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Was tun?

Antworten aus der Designkunst-Ecke

„Melde dich freiwillig für ein medizinisches Experiment“, „Sei für eine Woche ein/e pathologische/r LügnerIn“, „Bitte deine Familie, deine Arbeit zu beschreiben“, „Gib dir selbst in der Vergangenheit einen Rat“, „Schreib das Telefongespräch auf, das du gern führen würdest“, „Lass irgendwo ein Buch in der Öffentlichkeit liegen“. Tausende Menschen folgen mit wachsender Begeisterung solchen skurrilen Anweisungen, wie sie von selbsternannten Ratgebern erlassen werden. Etwas vollkommen Sinnloses tun, weil man in irgendeinem Buch oder Weblog dazu aufgefordert wird, auf das man stößt: Immer mehr Menschen scheinen darin die Erfüllung eines Bedürfnisses zu erblicken.

Seit 5 Jahren gibt das Designerduo Benrik jährlich eine neue Version von „This diary will change your life“ heraus, das wöchentliche humorige Anweisungen an die LeserInnen enthält. Die Künstlerin Miranda July (bekannt geworden mit dem Film „Me and you and everyone we know“ und anderen Arbeiten an der Schnittstelle von Sentimentalität und Skurrilität) betreibt mit Harrell Fletcher den Weblog learningtoloveyoumore.com mit ähnlichem Inhalt (vor kurzem auch als Buch erschienen). Beide Projekte werden überschüttet von Zuschriften, in denen Menschen berichten, wie sie die Aufgaben erfüllt haben. Die Designerin Keri Smith verfolgt mit ihrem „Guerilla Art Kit“, einer Sammlung interaktionsinduzierender anonymer Kunstpraktiken im öffentlichen Raum, ein verwandtes Projekt. Die alte künstlerische Sehnsucht, das Leben des Publikums spürbar zu beeinflussen, scheint hier in Erfüllung zu gehen.

Worum geht es dabei eigentlich? Um den Wunsch nach Regeln und Handlungszielen, seien sie auch noch so arbiträr, um ein Gefühl der Sinn- und Orientierungslosigkeit zu durchbrechen? Den Spaß an virtuellen kollektiven Verabredungen über gemeinsame Aufgaben, deren Inhalt nebensächlich ist? Entpolitisierung und Verniedlichung von Modellen kollektiver Aktion, nach dem Modell „Flashmob“? Eine parodistische Selbstermächtigung gegenüber stupiden Routinen in Selbsthilferatgebern, Meditationstechniken etc.? Selbsttherapie unter dem Deckmantel von Fun? Initiationsriten für eine weitere Web 2.0 Community? Bündelung verspielter Nerds zur potenziell politischen Kraft?

„Es gibt einen großen Hunger nach Veränderung und Abenteuer, aber nur sehr beschränkte Angebote. Diese Beschränkungen sind zu einem Großteil mental. Unser Diary erweitert die Vorstellungshorizonte“, erklären sich Benrik ihren Erfolg (im Magazin „graphic“ 09). Ebnen diese künstlerischen Experimente den Weg für eine Zukunft kommerzieller kollektiver Abenteuerspiele oder neue Formen kollektiver gesellschaftlicher Intervention? MALMOE Task 1/2008: Finde das heraus.


Benrik: This diary will change your life 2008, MacMillan
Harrell Fletcher/Miranda July: Learning To Love You More, Prestel 2007
Keri Smith: Guerilla Art Kit, Princeton Architectural Press 2007; Wreck this journal, Perigee Trade 2007






online seit 04.04.2008 10:59:32 (Printausgabe 40)
autorIn und feedback : Beat und Esther




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