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Das Wort Homosexualität fällt Glavinic que(e)rgelesen Mein Freund Tom ruft an. Er will wissen, ob ich das Buch gelesen habe. Welches? Das unseres Namensvetters. („Namensvetter“, sagt er tatsächlich. Nur weil Thomas zwischen 1965 und 1972 ein Modename war, sind doch nicht alle Thomasse meine Vettern.) Das Buch also. Von Glavinic über Glavinic. „Also erstens soll man ja nie annehmen, dass das Erzähler-Ich identisch ist mit dem Autoren-Ich, und zweitens habe ich es noch nicht gelesen und werde es auch voraussichtlich nicht lesen. Nach drei Seiten hat es mich zu Tode gelangweilt. Ich finde es sprachlich einfach nicht gut.“ „Und die Story ist nicht spannend?“ “Darum geht es nicht. Meinetwegen, die minimale Handlung, soll sein. Dass da ein Autor nicht weiß, worüber er als nächstes schreiben wird, und dann schreibt er auf, was ihm so unterkommt, das könnte ja immerhin ein paar nette Beobachtungen ergeben. Tut es aber nicht. Vielleicht entzieht sich mir ja die angebliche Komik des Werks. Etwa, dass der Autor ständig sich fragt, ob ein Verlag sein neues Buch annimmen wird, das unterdessen ja erschienen ist, wie wir alle wissen, das ist doch so was von kokett. Ich kann einfach nicht glauben, dass einer wie Glavinic jetzt noch ein Buch schreibt und ernsthaft befürchten muss, dass es keinen Verlag findet. Meinen Unglauben diesbezüglich zu suspendieren will und will mir halt nicht gelingen. Oder ist das schon der doppelte Boden? Woher will ich wissen, wie es ist bei ihm? Kenne ihn ja nicht. Und es geht die ganze Zeit so dahin. Lauter Ängste, aber keine davon wird für mich glaubwürdig erzählt. Erst hat sein Ich Angst vor Hodenkrebs und reflektiert sich selber, wie idiotisch es ist. Dann hat es Angst, sein Englisch sei nicht gut genug, und kriegt von einem amerikanischen Starautor bestätigt, dass es „more than reasonable“ sei. Sorgen, die die Leute haben, denke ich da. Und dann geht das Ich mit ein paar Typen aus der Wiener Literaturszene in ein Nobelrestaurant fressen und saufen und sich gegenseitig selber bestätigen, dass man wichtig ist, auf diese fiese Wiener Art, wo sich alle gegenseitig immer fertigmachen, mit einem irrsinnig tiefen Schmäh. Nach dem Motto: Wer diesen Schmäh gut findet, ist dabei.“ „Aha.“ „Was heißt das, aha?“ „Du bist neidisch, weil da ein Autor Erfolg hat und mit anderen erfolgreichen Autoren zusammensitzt. Hättest du doch auch gern. Und als Außenseiter ...“ „Das ist gemein. Und soll er das alles beschreiben, meintewegen. Aber nicht so langweilig, wie er es tut.Warum muss ich ein Buch kaufen, indem jemand dauernd darüber jammert, dass er nicht denselben Erfolg hat wie der Kehlmann, der ihn dauernd anruft, um ihm zu erzählen, wie hoch seine Verkaufszahlen sind?“ „Du hast es ja nicht gekauft, sondern ich, lieber Thomas. Und du hast es doch gelesen.“ „Nein, ich schwöre. Und du? Hast du es gelesen?“ „Nö. Reingeschaut, aber nicht gelesen.“ „Das habe ich auch gemacht. Erstens habe ich vorher schon überall über das Buch gelesen und gehört, was drin steht. Man ist dem ja nicht entkommen. Und dann hast du es mir geschenkt, und jetzt habe ich halt drin quergelesen. Die Passage mit den Emails ganz am Anfang fand ich so schlecht geschrieben, dass ich gleich weitergeblättert habe. Oha, jetzt fällt es mir auf.“ „Was fällt dir auf?“ „Dass er da den Glattauer parodieren will. Ich Depp. Und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was diese blöde Geschichte wieder soll.“ „Du hast es also durchgeblättert, um Stellen zu finden, über die du dich aufregen kannst.“ „Ja, ich gebe es ja zu. Sobald ich nur reingeschaut habe, bin ich dem ganzen Ding auch schon auf den Leim gegangen, und das grampelt mich halt. So zum drin Herumblättern funktioniert es ja auch wunderbar. Jetzt fällt mir auf, es hat doch einen roten Faden. Seine Eier. In der dritten Zeile redet er schon von seinem ‚Geschlechtsteil.’ Er kann sein Geschlechtsteil nicht ansehen, weil er doch Angst vor Hodenkrebs hat. Und am Ende beschreibt er, wie er sich den Sack rasiert. Besoffen. Gnadenlose literarische Selbstentblößung, klar. Was interessieren mich dem seine Family Juwels? Wenn er wenigstens geschrieben hätte, dass er dem Dani Kehlmann den Sack rasieren darf, hätte ich verstanden, dass sich wer provoziert fühlt. Aber das kann er ja nicht, weil er immer seine heterosexuellen Credentials spazieren führt. Das höchste der Gefühle ist, wenn er im Spaß, oder im Suff, dem Klaus Nüchtern auf den Arsch greift. Hast du es mitgekriegt? Wahnsinnig komisch. Besoffen dem Nüchtern auf den Hintern greifen, was haben wir nicht gelacht. Ich meine, was bringt es mir für mein Leben, wenn da ein paar Wiener Lokalgrößen nicht anders miteinander reden, wie diese jungen Typen in der U-Bahn, die sich gegenseitig ‚schwule Sau’ nennen. Bei denen ist das ja auch schon ironisch gebrochen. Letztens war da einer, den ich gehört habe, der hat das richtig liebevoll zu seinem Freund gesagt: ‚Du schwule Sau’. Und noch was hat er gesagt, was war das nur? Ach ja, ‚Du Opfer’ hat er ihn genannt, genau. Teenager halt.“ „He, du klingst richtig angefressen“, sagt Tom, der schließlich auch wieder mal was sagen muss. „Vermutlich hat das Buch einen hohen Sättigungswert. Drei Seiten, und ich habe genug. Andererseits kann man auch kapitelweise querlesen, Seiten überblättern, und es ist egal. Wie eine fade Talkshow, man hört rein, passt nicht auf, zäppt weg, und wenn man wieder reinzäppt, ist da immer noch derselbe Typ, der über sich selbst redet, unaufhörlich damit kokettierend, was für ein Loser er doch in Wirklichkeit ist, und dass er seine Hoden nicht anschauen kann, weil er Angst hat vor Hodenkrebs. Das ist doch Barbara Karlich, so was. Und dann ärgere ich mich, weil da einer ständig darauf spekuliert, dass ich denken soll: Hoppla, also wie der das jetzt übertreibt, was der da schreibt über sich, so kann der nie in Wirklichkeit sein. Da sagt der: Hilfe, ich bin ja so hypochondrisch, dass ich nicht imstande bin, meine Hoden abzutasten. Ich meine, der kann doch einfach zum Urologen gehen, dann macht der das für ihn. Unlogisch finde ich es sowieso. Ein richtiger Hypochonder, der würde sich doch gerade dauernd abtasten und zum Arzt rennen. Das wäre was anderes, wenn er sich beschreiben würde, wie er immer die Hand im Hosensack hat, und alle denken, er spielt immer Taschenbillard, und dabei ist er hypochondrisch. Das hieße, die Geschmacklosigkeit wenigstens auf die Spitze treiben. Wenn bei ihm schon alle Personen auftreten wie Deix-Figuren, dann soll er es doch richtig krachen lassen.“ „Vielleicht will er ja auch sagen, dass so richtige Heteromänner Angst davor haben, sich mit einem Männerkörper zu beschäftigen, und sei es der eigene, weil sie dann sich vielleicht selbst als latent schwul verdächtigen müssten. Und gar die Vorstellung, dass der Urologe ihnen den Finger reinstecken würde, um Himmels Willen.“ „Keine Ahnung, ob das so ist bei richtigen Heteros.“ „Das heißt, er thematisiert indirekt immer das Schwulsein darüber, dass er auf gar keinen Fall schwul sein kann.“ „Sage ich dir doch, dass er das die ganze Zeit thematisiert. Irgendwo schreibt er, dass er überall Schwule sieht.“ „Vielleicht ist das ja das Grundanliegen des Buches. Glavinic schreibt darüber, dass er eigentlich bisexuell ist und von allen geliebt werden will, Männern und Frauen. Und um das zu verschlüsseln, legt er diese Aussage einem Freund in den Mund, sodass er dagegen gleich protestieren kann.“ „Das stimmt vermutlich. Woher weißt du das jetzt, wenn du es gar nichts gelesen hast?“ „Doch, reingelesen. Oder es war in einer Rezension. Oder im Radio.“ „Ok, aber das ist doch völlig uninteressant. Weil, weißt du, was mein Problem ist damit? Ich glaube nicht, dass da irgendetwas verschlüsselt ist, und wenn, wird der Schlüssel dir gleich nachgeschmissen. Ein bisschen hyperbolisch ist der Stil, aber mehr nicht. Es gibt keinen doppelten Boden, nur die Behauptung, da wäre einer, und deshalb ist es so langweilig. Allerdings entsteht dadurch dieser Regress – das Erzähler-Ich ist identisch mit dem Autoren-Ich und ist es doch nicht, so spiegelt sich die Leere in der Leere, und es entsteht dieser komische Hirnschwurbel, wodurch das alles diesen Ton der Uneigentlichkeit bekommt und so literarisch wird. Ich meine, er redet zum Beispiel über eine Phobie, die er hat, oder vielleicht doch nicht hat, also dass er ständig überall Schwule sehen würde, und dabei tut er, als ob es keinen einzigen Schwulen in seinem Freundes- und Bekanntenkreis geben würde. Und was soll das für eine Phobie sein überhaupt? Ich sehe auch dauernd Schwule, jeder sieht Schwule, weil in Wien halt eine Menge herumrennen. Wenn kratzt es? Aber es geht ihm ja nicht darum. Und dann fällt mir ein, dass diese Erwähnungen von Karl May natürlich auch codierte Botschaften sein könnten. Falls er ‚Sitara’ von Arno Schmidt gelesen hat, heißt es. Hat er eigentlich Germanistik studiert, mein Namensvetter? Dann kennt er es sicher.“ „Sagt er wirklich nichts über einen Schwulen, den er kennt?“ „Kann ich nicht ausschließen. Jedenfalls ist es mir nicht aufgefallen beim Querlesen. Und ich finde es einfach nicht witzig, wenn er damit kokettiert, dass er ja politisch überhaupt nicht korrekt sein könnte, wenn er wollte. Über Fantasien, blöde Teenager-Machos auszuweiden und die Eingeweide in Mülltonnen zu stopfen. Bäh. Oder wenn er irgendwo darüber schreibt, wie er einen Einfall für eine Geschichte notiert haben will. Über einen politisch korrekten Typen, der Schwule verteidigt, zusammengeschlagen wird, von zwei Schwulen nach Hause mitgenommen, verarztet, gefesselt und in den A. gef.“ „Er wird was?“ „In den A-Punkt ge-eff-Punkt. Wieder so eine Koketterie.“ „Na, da können wir ja froh sein, dass er diese Geschichte dann doch nicht geschrieben hat. Meinst du, das Buch ist latent homophob?“ „Das traue ich mich nicht einmal sagen, weil es doch so angelegt ist, dass man das ja nicht wissen kann, ob der G. nun im wirklichen Leben so denkt, wie er sich beschreibt. Allerdings denkt er auf dem Papier so, und da frage ich mich schon. Da ist er mit Nüchtern befeundet, und der ‚Falter’ hat doch den Phettberg gemacht. Und ist doch überhaupt unverdächtig, was Homophobie betrifft. Oder interpretiere ich schon zuviel hinein? Wo ist die Stelle? Da. Hör zu. ‚Das Wort Homosexualität fällt. Entrüstet ruft er’ (lass dir das auf der Zunge zergehen, lieber Tom ‚entrüstet ruft er!’ Das hat er aus Karl May) – , entrüstet ruft er (also der Nüchtern ist entrüstet): Was, ich? Wer hat mir den vorher am Oasch gegriffen!’“ „Hm“, sagt Tom. „Aber so ist doch der gesellschaftliche Ton, überall.“ „Eh. Und warum ‚fällt das Wort’? Was ist da überhaupt los? Und was bringt es mir, wenn einer schreibt, dass angeblich auch liberale Kolumnisten in Österreich komisch werden, wenn nur ‚das Wort Homosexualität fällt’. Nämlich sobald es sie selber beträfe. Und dass sie miteinander, Familienväter und so, immer noch so reden, wie damals am Schulhof, musste das die Welt wissen? Wenn es stimmt, finde ich es traurig. Und es stimmt vielleicht auch gar nicht, sondern die ganze Szene ist erfunden. Aber ist eh wurscht, kommt heraus, weil man eh nichts erfährt. Aber eigentlich wäre das ein Thema, das mir gerade nicht wurscht ist, und er verwurschtet es, für ein bisschen billige Provokation.“ „Das heißt aber, er hat doch eine ziemlich erfolgreiche Erzählstrategie gefunden, wenn du dir so viel dazu überlegst.“ „Überlegen tue ich mir Dinge so oder so, da brauche ich seine Erzählstrategie nicht, die sowieso sträflich unklar ist. Wenn du damit meinen solltest, dass er eine Strategie gefunden hat, so zu erzählen, dass ich in kurzer Zeit das Gefühl bekomme, ein de facto unlesbares Buch, das mich nach drei Zeilen gelangweilt hat, doch gelesen zu haben, obwohl ich schwören kann, es großteils nur überflogen zu haben, dann hättest du recht, ja. Sofern man das dann noch Strategie nennen kann. Ich glaube jedenfalls, da ist etwas Böses am Werk. Dieses Buch ist überall. Dieses Buch dringt überall durch. Mehr noch, es ist gezielt dazu geschrieben worden, um mich zu ärgern und zu langweilen.Und aus der Reserve zu locken. Bin ich paranoid?“ „Auch. Aber wenn du dich so ärgerst, langweilst du dich doch nicht nur. Und du kannst nicht aufhören, darüber zu reden.“ „Eben. Das ist ja Teil der Perfidie. Siehst du, wie böse dieses Buch ist? Da will einer Erfolg haben, und wenn er mit dem Teufel einen Pakt schließen müsste. Aber Gott sei Dank werden wir es bald alle vergessen haben. Das passiert mit solchen Büchern ja immer. So schnell, wie sie kommen, so schnell sind sie wieder weg. Ich meine, es ist ja nicht ‚Holzfällen’. Mein Gott.“ „Was, mein Gott?“ „Ich glaube, ich habe schon wieder einen literarischen Querverweis gefunden. Oder ist das nur etwas, was mir der Klappentext suggeriert hat? Ich sage dir, der Mann hat Germanistik studiert. Oder doch nur der Verfasser des Klappentexts? Wie eine gute Freundin von mir immer schon sagte: ‚Kann ja nichts rumkommen bei.’ Sie meint, bei diesen Germanisten.“ „Aber wenn es dir so ein Anliegen ist, warum schreibst du nichts darüber?“ „Und wie schaut das dann aus? Erfolgloser Schriftsteller will sich an den Erfolg eines jüngeren Kollegen anhängen, indem er ihm ans Bein pinkelt. Das habe ich noch gebraucht.“ „Lege es halt nicht als Ans-Bein-Pinkeln an.“ „Sondern wie?“ „Als besorgtes Erkundigen. Mir würden da ein paar einfallen.“ „Als da wären?“ „Beispielsweise, dass du hoffst, dass er Intimrasuren nicht so durchführt, wie die im Buch beschriebene.“ „Also erstens soll man ja nie annehmen, dass das Erzähler-Ich identisch ist mit dem Autoren-Ich …“ Thomas Soxberger hat 2004 bei Männerschwarmskript den Roman "Fast Glück" veröffentlicht. online seit 19.02.2008 14:01:57 autorIn und feedback : Thomas Soxberger |
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