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Trip away to Genderfuck „Orlanding the Dominant“ im brut Konzerthaus: Eine Nachlese Oberflächlich betrachtet ist „Orlanding the Dominant“ nichts weiter als ein Singspiel, das sexuelle Andeutungen riskiert, diverse Klischees bedient und sich zwischen burlesker Stripshow und Drag bewegt. Und dennoch schien es so, als hätten alle nur darauf gewartet, um sich in das kleine Theater an die kleinen Tischchen zu quetschen und vergnügt zu quietschen. Das Stück basiert auf Virginia Woolfs „Orlando“, deren Hauptfigur das Geschlecht wechselt und über hunderte Jahre nicht mehr altert. Orlando wird im Stück zu einem Tun, zu „Orlanding“, um somit dominierende Vorstellungen zu transformieren und performativ zu überschreiten. Die Bühne, auf der die Geschichte erzählt wird, gleicht einem T-förmigen Laufsteg, der in einem Schiffsbug endet. Die Inszenierung ist erfrischend konsequent in ihrem Genderfuck, die Figur der/des Orlando haftet nicht an einer Person, Orlando wird von allen Beteiligten in ihrer speziellen Art und Kostümierung ge- und bespielt: die Butch, wie auch die Femme, der Sissy Boy als auch die schöne Maid. Nichts muss versteckt werden, weder die dominante Femploitation-Heldin, noch das an den Verstrickungen Orlandos nähende Kollektiv, das im Madrigal die Anti-Hymne anstimmt: „Ich bin fertig mit den Menschen!“ Es sind gerade die Aneignungen und Weiterschreibungen, die die Lust am Stück vor sich hertreiben: Orlando in Konstantinopel etwa die Klischees des Orients genießend, lässt sich vom Schleiertanz einer Bauchtänzerin verzaubern – im Stil des imperialistischen Orientalismus, jedoch mit einem Augenzwinkern der queeren Dekonstruktion. Der Schleier gleicht einem Quilt, der aus den ansonsten für den so genannten Hanky-Code verwendeten Tüchern besteht, der Schwertschlucker trägt hingegen keinen Klebe-, sondern einen goldenen Häkelbart. Die Transformation Orlandos zur Frau wird schließlich mit einer Bondage-Titantic-Persiflage vollzogen, am Bug des Schiffes, die Arme ausgebreitet, gleichfalls auf zu anderen Ufern. Was folgt sind Reisen durch die Gezeiten, aber auch die schreckliche Erkenntnis, welche Enteignungen mit dem Geschlechterwechsel erfolgen: Zurückgekehrt wird Orlando erklärt, dass ihr Hab und Gut enteignet sei. Dies bedeutet nicht nur den materiellen Entzug, sondern auch das Absprechen von Kontext und Macht. Sie sucht Trost und Rat in der Natur und findet schließlich eine Liebe, die sich nicht am Zwang zur Heterosexualität oder der Geschlechtsidentität („Bist du sicher, dass du ein Mann bist?“) orientiert. Dies mündet in eine Revue (feministischer) Künstlerinnen, die sich einerseits wie eine Freakshow gebärdet, jedoch gleichzeitig eine marginalisierte Kunstgeschichte zitiert und sie parodistisch aus dem Orkus fischt: Laurie Anderson, Yoko Ono, Nan Goldin, Annie Sprinkle, Carolee Schneeman, die Gorilla Girls, Elke Krystufek, Marina Abramovic, die Theorie-Garde Judith Butler, Beatriz Preciado, Judith/Jack Halberstam darf nicht fehlen, schließlich schießt Valerie Solanas mit samt Andy Warhol alle Anwesenden über den Haufen, die dann wiedergängerisch noch weitere Heroinen mimen. Tod, alles aus? Nicht bei Orlando und nicht bei „Orlanding the Dominant“: Versprechen sie uns in ihrem Abschlusssong doch weitere tausend Jahre „troubled gender“. Noch mal tausend Jahre? Vielleicht ist das doch ein wenig zu einfach gestrickt, das Risiko im übermäßigen Gender Trubel ist, nur auf einer Seite des Bootes im Kreis zu rudern. Randthemen, die das Stück eröffnet, etwa die Reproduktion orientalistischer Klischees oder mit den Entscheidungen, welche Künstlerinnen aus der Versenkung am Laufsteg auftauchen, werden dann vielleicht doch ein wenig gar zu schnell abgehandelt. Musikalisch geht die Reise quer durch den Schrebergarten, was für intensive Brüche sorgt: Das kann sehr schöne Momente kreieren, oder aber am Publikum vorbeitönen. Die Kostüme ordnen sich irgendwo zwischen Extravaganz und Trash ein, versuchen Historisches anklingen zu lassen und gleichzeitig futuristisch zu erscheinen. In Summe ein wahrlich vergnüglicher Abend, der eine trotzdem mit der Ungewissheit hinterlässt: Wo geht es raus aus dem Heckenlabyrinth? online seit 14.02.2008 11:29:04 (Printausgabe 40) autorIn und feedback : Marty Huber |
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