![]() |
| |
|
|
||||||
| |
||||||||
|
Von Weltmeisterinnenschaften und Kapitänen Aufzeichnungen aus minoritären Fußballgefilden Mittwoch, 26. September 2007 15h, Casino Admiral, Prater Du musst dir das so vorstellen: Die fantastisch übertriebene Inneneinrichtung sieht ziemlich genau so aus wie ich mir Dubai Proll vorstelle. Viel falsches Gold, dicke Teppiche, fette Fauteuils, abenteuerliche Statuen. Heute sind ausnahmsweise alle Tische leer und auf den zehn Monitoren und vier Leinwänden läuft ein und dasselbe Spiel: Deutschland und Norwegen stehen sich im ersten Halbfinalspiel der Fußball WM in China gegenüber. In den ersten Minuten stelle ich eher betreten fest, wie gut man sich das anschauen kann. Ich habe scheißliches gehört und gelesen über das nicht mal Kreisliga-Niveau im internationalen Frauenfußball, aber das hier … Bildregie und Kameraeinstellungen machen auf Champions League, alles glänzt in übersättigten Farben im Flutlicht, alles tut auf WM. Das deutsche Team spielt schön schnell. Norwegen performt vor allem in der zweiten Hälfte eher blass. Trotz der vielen Fehlpässe denke ich, dass man sich das besser anschauen kann als Mattersburg gegen Austria Kärnten auf schlammiger Pappelstadionlandschaft. Schon allein wegen der Aufmachung. „Diese ewigen Vergleiche mit dem Männerfußball gehen mir auf die Nerven. Das macht beim 100-Meter- Lauf ja auch keiner,“ (1) sagt Birgit Prinz, die Weltfußballerin 2003, 2004 und 2005. Frauenfußball ist technischer, so einer der wenigen positiven Gemeinplätze. Sonst ist meistens und schnellstens von konsequent nicht vorhandener Taktik, extra schlechter Defensive und natürlich motorisch wenig talentierten Eiergoalies die Rede. Diese Schemata erinnern in ihrer verblendeten Überheblichkeit nicht selten an die postkolonial gefärbten Einschätzungen eurozentristischer Kommentatoren, wenn afrikanische Teams bei Männerweltmeisterschaften antreten. Eine norwegische Spielerin liegt verletzt am Boden. Die Schiedsrichterin kniet neben ihr und streichelt ihr den Rücken. Eine deutsche Stürmerin läuft ins Abseits, der Pfiff kommt sofort, sie lächelt im bremsen. Die Schiedsrichterin, noch mit Pfeife im Mund, sie lächelt auch. Irgendwie irritiert mich so was. Einige Minuten später, als wieder ein Schuss aufs norwegische Tor nur knapp vorbei geht, signalisiert die norwegische Keeperin der Schiedsrichterin dass sie mit den Fingerspitzen noch dran war, es also Ecke geben muss. Ob sich Jens Lehmann an den Kopf greift angesichts einer derart fairen Geste in einem WM Halbfinale? Das 2:0 von Deutschland fällt nach Zuckerpass von Birgit Prinz auf Kerstin Stegemann, Martina Müller erhöht 4 Minuten später auf 3:0. Das war’s dann wohl für die Norwegerinnen. Die meisten Fußballerinnen schauen selber lieber Männerfußball. Vielleicht aus dem selben Grund aus dem Arsene Wenger nicht so auf Nationalteamfußball steht: „I am not a great fan of national teams because I am interested in whether the football gets better and better”. Besserer Fußball wird nicht von Nationalteams gespielt. Besserer Fußball wird in Clubs über Jahre erarbeitet. So gesehen ist es kristallklar, dass der Männerfußball dem Frauenfußball heute außerordentlich überlegen ist. Gegenwärtig spielen in etwa so viele Frauen Fußball wie Männer um 1900. Und dann ist da noch die Kohle, die im Männerfußball steckt. Kohle, die sich vor allem in besseren Bedingungen und Ressourcen manifestiert. Die meisten Kickerinnen des österreichischen und deutschen Frauenvereinsfußballs sind keine Vollzeit- Kickerinnen. Die brasilianische Nationalspielerin Christiane zum Beispiel ist im Kader von Turbine Potsdam, neben der zweiten Brasilianerin Paula die einzige Spielerin deren Beruf laut Website „Fußballerin“ ist. Sie wurde 2005 mit der Perspektive auf ein Monatsgehalt von 1500,- und einem über einen Sponsor finanzierten Auto zum deutschen Club geholt. Und Spielerinnen des SV Neulengbach hatten unlängst vor einem UEFA-Cup Spiel Probleme, von ihren ArbeitgeberInnen für die geblockten Spieltage freigestellt zu werden. Fast drängt sich hier der von gegnerischen Fans gerne gesungene Anti-Chant „Ihr seid nur eine Autobahnabfahrt, Autobahnabfahrt, Autobahnabfahrt“ auf. Willkommen im semiprofessionellen Hobbyfußball! 29.09.2007 2. Halbfinale, USA: Brasilien Noch keine zehn Minuten gespielt und schon macht Christiane ihre erste Schwalbe. Die Brasilianerinnen schimpfen, pöbeln, posen und mir taugts irgendwie. Die Arroganz in den manierierten Fopp- und Markierbewegungen, das völlig überzeichnete sich-am-Boden- wälzen nach einem Foul, es macht mich lachen – und kopfschütteln. Krass eigentlich. Wenn Drogba und Christiano Ronaldo solche Sachen machen, kommt mir die Kotze. Dann aber eine extrafoule Geste von Christiane: Sie zieht links nach vorne, stolpert, reißt im Stolpern die amerikanische Verteidigerin, die einen Schritt vor ihr läuft, mit. Beide gehen zu Boden, und Christiane bedeutet der Schiedsrichterin mit zwei Fingern dass sie die zweite gelbe Karte für Shannon Boxx sehen will. Die Schiedsrichterin zeigt tatsächlich gelb rot, Shannon Boxx trabt ohne zu protestieren vom Feld und Christiane lässt sich zu einer übertrieben blöden YES! Geste mit Faust hinreißen. So was nervt dann doch. Und dann fetzt Marta das 2:0. Mit links. Ein paar Momente später macht sie echt die Zidane Roulette. Im Strafraum. In der 80ten Minute dann das unpackbar leiwand getrickste 4:0. Wahnsinn. Am Ball kann sie alles. Mit dem Rücken zum Tor nimmt sie mit rechts den Ball an, spielt in dann aber überraschend mit der linken Ferse an der Verteidigerin vorbei um in über die andere Seite kommend wieder anzunehmen und nach 2 Dribblings reinzumachen. Wunderschön! Marta spielt wie ein Mann, sagen manche. Und irgendwann, in einer unbekannten Zukunft, wird das vielleicht nicht mehr heißen besser als jede Frau. Maribel Dominguez Castelan, aka Marimacho, aka Marigol, eine fabelhafte mexikanische Fußballerin, die in ihren Teeniejahren von einer Trainerin in der Kabine aufgefordert wurde ihre Fut zu zeigen, um zu beweisen, dass sie eine echte Biofrau ist, hat 2004 einen Zweijahresvertrag mit dem mexikanischen Zweitligamännerverein Atletico Celaya unterschrieben. Marimacho wollte es versuchen, um zu lernen und um stärker zu werden, aber dazu ist es nicht gekommen. Denn Joseph Blatter, der Fifa Präsident, der gerne Weltmeisterinnen bei der Medaillenvergabe küsst, hat es verboten. Jetzt hat die Fußballwelt also ein Gesetz, das das professionelle gemischte Fußballspielen verbietet. Maribel meint, dass für viele Profifußballerinnen mit Männern zu spielen die einzige Möglichkeit ist, spielerisch noch zu wachsen und besser zu werden. Und ich meine, dass derartige Verbote grundsätzlich zu hinterfragen sind, wenn doch nur die Praxis zeigen könnte, ob Männer und Frauen und alle, die es dazwischen noch gibt, miteinander professionell Fußball spielen können oder nicht. Also: Blatter verpiss dich, keiner vermisst dich! (This goes out to the FIFA president aber auch an unseren lokalen Abschiebeprotektor mit hartem P) Denn „es gibt nicht nur zwei Geschlechter und nicht nur eine Welt“, wie es so schön in einem Brief der Zapatistas an Inter Mailand heißt (2). 30.09.2007 Das Finale Der ZDF Kommentator ergeht sich in so doofen wie schablonenhaften Einschätzungen: „Die technisch starken aber foulen Brasilianerinnen müssen heute gegen deutsche Tugenden ran.” Aufsehen erregendes wird erwartet, aber wie so oft gestaltet sich das große Finale eher unaufgeregt. Finalspiele sind oft schlecht. Beide Teams haben viel zu verlieren. Im empfindlich entscheidenden Moment dieses Spiels scheitert Marta mit einem matten Elfmeter an der Torfrau des Turniers: Nadine Angerer - oder die Titanin, wie man sie dieser Tage in Deutschland nennt. Brasilien wurde nicht Weltmeisterin („Wir waren vielleicht ein bisschen überheblich” (Marta im Fernsehinterview nach dem Finale), aber Marta bekam den goldenen Schuh für die meisten Tore und Vorlagen und wurde außerdem zur besten Spielerin des Turniers gewählt. Tja, Defense wins Championships, und in diesem September wird Deutschland, ohne auch nur ein einziges Tor bekommen zu haben, Weltmeisterin. Oder Weltmeister wie es bei den Spielerinnen selbst heißt. Der ZDF Kommentator bereitet uns indes darauf vor, dass Birgit Prinz gleich als Kapitän die Trophäe entgegennehmen wird. Das kleine „in” ging wohl auch in diesem Fall in der gerne strapazierten Generosität, was geschlechtsneutrale Sprache im Frauenfußball angeht, verloren. Die Mannschaft, der letzte Mann, der Kapitän (oder die Kapitän?). „Mannschaftsführer” Birgit Prinz wird jetzt also gleich die Trophäe entgegennehmen; es ist soweit: Deutschland ist wieder Weltmeister und dieses Jahr gibt es erstmals auch im Frauenkick reale Kohle für den Titel. 1989 bedachte man die deutschen Spielerinnen noch mit je einem Teeservice und einem Bügelbrett für den Europameisterinnenschaftstitel, dieses Jahr gab’s pro Spielerin eine 50 000.- Euro Überweisung von der FIFA. Zudem zeigte Eurosport 25 der 32 Spiele live und ARD und ZDF alternierend immerhin alle Spiele mit deutscher Beteiligung. Der internationale Frauenfußball ist also in der medialen und ökonomischen Verwertbarkeit angekommen. Hurra, hurra die Professionalisierung ist da! Das ist gut und schlecht. Nur, Überraschung, der ORF hats verpennt. Eine knappe Erwähnung in diversen Nachrichtenformaten nach dem Finalspiel und die Frage an Kurt Jara in Sport am Sonntag, ob denn ein Trainerposten im Frauenfußball was für ihn wäre, die der Gefragte zurückgelehnt mit einem übertrieben süffisanten „Ich glaube nicht“ abtat. Dafür laufen jenseitig miese Spots, in denen die EM 2008 als Mega-Aufrisszone beworben wird. Na dann, wie Herbert Prohaska sagen würde: Gut-te Nacht! online seit 01.02.2008 14:06:15 (Printausgabe 39) autorIn und feedback : Nettie Honeyball Links zum Artikel:
|
|
Wie kann das zusamengehen? Overlapping Voices – Israeli and Palestinian Artists [25.09.2008,Heide Hammer] Treten Sie näher! Fahren Sie mit! Das Europäische Sozialforum von 18. bis 21. September in MALMOE (Schweden) [05.09.2008,Carl-Johan Petter (SF Malmö) ] „Der Kampf wird lang sein…“ Schüsseltexte der 68er. [29.08.2008,Birge Krondorfer] die vorigen 3 Einträge ... die nächsten 3 Einträge ... |
||||||
![]() |