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  Fucking dead

Beim diesjährigen donaufestival in Krems stehen u.a. die erste Theaterarbeit des kanadischen Filmemachers Bruce LaBruce und dessen jüngster Neo-Gothic-Zombie-Porn-Splatter „Otto“auf dem Programm.

Unter den Schlagworten „angst obsession beauty“
verweist das heurige Motto des donaufestivals
auf Motive, wie sie auch im so genannten
New Queer Cinema der 1990er Jahre verdichtet
wurden. Mehr Moment als Bewegung, steuerte
das New Queer Cinema als erneuernde Kraft innerhalb
des US-Independent-Kinos mit geballter
Energie neue Ästhetiken und Tabubrüche an: Mit
offensiver Selbstverständlichkeit wurden sexuell
deviante Identitäten in den Fokus gestellt und,
die traditionellen Genre-Grenzen niederreißend,
herrschende filmische Erzähltraditionen hinterfragt.

Anstatt ein heterosexuelles Publikum für
Homosexualität zu „sensibilisieren“ und „korrekte“
Bilder von Lesben, Schwulen und Transgenders
für den Mainstream zu liefern, wagte es
das New Queer Cinema, die Grenzen positiver
queerer Identifikation auszuloten.
Doch noch bevor überhaupt von einem „Queer
Cinema“ die Rede war, formulierte der US-amerikanische
Avantgarde-Filmemacher Kenneth Anger
im Underground ein „Kino der privaten Obsessionen“
(Jan Künemund), das von schwuler Liebe
und schwulem Sex erzählt. Anger, der mit zwei
Weltpremieren beim donaufestival vertreten ist
– die Uraufführung der Hitler-Jugend-Studie „Ich
Will!“ sowie die audiovisuelle Live-Performance
„Technicolor Skull“ – ist eine der frühen Referenzquellen
des New Queer Cinema, dessen originär
provokativer Gestus sich auch im Werk des kanadischen
Filmemachers, Fotografen und Autors
Bruce LaBruce niederschlägt. In Krems präsentiert
LaBruce, der mit den durch ihren pornografischen
Zugang charakterisierten Filmen „Hustler
White“ (1996), „Skin Flick“ (1999) und „The Raspberry
Reich“ (2004) bekannt wurde, seine erste
Theaterarbeit „Cheap Blacky“.

In Berlin feierte das englisch-deutschsprachige
Stück im Herbst letzten Jahres seine Premiere.
Ausgehend von Rainer Werner Fassbinders Südstaaten-
Musical „Whity“ von 1971 greift Bruce La-
Bruce das Bild der bürgerlichen Kleinfamilie auf
und thematisiert deren Zersetzung durch einen
Eindringling von „außen“. LaBruce referiert hierzu
auf drei weitere Filme: John Hustons „Reflections
In A Golden Eye“, Joseph Loseys „Boom!“
und Pier Paolo Pasolinis „Teorema“ – Filme, die
allesamt inmitten der politischen Umwälzungen
der späten 60er entstanden sind.

Zusammen mit der Theaterperformance-Gruppe
CHEAP rund um die ehemalige Berliner-Ensemble-
Schauspielerin Susanne Sachsse (sie gab in
„The Raspberry Reich“ die Anführerin der gleichnamigen
revolutionären Terrorzelle) inszenierte
LaBruce ein experimentelles Musical-Bühnenstück,
in dessen Mittelpunkt der afroamerikanische
Drag-Star Vaginal Davis als „Blacky“ steht.
In zehn mit allerhand Genre-Zitaten und Diskurs-
Bauklötzen aufgeladenen Akten bearbeitet Bruce
LaBruce jenes Thema, das sein gesamtes Schaffen
durchzieht: die Dynamiken zwischen Dominanz
und Unterwerfung, wie sie sich auch in den herrschenden
Klassen- und „Rassen“-Verhältnissen
widerspiegeln, und die sexuelle Fetischisierung
von Macht und Revolution.

Im Anschluss an die Theatervorstellung am
25. April, der eine Lecture von LaBruce im Unabhängigen
Literaturhaus NÖ vorangeht, wird übrigens
sein jüngstes Filmwerk gezeigt: „Otto; or: Up
with Dead People“. Protagonist Otto ist ein junger,
schwuler Zombie in einer Identitätskrise. Einsam
und ziellos streunt er durch die Straßen Berlins,
bis ihn die lesbische Filmemacherin Medea Yarn
für ihren epischen Zombie-Polit-Porno „Up with
Dead People“ castet. Nicht zufällig ist „Medea
Yarn“ ein Anagramm von Maya Deren, eine der
zentralen Figuren der US-amerikanischen Filmavantgarde
der 1940er und -50er Jahre, der Bruce
LaBruce hier Tribut zollt. „Otto“ ist ein überaus
witziger wie komplexer Film im Film, der traditionellen
Horror, Splatter, Stummfilm und klassische
Avantgarde spielerisch ineinander verschachtelt
und mit einem extensiven Soundtrack mit rund
60 Titeln aufwartet, darunter von Antony & The
Johnsons, CocoRosie, Throbbing Gristle und AIDS
Wolf.



online seit 25.04.2008 14:49:01 (Printausgabe 41)
autorIn und feedback : Vina Yun


Links zum Artikel:
www.donaufestival.at



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