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„To Be Heard but Not to be seen …“

Zu einem Hörstück von Barbara Kraus

„If silence could speak and someone would listen“– so lautet der Titel von Barbara Kraus’ neuem Hörstück, das als Nebenprodukt eines multimedialangelegten Schreib-, Erzähl- und Hörprojekts entstand.
Barbara Kraus hat Stimmen und Geräuschevon Orten und Personen, die eng mit ihrer Biographieverbunden sind, zu einem dichten Klangteppichverwoben. Wo es (nicht) war und dochgewesen sein hätte können – Protokoll einer akustischenReise.

Versperrte Münder und geöffnete Ohren

„Kri kra kru, der Mund ist zu, der Schlüssel fortund jetzt kein Wort!“- Dieser aus dem Mund sovieler ErzieherInnen vernommene Lehrsatz istnur eines der informellen Gebote, die einem vonfrühster Kindheit an eingeimpft werden. Einelang andauernde Geschichte des Schweigensnimmt mit derartigen zu Sprüchen verharmlostennormativen Setzungen ihren Anfang. Willmensch das gesellschaftlich verhängte Schweigegebotdurchbrechen, muss das Verschwiegeneerst einmal zum Sprechen gebracht werden. Ja,auch davon kann man sprechen: Man muss nichtüber etwas schweigen, was dem Anschein nachnoch keine Sprache besitzt. Vielleicht reicht esaus, einfach nur gut genug zuzuhören. Im Gegensatzzum Mund kann das Ohr nämlich nicht soeinfach versperrt werden. Wo mensch die Augenverschließt oder die Nase rümpft, bleibt das Ohr immerzu offen.

Psychoakustische Aufschreibesysteme

Um die Stille zum Sprechen zu bringen, bedarfes der komplexen Psychotechniken nicht, dieim Schoß der PsychoanalytikerInnen- Couch um1900 entstanden sind. Mit einem Aufnahmegerätausgerüstet, hat Barbara Kraus die Kindheitsortedes (Ver-)Schweigens zum zweiten Mal aufgesuchtund die akustischen Spuren dieser Re-Naissance konserviert. Wo ursprünglich nichtszu hören war, kommentieren einige Stimmennachträglich historisch Gewesenes. Dass sich inNähe der Wohnsiedlung, in der Barbara Krausaufgewachsen ist, ein Schwimmbecken befundenhaben soll, das mit Kriegsende zur Leichengrubefür Bombenopfer umfunktioniert worden war, erfährtman da und man erfährt dies aus den Mündernvon HausmeisterInnen, MaurerInnen undAnrainerInnen. Diese stehen nicht nur in einerbesonderen Verbindung zu besagtem Ort, sondernverfügen dadurch auch über ein Wissen, dasbisher keinen Eingang ins schriftliche Registergefunden hat. Oral History „von unten“ als Alternative:Was nirgendwo geschrieben steht, habenBarbara Kraus und Ricarda Denzer (Hörstück undProjektdramaturgie) im Hörstück ,If silence couldspeak and someone would listen’ mitgetapt undakustisch aufbereitet.

Erinnerungsmonopol(y)

Manchmal sind die Instrumente, mit derenHilfe versperrte Münder geöffnet werden können,durchaus bizarr. Von überdimensioniertenSchlüsseln, für die er kein passendes Schloss gibt,erzählt der Musikjournalist Fritz Ostermaier, derdabei die Erzeugnisse seines Grossvaters- einesgelernten Schlossers- im Hinterkopf hat; die Kinder,die Barbara Kraus im Hinterhof ihrer ehemaligenSchule interviewt, sprechen von ,schwarzenErbsen’, die sie zum Mittagessen aufgetischt bekämen,ein Anrainer eines Parks behauptet, dassBeton dort nie war, wo sich heute ein Betonklotzbefindet. Auf Erinnertes hat niemand ein Monopol:Im Hörstück bleibt die vorgefundene Diversitätan Stimmen bestehen. Es sind dies die Stimmenvon Unbekannten und FreundInnen, dieStimmen von JournalistInnen, KünstlerInnen,PerformerInnen, einer Mutter und ihrem Sohnund von vielen anderen.

Es zählt zu den Besonderheiten von BarbaraKraus Hörstück, dass dieses ganz ohne beigelegtePhotostory oder ergänzende Gebrauchsanweisungauskommt. Es gibt keine Instanzen dervisuellen Vermittlung, die die Augen mit Zusatzinformationenbeliefern. Da die Orte des Sprechensunsichtbar bleiben, ist nie ganz klar, vonwo aus gesprochen wird. Innerhalb einer augenfixiertenKultur geht davon ein ganz bestimmterReiz aus: Um zu erfahren wo wir sind, müssen wirganz genau zuhören. Erst dann wird klar, wo die(un)erhörten Orte liegen. Auch die im Speichermediuminkorporierten Stimmen gewinnen beimgenauen Zuhören an Gewicht und können nachund nach an die Sprechenden rückgebunden werden.Dabei sollten wir uns ganz und gar auf unsereOhren verlassen. „Someone is listening, whensilence does speak…“



„If silence could speak and someone would listen”
Konzept und Realisation: Barbara Kraus
Hörstück und Projektdramaturgie: Ricarda Denzer
Mit: Silke Bake, Jack Hauser, Barbara Kraus, FritzOstermayer sowie Angela Glechner & PhilippGehmacher, Fritz Ostermayer, Silke Bake & JackHauser, Mihai Mihalcea, Elisabeth Loffler & Nadjab. Schefzig, Katharina Kraus & Martin Tiefenthaler,Christina Kraus & Robert Polster, Wolfgang Apfel&Tobias Lenz, Christa Polster, Krassimira Kruschkova& Benjamin Schoppmann, Roman Berka, Sigrid Gareis, Karin Gasser, Peter Stamer und David Wagner



online seit 14.04.2008 13:44:24 (Printausgabe 40)
autorIn und feedback : Barbara Eder


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