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Feministische Pop -Archive

Der Sammelband "Hot Topic" versammelt aktuelle Beiträge zum "Popfeminismus"

Im Song „Hot Topic“ aus dem Jahr 1999rufen Kathleen Hanna, JD Samson und JohannaFateman aka Le Tigre – längst selbst Ikonen und Wegbereiter_innen eines popkulturellen Feminismus– ihre Ikonen, Wegbereiter_innen und Freund_innen an ...

...und fordern sie auf, nicht aufzuhören mitdem, was sie tun: Nämlich eine feministisch lesbisch-queere Kultur zu konstruieren, die zugleich Sammelpunkt und Spitze einer Kritik an einer sexistischen und heteronormativen Dominanzkulturist. Die Aufgerufenen, darunter Gayatri Spivak, Angela Davis, Sleater-Kinney, Gertrude Stein, James Baldwin, Justin Bond und das Plattenlabel Mr. Lady, werden so Teil einer Her-Story, einer Geschichtsschreibung, die nicht in den Schulbüchern und Tageszeitungen zu finden ist und daher umso mehr von „uns“, den Schwestern und Brüdern im Geiste, fortgeführt werden muss. Als Inspiration, Amüsement, zum Auffrischen des Kampfgeistes, und um kapitalistischer Vereinzelung und Normierung nicht mit leeren Händen gegenüber stehen zu müssen, ist die Arbeit an solchen Archiven zwecks Selbstvergewisserungund Organisierung damals wie heute enorm wichtig.

Die Musikjournalistin Sonja Eismann wiederholt mit der im Herbst letzten Jahres erschienenenAnthologie diesen Gestus und reiht sich damit in die feministische Referenzlandschaft ein, mit direktem Verweis auf den vor fast 10 Jahren erschienenen Band „Lips, Tits, Hits, Power? Popkultur und Feminismus“ von Anette Baldauf und Katharina Weingartner, einer Übersetzung/Einführung der angloamerikanisch geprägten „Girl Power“-Kultur in den deutschen Sprachraum und Must-Have in jedem(pop)feministischen Buchregal. In den vergangenen 10 Jahren ist einiges passiert in Wien, Berlin und dazwischen. Eine neue Generation von feministisch denkenden Journalist_innen,Theoretiker_innen, Musiker_innen usw. hat sich gebildet, angeregt von den kräftigen Impulsen der Riot-Grrrl-Bewegung, von Ladyfesten, Drag-King-Shows und Fanzines. Mit der Wiener Zeitschrift „nylon. KunstStoff zu Feminismusund Popkultur“ (später: „fiber. Werkstoff für Feminismus und Popkultur“) hat nicht nur für Sonja Eismann vieles begonnen, das jetzt einen Zwischenstopp bei „Hot Topic. Popfeminismus heute“ einlegt. Viele der seit damals aktiven Personen, darunter Christiane Rösinger, Sarah Diehl, Rosa Reitsamer, elffriede, Verena Kuni, Elke Zobl u.v.a., sind hier versammelt und verknüpfen mittels Text- und Bildbeiträgen ihre Erfahrungen im Alltag mit einer theoretischen Reflexion und daraus folgenden politischen Forderungen. Daraus entstand ein Teils sehr persönlicher, zugleich aber stets an das „große Ganze“ denkender Sammelband, denn, so Sonja Eismann: „Das Private ist schließlich nach wie vor politisch.“ Schwerpunkte wurden mit den thematischen Dauerbrennern Sexualität/Identität, Körper/Bilder, Medien/Arbeit, Do It Yourself/Aktivismus, Feminismus/Alltag und Musik/Repräsentation gesetzt. „Pop“ wird hier als Referenzrahmen für eine von den Erzählenden geteilte Sozialisationserfahrung herangezogen,deren gemeinsame Prämisse – der Zwang zur geschlechtsidentitären Einordnung – zu (popkulturellem)Widerstand, Ironie und kritischen Denkprozessen verleitet und das „Scheitern“ am „Frau-Sein“ von erleichternd anderen Seiten beleuchtet.

Porno, Prekariat, Schwangerschaftsabbruch, Schlanksein, Körperbehaarung, Cyberfeminismus, Grrrl Zines, TV-Serien, Fußball, Ladyspace, HipHop, weiße Männlichkeitskonstruktionen im Rock und Pop – das sind nur einige Themen, die wohl vor allem jüngeren Feminist_innen einen ersten Zugang zur gedanklichen Verknüpfung von Alltag und feministischer Gesellschaftskritik bieten können.

Schließlich betont dieser Sammelband, dass der Eindruck, schon alles an Gleichstellung mögliche bereits erreicht zu haben, durchaus ein(neoliberaler) Trick sein könnte, der die zutiefst in die Kultur eingelassenen Geschlechterverhältnisse immer wieder natürlich erscheinen lässt. „Hot Topic“ ist ein Vernetzungsangebot an all jene, die diesen Mief lustvoll wegspülen möchten und stimmt zugleich, etwa auf Grund des teils verständlichen Rekurses auf strategischen Essenzialismus zur Spiegelung alltäglicher Erfahrungen und den Fokus auf einen weißen Bildungsschicht-Feminismus, etwas nostalgisch. Sonja Eismann schreibt im Vorwort „Ja, ich wünsche mir, dass Geschlecht dekonstruiert wird und in Zukunft keine Definitionsmacht mehr über die Gesellschaft hat, und ja, ich denke, dass es bis dahin ein politisch probates Mittel ist, Frauen ihre eigenen ‚Spaces’ zur Veränderung und zur Repräsentation ihres Wirkens, das im Mainstream allzu oft marginalisiert wird, zuzugestehen.“



Sonja Eismann (Hg.in): „Hot Topic. Popfeminismus heute“, Ventil Verlag 2007


online seit 16.04.2008 14:07:05 (Printausgabe 40)
autorIn und feedback : Silke Graf




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