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  telly: Working Girls and Little Boxes

Die US-TV-Serie "Mad Men"

Die Hackordnung einer New Yorker Werbeagentur Anfang der 1960er Jahre bildet das Setting der mittlerweile schon mehrfach preisgekrönten TV-Serie 'Mad Men'. 'Mad Men' war die ironisch-selbstherrliche Bezeichnung der Admen, also der Werbeagenten der Madison Avenue, damals Sitz einiger der einflussreichsten Unternehmen der Branche.

Wie es im Sommer 1960 aussieht, wird der republikanische Präsidentschaftskandidat bei den kommenden Wahlen wohl einpacken müssen. Zumindest die mit dem richtigen Riecher ahnen, dass gegen Kennedys Sympathiewerte jemand wie Nixon nicht ankommen wird. Dabei sei Kennedy doch nur ein 'catholic boy', geboren mit einem Silberlöffel im Mund, der doch nicht mal einen Hut trage: kein echter, amerikanischer Self-made-man, kein Mann überhaupt. Präsident wird er dennoch, aller hilflos eindringlichen Warnungen der damals gerade sputnikgeschockten kalten Krieger vor 'Kommunismus (durch) Steuern (durch) Gesundheitssystem' zum Trotz. Prä-68 verläuft das Leben vorzugsweise in sich ablösenden Phasen (Schule, Uni, Ehe, Haushalt, Job, Kinder). Und es wird offenbar noch mit Stolz erwachsen geworden oder das, was man dafür hält. Man weiß vielleicht nicht recht, wer man selber ist, aber man weiß umso genauer, wer man besser nicht ist (1). Sicherheit bedeutet am ehesten - zumindest für die Angehörigen der oberen weißen Mittelklasse - eine gute Partie zum Heiraten oder eine repräsentative Immobilie in Manhattan. Auffällig abwesend sind in 'Mad Men' sämtliche Warnhinweise und Sicherheitseinrichtungen unserer Gegenwart. Die Kinder sind nicht in Sitzschalen festgezurrt, sondern tollen auf den Rückbänken der Autos herum. Verstecken sie sich beim Spielen in Kleidersäcken, schrillen nicht bei ihren Eltern die Alarmglocken (Erstickungsgefahr!), sondern bei uns. Es wird gesoffen und geraucht, was das Zeug hält, ob schwanger oder am Steuer ist kaum ein Thema. Allerdings kündigt sich ansatzweise schon an, was wir längst wissen: Rauchen verursacht Krebs und Butter verfettet das Herz, und der Staat hat ein bevölkerungspolitisches Interesse, dieses Wissen wirksam unter die Leute zu bringen.

Drei Gruppen von ProtagonistInnen bestreiten in 'Mad Men' ihre jeweils eigenen, zum Teil verflochtenen Geschichten: In der Werbeagentur die chief executives und art directors einerseits und andererseits genauso viele working girls, Sekretärinnen, Telefonistinnen usw. Ihnen verspricht die 'city', was ihre Herkunft nicht zu bieten hat: ein eigenes Einkommen, eine eigene Wohnung, wenn auch aus Kostengründen geteilt mit anderen, eigene Freizeit. Als working girls bezeichnet man auch Prostituierte, und wie eine Prostituierte wird man schnell behandelt, wenn man sich die Pille verschreiben lassen will zum Beispiel, die im Sommer 1960 gerade auf den Markt kommt. Die dritte Ebene ist die der Ehefrauen in der seidentapezierten Hölle der Vorstadtresidenzen. Eine Frau (die aussehen soll wie Grace Kelly), die sich ihr Leben lang lächelnd wohlgefällig anpassen wollte, wird wegen psychosomatischer Lähmungserscheinungen zum Analytiker geschickt. Wer die Therapiesituation der 'Sopranos' ansprechend fand - die Idee zu 'Mad Men' hatte einer des AutorInnenteams der 'Sopranos'), wird über den Paternalismus dieses Verhältnisses entsetzt sein. Der Analytiker sitzt freudianisch unsichtbar und schweigend hinter der 'Patientin' und genauso hinter ihrem Rücken verhandeln anschließend Analytiker und Ehemann telefonisch ihren 'Zustand'. Neben den Hausfrauen, working girls und Werbeleuten, gibt es in 'Mad Men' noch mehrere für sich stehende Figuren wie die Kaufhauserbin, die jedes blöde antisemitische oder sexistische Klischee intellektuell schon überholt hat, wenn es daherkommt, und verbal abschmettert, bevor es ankommen kann. Eine der Sekretärinnen bekommt etwas Raum sich kreativ zu entfalten, sie erhält als erste Frau 'seit dem Krieg' den Auftrag, eine Kampagne zu texten (es geht um Lippenstift; den Männern fiel zum 'Rätsel Frau' gerade nichts Zündendes ein), auch weil ihr Vorgesetzter sich mit anderen Problemen herumschlägt, statt jede kleine Kränkung an ihr oder dem schwarzen Liftboy auslassen zu müssen. Sie wird im Lauf der ersten Staffel von 'Mad Men' zur eigentlich zentralen Figur.

Ein italienischer Pay-TV-Kanal, auf dem 'Mad Men' kürzlich angelaufen ist, bewarb sie als 'die zynischste und politisch unkorrekteste Serie über die Werbung'. Vieles, das heute als tabuisiert gilt, wird in 'Mad Men' offensiv und als für jene Zeit noch normal dargestellt: so die verschiedenen und verflochtenen Formen von Diskriminierung oder auch ein bestimmter ungesunder Lebenswandel. Was man über Werbung und deren Mechanismen erfährt, ist bekannt oder gilt auch für anderes: Werbung stimuliert die Wunschphantasien in den Köpfen der KonsumentInnen. Und je verunsicherter die KundIn, desto leichter dreht man ihr was an . Einige der Momente, in denen gerade der nächste große Coup (für Zigaretten, Spraydosen oder Lippenstift) entworfen werden soll, werden wie Urszenen des kreativwirtschaftlichen Marketing konstruiert. Die Serie als politisch unkorrekt zu bewerben, spekuliert ausschließlich auf den hartnäckigen Irrtum, es sei irgendwie außergewöhnlich und eigenwillig, sich als das Gegenteil von 'politisch korrekt' (bzw. was man dafür hält) zu gerieren. Was den Zynismus angeht, ist eine Portion Galgenhumor auf der eigenen Seite sicher nicht schlecht. Dass die Handlung der Serie in die Vergangenheit verlegt ist, verleitet dazu, sich diese Vergangenheit als völlig andere Zeit mit mittlerweile überholten skurrilen Wertvorstellungen vorzustellen (auch das zum Schwärmen anregende Period Production Design trägt dazu bei). Tatsächlich hat sich weniger verändert oder nicht alles so, wie man es sich wünschen möchte. Man kann es also eventuell mit der schlagfertigsten der ProtagonistInnen halten: 'Refreshing! Really, I mean, actually hearing all the things I always assumed people were thinking.'



(1)"[…] a time of duplictiousness, when people were not sure of who they were, but knew who it was not safe to be." Marcia G. Yerman (2007). AMC's 'Mad Men': Sexism and the '60s.


online seit 02.07.2008 13:57:05 (Printausgabe 41)
autorIn und feedback : GE




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