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  Was wir heuer alles tun könnten

Alternativen im Gedenkjahr 2008

Am 5. Mai, dem Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus, marschiert wieder einmal „A Letter to the Stars“ (L2tS) am Wiener Heldenplatz auf. Gerade auch im Gedenkjahr 2008 werden sie damit die Gemüter jener bewegen, die von den seit 2003 organisierten „Gedenk-Events“ nicht so begeistert sind.

Als das heurige Projekt vorgestellt wurde – 250 Überlebende sollen von SchülerInnen eingeladen werden und am 5. Mai an einer Veranstaltung am Heldenplatz teilnehmen –, gab es Bedenken. ExpertInnen führten an, dass es zu Re-Traumatisierungen kommen kann, wenn Überlebende ohne adäquate Begleitung die Stätten der Verbrechen wiedersehen. Einige Überlebende, die L2tS positiv gegenüber stehen, wehrten sich gegen diese „Bevormundung“, sie wüssten schon selbst, ob sie nach Österreich reisen wollen oder nicht. Stimmt. Das Problem an der heuer vorgebrachten Kritik ist nämlich ihre teilweise Themenverfehlung. Natürlich kommen Überlebende auch ohne Begleitung durch PsychologInnen nach Wien und kriegen dabei nicht automatisch die Krise. Und die, die sich heuer von L2tS einladen lassen, wissen (hoffentlich), was sie erwartet und lassen sich darauf ein.

Ahnungslos, aber gut gesponsert

Beim Jewish Welcome Service (JWS), einem Dienst, der seit langem Überlebende nach Österreich einlädt, geht es um etwas völlig anderes als um einen medientauglichen Massenevent oder um Kaffeekränzchen in oft in den Nationalsozialismus verwickelten mehrheitsösterreichischen Wohnzimmern. Es geht um einen schwierigen Schritt zurück in die Stadt der Verfolgung, auch in Erinnerung an jene, die das nicht überlebt haben, um Gespräche mit in Wien aktiven Juden und Jüdinnen, um Kontakte zur jüdischen Gemeinde, vielleicht zu alten KameradInnen – aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus.

Das alles lässt sich nicht vergleichen. Denn L2tS schreckt eben von keiner Instrumentalisierung namhafter Persönlichkeiten oder Institutionen zurück. Und immer wieder mussten sich die so Angesprochenen distanzieren. Einigen der Organisationen scheint es nun endlich gereicht zu haben.

Anfang September 2007 hatte der JWS seine Unterstützung versagt, weil das Projekt die Datenbank des JWS, seit es sie 2003 zur einmaligen Verwendung erhalten hatte, immer weiter benutzt. Die JWS-Leiterin Susanne Trauneck argumentierte, dass die Daten die Grundlage für die Arbeit des JWS sind. Sie fürchte um Doppelgleisigkeiten, die sich auf die öffentlichen Förderungen auswirken könnten, von denen das JWS abhängt, während das laute und um Werbeflächen nicht verlegene L2tS mit öffentlichen und privatwirtschaftlichen Geldern großzügig überschüttet wird – heuer ist von 1,4 Mio. Euro die Rede. Eine Summe, bei der sich schon der Verdacht aufdrängt, dass sich der Staat aus der Verantwortung freikauft, nach den lächerlichen Regierungsaktionen von 2005 ein Gedenkjahr mit Anstand über die Bühne zu bringen. Tatsächlich wird das meiste Geld in Veranstaltungen zu „90 Jahre Erste Republik“ gepumpt, für 1938/2008 habe z.B. das Bundeskanzleramt kaum noch Geld übrig.

Die Reaktion von L2tS auf die Schelte durch Trauneck kam jedenfalls prompt per Presseaussendung: „Es ist noch bedauerlicher, dass es dem JWS offenbar vor allem um einen ökonomisch motivierten Exklusivitätsanspruch bei der Organisation von Einladungen an Vertriebene geht.“ Einer jüdischen Wohlfahrtsorganisation reine Geldgier zu unterstellen, beweist einmal mehr, dass es kein Zufall ist, wenn es bei L2tS zwar immer um die Shoah, aber nie um Antisemitismus geht – die maßgeblichen Herren dort haben davon offenbar schlicht keine Ahnung.

Auch das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands DÖW merkte an, dass ihre Datenbank genauso unverfroren seit Jahren weiterverwendet wird. Dann meldete sich der psychosoziale Dienst Esra zu Wort und dementierte den von L2tS kolportierten Handschlag zur Kooperation. Schließlich verlor das Projekt einen Gutteil seiner ProponentInnen im Unterstützungskomitee: Anton Pelinka, Wolfgang Neugebauer und Kurt Scholz sind schon ausgetreten, Peter Huemer liebäugelt mit dem Rückzug, wenn sich am „geplanten Spektakelcharakter“ nichts ändere.

Die deutlichste Kritik formulierte die Israelitische Kultusgemeinde dann im Dezember: „Bei dem mit großem medialem Einsatz agierenden Unternehmen ‚A Letter to the Stars’ werden jedoch in showmäßig organisierten ‚Events’ sowohl die Gefühle der Überlebenden kommerzhaft instrumentalisiert als auch die österreichische Jugend mit zu geringer fachlicher Vorbereitung durch Mausklick mit der Shoah konfrontiert (‚rent your survivor’). (...) Durch derartige Events mit Kirtagscharakter und Aktionen wie dem Schreiben von Briefen an Tote erfolgt weder für Überlebende noch für die heutige österreichische Jugend eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit der NSGeschichte Österreichs.“ Mittlerweile sollen sich auch ÖGB, Gewerkschaftsjugend und das Mauthausen- Komitee als Unterstützer verabschiedet haben.

Das weiße T-Shirt

Die inhaltlichen Probleme mit dem heurigen Projekt sind nach wie vor dieselben wie zu Beginn 2003. Weder historisches Wissen, noch Wissen um Zusammenhänge oder Ursachen, sondern ein auf Halbwissen basierender Rahmen, der „jugendgerecht“ das scheinbar Sinnliche, wie z.B. Briefe an Ballons, aufsteigende Tauben, ein Sonnenblumenfeld, weiße Blumen usw., in den Mittelpunkt eines Massenereignisses stellt, wird gefördert. Such dir wahlweise einen Überlebenden oder Ermordeten aus, schreib diesem einen Brief oder schreib seinen Namen auf ein T-Shirt. Auf ein weißes natürlich, denn von Beginn an bildeten sich die Macher ein, weiß wäre die jüdische Farbe der Trauer, so wie sie auch unbedingt eine kräftige Zahl an Opfern brauchten, die schön rund und hoch genug ist.

Die Zahl 80.000, von der seit 2003 penetrant die Rede ist, ist eine Erfindung, eine Schätzung bestenfalls. Es zeugt eben von der traurigen Situation in der Forschungsförderung, dass wir bis heute nicht wissen, wie viele ÖsterreicherInnen wirklich von den Nazis ermordet wurden, dass wir bis heute von vielen Opfern nicht einmal die Namen kennen. Doch mit solchen Kinkerlitzchen gibt sich L2tS nicht ab.

Heuer sollen also 250 Überlebende („die letzten Zeugen“, ™ L2tS) von österreichischen SchülerInnen eingeladen werden und dann u.a. erleben, wie zur Erinnerung an die „mehr als 80.000 Österreicher“ (™ L2tS) weiße T-Shirts mit deren Namen drauf am Wiener Heldenplatz vorgeführt werden. Da es keine 80.000 Namen gibt, die auf T-Shirts geschrieben werden könnten, eine unhaltbare Versprechung. Aber es wird ja niemand zählen gehen.

Vielmehr „lernen“ die Jugendlichen etwas, was schon in den Projekten davor gern vermittelt wurde: Sie sind nicht die Nachkommen der Täter und Täterinnen, sondern sie tragen die Namen der Opfer – diesmal sogar auf der Haut. Sie müssen sich nicht der schmerzlichen Tatsache stellen, dass Österreich ein Naziland war, sondern können es sich wieder einmal leicht machen und sich mit den Opfern identifizieren.

Hoffen wir, dass das Gedenkjahr 2008 mehr bringen wird als das. Lesen wir z.B. das neue Magazinprojekt „NachRichten“ und bilden uns ein wenig weiter. Besuchen wir endlich mal die (gar nicht mehr so) neue Dauerausstellung im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands und das Jüdische Museum. Fahren wir am 18. Mai zur Befreiungsfeier nach Mauthausen oder buchen eine Führung im Schloss Hartheim. Gehen wir den Audioweg Gusen entlang. Oder schließen wir uns den MALMOE-AutorInnen Ariane Sadjed und Ascan Breuer an und suchen nach der Arisierungsgeschichte unseres Wohnhauses (MALMOE 37), z.B. auch mithilfe des Projekts „Servitengasse 1938“. Bilden wir uns doch einfach mal ein bisschen und arbeiten ohne Gedenkjahre und T-Shirt- Bemalungen weiter gegen das Vergessen.


online seit 26.02.2008 10:55:06 (Printausgabe 40)
autorIn und feedback : Sylvia Köchl


Links zum Artikel:
www.mauthausen-memorial.at
www.schloss-hartheim.at
www.gedenkdienst.at
www.esra.at
www.ravensbrueck.at
www.mkoe.at
www.erinnern.at
www.jewish-welcome.at



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