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White Cube Riot Zur Ausstellung "Punk. No One Is Innocent" in der Kunsthalle Wien "Ausgeflippter gehts nicht!" heißt es in einem der Punk-Exponate in der Kunsthalle, einem Artikel der Jugendpostille Bravo, der sich schon früh (ca. Winter '76/77) anhand der Sex Pistols neuen Londoner Jugendtextilien – Sicherheitsnadeln, zerrissenen Sakkos etc. – widmete. Über das Hemd des Gitarristen heißt es da: "Uralte Bilder und Embleme werden aufs Hemd geklebt." Groß im Bild dazu die Klebeapplikation: ein Porträtfoto des uralten Karl Marx, darüber – damals noch nicht so alt – ein Nazi-Reichsadler, mit für den Bravo-Abdruck ausgepixeltem Hakenkreuz. Die Modebilddetails entstammen einem Schwarzweiß-Bandfoto, das Bravo damals auch als A1-Faltposter feilbot. Anno 1991 diente das Poster, samt Bravo-Logo und Kugelschreiber-Schmieragen, als Cover des Punk- und Pistols-Wälzers England´s Dreaming von Jon Savage (aus dessen einschlägiger Drucksortensammlung die Kunsthalle einiges zeigt). Das Bild lässt sich also zur vertrauten Erfolgsstory der Überschreibungen, Transfers und Aneignungen entfalten; die entschärfte Wiedergabe der Nazi-Insignie und die Titulierung ihrer Kombination mit Marx als "uralte Bilder" ist darin als Chiffre für einen Gestus der Wiener Punk-Ausstellung lesbar, der eben darauf hinausläuft, dass alles mit allem verknüpfbar ist und alles, zumal uralte Bilder, irgendwo hin verweist: zu Fashion Design und Industrial, Malerei und Installationskunst, eher wenig auf Musik. Punk zeigt sich da als postsituationistische Bastelstunde und Brauchtum abweichenden Gebrauchs. Das mag "richtig" sein; die Perspektive allerdings, in der Punk – ähnlich wie "68" im Lifestyle-Herkunftsmythos – als Avantgarde von Flexibilisierung, entgrenzter Kulturalisierung und identitätstherapeutischer Rebellenwellness erscheint, ist bestreitbar. "No One Is Innocent", die Byline des Ausstellungstitels (entlehnt einem öden Song der 1978 mit Posträuber Biggs kooperierenden Sex Pistols-Reste), legt den Akzent auf eine demystifizierende, aber auch billig-nihilistische, bei Malcolm McLaren vorexerzierte Pointe: Niemand ist unschuldig, alle sind verstrickt ins Perfektionieren von Profitökonomie und Schaffenspflicht; alles kann Ware werden oder Kunst oder beides zugleich, eh schon wissen. Die Ausstellung gliedert sich nach drei Kunstmetropolen: New York (u.a. mit Mapplethorpe-Fotos von Patti Smith), Berlin (u.a. mit Percussion-Schrein der Einstürzenden Neubauten), London. Letzteres ist fokusiert auf die Sex Pistols, die wiederum sind aufbereitet als Corporate Identity für Textil- und Medienevent-Design. Punk-Standort London, radikal kreativ. Was aber ist mit dem Engagement von Punkbands bei Rock Against Racism oder mit der (projektiven) Empfänglichkeit von Punk für Sounds und Haltungen schwarzer MigrantInnen (die "Punky Reggae Party" und der im Clash-Song "White Riot" ausagierte Krawallgebärneid)? Klar kann die Ausstellung nicht alle Allianzen inventarisieren, aber ihr Visual-Art-Fokus gibt ein hartes Ausschlusskriterium vor. Was die zur Kunst-Immanenz verästelte Allverknüpfungsseligkeit kaum nachzuvollziehen erlaubt, ist die – oft genug sektiererisch-nervige – Politisierung von Punk-Biotopen im Modus strikter "Gegen"-Positionierungen, von Negation, die selbstverausgabend-diffus, aber auch bestimmt ausfallen konnte, von "Hardcore"-Formationen, die sich von "Verrätern" und "Sellouts" absetzten, von folkloristischen bis pointierten Feindbild-Kultivierungen gegenüber Regierungen neokonservativer oder sozi-paternalistischer Art. "In Zeiten wie diesen: Leckts uns in Oasch!" war ein 1983 prominenter Plakatslogan der Wiener Third-Generation-Punkband Dead Nittels, angelehnt an einen noch prominenteren Slogan der SPÖ. Das Plakat zeigt die Kunsthalle nicht (muss ja nicht), dafür präsentiert sich der schmale "Wien"-Trakt der Ausstellung als ungenial dilettantisches Alibi, mit zwei Badges, einem Leiberl, Oral-History-Interviews und Zeitschriftenartikeln zur tollen Band Chuzpe, die man auch etwas größer und nach der Zufuhr von frischem Toner fotokopieren hätte können. Dass die Sicht auf weniger kunstkanonische Punk-Nebenschauplätze, von Wien oder Linz bis, wasweißich, Hannover, spannend wäre und die "Künste" von Hausbesetzungskämpfen, von zu antipatriotischem Lärmmachen umfunktionierter Arbeitslosigkeit, von Provinzkaff-Subjektivierungen durch Haareschneiden thematisieren könnte, diesem Einwand scheint Kurator Thomas Mießgang vorauseilend begegnet zu sein, als er bei der Ausstellungseröffnung meinte, es gehe ihm weder um Rock und Lieblingsbands noch um Soziokulturelles. Ja eh, aber: Die Politik von Punk fängt dort an, wo die "Soziokultur in Rock" endet. Immerhin: Die Dimension feministischer Ermächtigung am Punk kommt, sag ich mal so, gut raus (zumal rund um Gudrun Gut), und gegenüber retrokulturellen (Post-)Punk-Vereinnahmungen der letzten Jahre, die vergessen lassen, warum die allseits belehnten Gang of Four so geheißen haben, ist der Gemäldegaleriegestus der Ausstellung ein schöner Knochen im gierigen Hals. Manches hier Eingeforderte ist wohl von den Vorträgen im Ausstellungsbegleitprogramm zu erwarten. Punk rules OK, und der Prozess seiner Musealisierung geht auch in Ordnung, hätte aber doch, im Sinn von Verweigerung auch gegenüber dem heute pflichtgemäß Grellen und Hormonellen der Rebellen, viel "musealer", spröder, vor den Kopf stoßender ausfallen können – mehr etwa an Den Goldenen Zitronen als lebendem Punkmuseum permanenter Selbstdurchkreuzung orientiert als an einem Bild von Punk, der zu "St. Punk" geheiligt und dem dann das "P" für Politik genommen wird, bis ein "St. Unk" überbleibt, der sich fast wie "Kunst" liest. online seit 14.07.2008 10:24:37 (Printausgabe 42) autorIn und feedback : Drehli Robnik |
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