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  Musical und Politik?

Mit „The Producers“ von der Befreiung kosten

Im Gedenkjahr 2008-1968-1938 bringt das Wiener Ronacher die Musical Fassung des gleichnamigen Films von Mel Brooks auf die Bühne.

Dass Musicals eine gute Portion Gesellschaftskritik enthalten können, die sich in Musik und Tanz gehüllt fabelhaft „schlucken“ lässt, haben schon Werke wie „Chicago“ oder auch – ganz klassisch - „West Side Story“ gezeigt. „The Producers“ enthält nicht nur Kritik, das Stück geht noch einige Schritte weiter. Es scheint, als würde Mel Brooks das Publikum testen: wie weit kann er gehen und dabei dennoch geliebt werden.

Der Plot: Der Produzent Max Bialystock versucht gemeinsam mit dem Buchhalter Leo Bloom, einen Flop auf die Bühne zu bringen. Denn, so Bloom, mit einem Flop lässt sich mehr Geld verdienen als mit einem Hit: billig produzieren und Investorengelder behalten. Mit dem geschmacklosen Stück "Frühling für Hitler“, dem schlechtesten Regisseur und den miesesten Schauspielern sehen die beiden den Misserfolg garantiert. Doch die Rechnung wurde ohne das Publikum gemacht: das Stück wird ein Hit. Wie konnte das passieren, fragen sich Max und Leo.

„The Producers“ ist unverschämt, bitterböse und Lachkrampf-lustig. Mel Brooks bricht Tabus: Juden, Frauen, Homosexuelle, das Showbuiz, die Exekutive, das Publikum – alle bekommen ihr Fett ab. Klischees werden satirisch überzogen: die geldgierigen jüdischen Produzenten, die betrügerisch vorgehen; der schwule Regisseur mit seinem Team; die sexgierigen, reichen alten Damen, - die Investoren - und nicht zuletzt, den bayrisch sprechenden Nazi, Autor und Hitlerdarsteller des Stücks im Stück, der – als Beweis für geteilte Weltanschauung – seine beiden Produzenten den rechts-um Schuhplattler tanzen lässt.

Die Überwindung, die es Leo kostet, alles zu tun, um den Nazi für den programmierten Flop zu gewinnen, zeigt, dass „The Producers“ post-Schoah geschrieben und inszeniert ist - und dies ganz bewusst. Die Inszenierung ist unmissverständlich: kein (neo)Nazi kann sich in irgendeiner Weise jemals über dieses Stück freuen und zu seinen ideologischen Gunsten interpretieren. AntisemitInnen, so sie sich denn in ihrem Bild vom geldgierigen, betrügerischen Juden bestätigt fühlen sollten, werden sich gleichzeitig der uneingeschränkten Sympathie für die beiden Hauptfiguren Max und Leo unmöglich entziehen können. Nein, es kann sich hier nur amüsieren, wer ausreichend Abstand mitbringt; Abstand, durch den zu Lachen erst möglich wird.

Und so gelingt ausgerechnet dem Genre Musical, was andernorts all zu oft abgeht: das Publikum lacht nicht über Hitler, Nazis, über Juden, Frauen und Homosexuelle, über Erfolg oder Misserfolg – es lacht über sich selbst. Mel Brooks’ heitere Bösartigkeit in ihrer satirischen Übertreibung ist ein sarkastischer Kommentar an und über die Gesellschaft; er wirft uns ZuseherInnen konsequent auf uns selbst zurück.

Wie kann das passieren - warum ist dieses Stück erfolgreich? Die Antwort ist einfach: über sich selbst lachen zu können, ist befreiend – das wusste auch schon der gute alte Sigi Freud. „The Producers“ lässt uns von der Befreiung kosten. Das tut gut. Und: wir lieben es, verarscht zu werden. Selbstironie, Humor –„die Weisheitsform des heiter resignierten Überwinders“*. Kaum einer, der uns dies so vortrefflich serviert, wie Mel Brooks’ Satire.

Info:
„The Producers“ ist die Musical Fassung des gleichnamigen Films aus dem Jahr 1968. Die Uraufführung fand 2001 am Broadway statt, die Inszenierung erhielt zahlreiche Auszeichnungen. 2005 wurde der Stoff neuerlich verfilmt, mit Uma Thurman, Nathan Lane und Matthew Broderick in den Hauptrollen. Das Ensemble der Wiener Inszenierung (Andreas Biber, Herbert Steinböck, Cornelius Obonya und Bettina Mönch) ist außerordentlich gut.

Noch bis 14. August und wieder ab 9 September im Ronacher.



* Zitiert nach Jacob Burckhardt (1818-97), Schweizer Historiker



online seit 09.07.2008 11:38:04
autorIn und feedback : Hannah Fröhlich




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