauty an artistisch verarbeiteter Gesellschafts-kritik vorhanden ist. Derek ist ein filmisches Portrait, das sich dem britischen Künstler in klassischer Machart annähert. Neben wackeligen Super-8 Aufnahmen aus dem bürgerlichen Familienhaushalt der Jarmans und Ausschnitten aus den späteren Filmen des Künstlers beherbergt Derek historische Filmaufnahmen aus dem England der 60er, 70er und 80er Jahre. Biographie wird hier nicht ohne zeitgeschichtlichen Rahmen erzählt: Hippies, Punk, Berg-arbeiterInnenstreik; Thatcherismus, AIDS-Krise, die Einführung des „Homosexuellen-paragraph“ 28 zum Verbot der Verbreitung homosexueller Materialien- das sind die historischen Rahmenbedingungen, die unabdingbar mit Jarmans Schaffen verbunden sind. Zwischen den Einblendungen schleicht Jarmans Lieblingsschauspielerin Tilda Swinton monologisierend durch die Stahl- und Nieroster-Fassaden des heutigen London. Gleich zu Beginn des Films passiert sie den Grabstein Jarmans, gegen Ende betritt sie seinen Garten. Es ist kein englischer Garten, den die BetrachterInnen hier sehen: Stein, Treibholz, Rostobjekte- das sind die Utensilien, die nebst einem Fischerhaus Derek Jarmans Grundstück in Dungess zieren, auf das er sich mit Beginn seiner AIDS-Erkrankung im Jahr 1986 zurückgezogen hatte. Dungess ist ein Garten der Toten. Gleich daneben befindet sich ein Kernkraftwerk.

Durch das mehrfache Umkopieren des billigen Super-8 Materials, auf dem Jarman seine Filme mehrheitlich produzierte, entstanden mitunter grelle Farbeffekte, die insbesondere in Jarmans 1987 gedrehtem Film The Last of England stark zutage treten. In Nähe der Docks von London und Liverpool aufgenommen, ist The Last of England die Antwort auf den Einbruch des Thatcherismus. Die Lahmlegung des intellektuellen Lebens manifestiert sich in Bildern des Todestriebs. Der Widerstand der Hinterbliebenen wird radikaler: Ästhetisch und inhaltlich den Bildern aus Kenneth Angers Lucifer Rising nicht unähnlich, haben in einer Schlüsselszene in The Last of England zwei Männer in schwarzer Uniform inmitten der englischen Fahne Sex. Vorbei ist die Zeit, in denen Jarman in The Angelic Conversation (1985) kopulierende Jünglinge in unbedarfter Natur zeigte. The Last of England trägt den deutschen Untertitel ,Verlorene Utopien’ und ist in ästhetischer und narrativer Hinsicht diesem Verlust nachempfunden.

Caravaggio 1986, Wittgenstein 1993- Es war kein künstlerischer Narzißmus, der die Hinwendung Jarmans zum filmischen Künstlerportrait erklärt. In Caravaggio entwirft der Filmer ein Bild des Künstlers als armen, schwulen Jüngling, der aus einer Prostituierten ein Renaissancegemälde macht und aus seinem Liebhaber einen Fürsten, Wittgenstein zeigt den Wiener Philosophen als Opfer jener Zwänge, die seine logischen Konstruktionen ihm auferlegt haben. Zwischendurch tauchen grüne Männchen mit langen Tentakeln auf, die dem hochbegabten Einzelkind heimlich Gesellschaft leisten- sie geben dezente Hinweise auf Wittgenstein Homosexualität, die vom Gros seiner BiographInnen gerne verschwiegen wird. Worüber man nicht sprechen kann, darüber sollte man doch eigentlich Filme machen: Bei Derek Jarman haben die grünen Männchen den Rest der Wittgensteinschen Wahrheit trefflich ausgedrückt.



online seit 03.10.2008 12:37:56 (Printausgabe 43)
autorIn und feedback : Barbara Eder




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