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  Filmbilder: Israel als Dispositiv

Das Filmarchiv Austria zeigte eine rare und klug kuratierte Filmschau, in der weniger die Nation Israel als Bilder sozialer und kultureller Verflechtungen gesucht wurden.

Draußen: menschenleere Straßen, die Massenpsychose erreicht im beflaggten Wien ihren Höhepunkt: Völkerschlacht gegen Deutschland, ORF-Quote 2,2 Mio. Zuseher/innen. Es tönt: „Immer wieder Österreich!“, auch in der FM4-Ballesterer-Lounge im WUK. Zwischen Willen und Unvermögen am Grünen Rasen spielt man Nation. Der Patriotismus der Fähnchen signalisiert viel Konsumismus.

Drinnen, im gut besuchten Metro Kino: ein Dokumentarfilm aus Israel. Zwei junge Musiker erzählen über ihr Erwachsenwerden als zweite Generation, als Kinder der Shoa-Überlebenden. Kam der eine mit schlechten Noten nach Hause, meinte seine Mutter: Dafür habe ich Auschwitz überlebt? „Because of that War“ / „B’glal hamilhamah hahi“ (Orna Ben-Dor Niv, 1988) stellt Fragen nach den Konditionen des Privaten, die in Israel bis heute eng mit dem Begriff der Staatsraison verflochten sind. Wie sich jedoch jenseits der Doktrin die Idee des Politischen in der israelischen Gesellschaft verändert hat, von einem ideologischen Konsens hin zu einem identitären, tausendfachen Widerstreit, zeigte die Filmschau des Filmarchiv Austria „Made in Israel“. Frank Stern hat anlässlich der 60jährigen Staatsgründung Israels ein rares Programm zusammengestellt, das weniger als Archäologie der Bilder denn als Dispositiv funktioniert.

Dabei geht es nicht um die Frage, was Israel letztlich als ideelles Gebilde ausmacht oder welche konsensualen Bilder es unter Mühen auszuverhandeln sucht, sondern wie sich Beobachtungen der „kleinen Form“ produktiv zu einander setzen lassen. Stern sucht dabei (das mag sicherlich auch dem Publikum des Filmarchivs geschuldet sein) nicht die „großen“ diskursiven Entwürfe etwa eines Dokumentarfilmers wie Avi Mograbi, die – wie in „How I Learned to Overcome my Fear and Love Arik Sharon“ (1997) – auch als Generalangriffe auf das eigene Selbstverständnis schon mal gründlich zu scheitern drohen. Stern sucht sich vielmehr Identitätsschnipsel und Sinnangebote aus einem Kino des Bewährten, die er über die Jahrzehnte zu Vignetten des Sozialen und Kulturellen einer Gesellschaft montiert.

Selten funktionieren dann Werke wie Amos Gitais „Free Zone“ (2005, der erste israelische Film, der in Jordanien gefilmt wurde) geschlossen für sich. Der Film überblendet – auch als visuelles Verfahren – biographische Splitter dreier Frauen mit am Auto vorbeiziehenden Landschaften, die aus hegemonialer Sicht für das Fremde, den Gegner stehen. „Made in Israel“ sucht erst durch das Inbeziehung-Setzen möglicher Mikrobeobachtungen wie von „Eis am Stil“ / „Eskimo limon“ (Boaz Davidson, 1978) mit anderen Filmen dieser Zeit seine Maschen im Netz dieser Identitätsgeschichte zu stricken. Der Rückbezug auf Europa oder sogar den deutschsprachigen Raum wird darin, aber auch in der Filmauswahl selbst deutlich, die sich weit stärker an einem regionalen Realismus als an einer expressionistischen bis surrealen Schule abarbeitet. Palästinenser/innen treten erst in den 80er Jahren mit dem Aufkeimen der ersten Intifada und nach bereits langer Besetzungspolitik als Subjekte in Erscheinung, die mit Fragen der eigenen Identität nun weit stärker verwoben sind als auf der theoretischen Ebene des frühen zionistischen Films. Doch selbst in Filmen wie „Beaufort“ / „Bufor“ (2007) über den fundamentalen Zweifel von Soldaten an ihrem Libanon- Kriegseinsatz bleibt die profane Frage nach der Nation in dieser klugen Filmschau zugunsten jener nach der persönlichen Wahrnehmung ausgespart.


online seit 06.08.2008 11:03:48 (Printausgabe 42)
autorIn und feedback : Gunnar Landsgesell




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